Heute zählt der Bariton Thomas Quasthoff zu den herausragenden und markantesten Sängerpersönlichkeiten unserer Zeit. Dass er jemals eine solche Karriere schaffen und als Sänger erfolgreich sein würde, war von Anfang an allerdings alles andere als wahrscheinlich. Er wurde am 9. November 1959 mit einer Conterganschädigung in Hildesheim geboren. Durch seine Behinderung war er zunächst vom normalen schulischen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Seine Kindheit verbrachte er unter schikanösen Umständen in einem lagerähnlichen Wohnstift für Schwerstbehinderte, aus dessen Isolation er sich schließlich nur dank des Einsatzes seiner Eltern und seines älteren Bruders Michael befreien konnte. In einem Dokumentarfilm (The Dreamer, 2004/2005) beschreibt er diese schwere Zeit. Sein Vater erkannte das musikalische Talent seines behinderten Sohnes und setzte alles daran, ihm Gesangsunterricht zu ermöglichen. Ein Studium an der Musikhochschule Hannover wurde ihm jedoch verwehrt, da er aufgrund seiner Behinderung kein zweites Instrument spielen konnte. 1972 erhielt er schließlich doch eine Gesangsausbildung bei Charlotte Lehmann in Hannover. Nach dem Abitur studierte Quasthoff zunächst Jura, brach das Studium aber ab und arbeitete bei der Kreissparkasse Hildesheim. Gleichzeitig trat er als Jazzsänger und Kabarettist mit Stimmparodien auf. 1988 schaffte Quasthoff, was kaum jemand für möglich gehalten hätte: Er gewann den ARD-Wettbewerb in München. Dies war der Beginn einer unglaublichen Karriere, die ihm neben Engagements als Lied- und Konzertsänger sogar Opernengagements bescherte. Im März 2003 gab Quasthoff bei den Salzburger Osterfestspielen sein Operndebüt in der Rolle des Ministers in Beethovens Fidelio mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle. Im Frühjahr 2004 folgte sein umjubeltes Debüt an der Wiener Staatsoper als Amfortas in Wagners Parsifal unter der künstlerischen Leitung von Donald Runnicles, im Januar 2005 verkörperte er die Rolle erneut unter Sir Simon Rattle. Mit seinem ersten Auftritt beim Oregon-Bach Festival 1995 konnte sich Quasthoff auch in den USA etablieren, wo er in der Folge ein gern gesehener Gast sowohl bei den großen Orchestern als auch bei Festivals war. 1999 gab er mit Schuberts Winterreise sein gefeiertes Liederabenddebüt in der New Yorker Carnegie Hall, wohin er seitdem regelmäßig zurückkehrte. Für seine Aufnahmen von Schubert-, Brahms-, Liszt- und Mahler-Liedern und seinen Bach-Kantaten-Einspielungen (bei BMG, DG, EMI und Sony Classical) erhielt Thomas Quasthoff zahlreiche Auszeichnungen. Bereits 1996 war er zum Professor an die Hochschule für Musik in Detmold berufen worden, seit dem Wintersemester 2004/2005 ist er Professor für das Fachgebiet Gesang an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. 2005 wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland für seine künstlerische Tätigkeit verliehen. Von der Opernbühne zog sich Quasthoff 2006 wieder zurück, um sich verstärkt seiner Lehrtätigkeit und seinen Konzerten widmen zu können. 2009 wurde Quasthoff in London mit der Gold Medal der Royal Philharmonic Society ausgezeichnet. Die Medaille wird seit 1870 an herausragende Musiker und Komponisten verliehen, darunter Johannes Brahms, Richard Strauss, Claudio Abbado, Alfred Brendel, Placido Domingo, Daniel Barenboim und Simon Rattle. Der Tod seines Bruders Michael 2010 erschütterte den Sänger nachhaltig, so dass er 2012 seine Karriere als aktiver Sänger beendete. 2017 kehrte Thomas Quasthoff allerdings wieder zurück ins Aufnahmestudio und veröffentlichte im Mai 2018 bei Sony Classical mit Nice ’n’ Easy ein Programm von Jazz-Klassikern mit der NDR Bigband und Frank Chastenier, Dieter Ilg, Wolfgang Haffner und Till Brönner.
»Thomas Quasthoff: Biographie und Einspielungen«
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