Nikolai Roslavets war einer der ersten Komponisten, der eine Musiksprache jenseits der zu seiner Zeit noch geltenden harmonischen Tonalität zu entwickeln begann. Noch vor Arnold Schönberg schuf er atonale Strukturen, die auf einem „Synthetakkord“ aus sechs oder mehr Tönen fußten, der auf allen zwölf Tonstufen der Halbtonskala eingesetzt werden konnte. Anders als bei Schönberg mussten aber grundlegende Prinzipien der klassischen und romantischen Harmonik nicht um jeden Preis vermieden werden. In seiner musikalischen und kompositorischen Entwicklung war Roslavets weitestgehend Autodidakt. Geboren wurde er am 23. Dezember 1880 in Duschatin in der Ukraine. Er wuchs in bäuerlichen Verhältnissen auf und begann im Alter von sieben Jahren, nach Gehör Geige zu spielen. Mit dreizehn Jahren verdiente er sich seinen Lebensunterhalt bereits selbst und versuchte stets, sich musikalisch weiterbilden zu können. Unter anderem nahm er Unterricht bei einem jüdischen „Hochzeitsgeiger“. Ende der 1890er Jahre zog die Familie nach Kursk, wo Roslavets in eine Musikklasse der Russischen Musikgesellschaft aufgenommen wurde. 1901 ging er nach Moskau und studierte bis 1912 am Konservatorium. Für seine Diplomarbeit zum Studienabschluss erhielt er die Große Silbermedaille. 1921 wurde Roslavets Professor an der Musikakademie in Charkiv, 1922 leitete er das Konservatorium. Später wurde er Leiter der politischen Abteilung des Staatlichen Musikverlages. 1924 wurde er Herausgeber der marxistisch ausgerichteten Zeitschrift „Myzyka“. Wegen „formalistischer“ und „klassenfeindlicher“ Betätigung wurde ihm schließlich jedoch Berufsverbot erteilt. 1931 zog Roslavets nach Taschkent, wor er als Leiter, Dirigent und Komponist am dortigen Musiktheater tätig war. Zwei Jahre später zog er nach Moskau. Dort starb er am 23. August 1944. Roslavets hat sich mit seinen Bemühungen um die zeitgenössische Musik und mit seinen avantgardistischen Kompositionen viele Feinde gemacht. Die traditionalistische „Russische Assoziation Proletarischer Musiker“ erklärte ihn zum „Fäulnisprodukt der bürgerlichen Gesellschaft“. Mehrere Jahrzehnte galt er als „Volksfeind“ und gehörte bis in die jüngste Vergangenheit zu den verfemten Komponisten der Sowjetunion bzw. der russischen Föderation. Viele seiner Manuskripte wurden vernichtet bzw. sollten vernichtet werden. Roslavets’ Witwe und seinem Schüler, dem Komponisten Teplow gelang es jedoch, einen Großteil zu retten. Erst nach und nach wurden Roslavets’ Werke wieder zugänglich und durch den Verlag Schott Musik International bzw. Kompozitor International, Mainz, veröffentlicht. Neben zahlreichen Orchesterwerken, Liedern, Klavier- und Kammermusik kommt seinen fünf Violinsonaten (1913-1923) besondere Bedeutung zu, da sie zu den frühesten atonalen Werken in Russland zählen.
»Nikolai Roslavets: Biographie und Einspielungen«
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