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CD-Besprechung

Ferdinando Paër

Leonora

cpo 555 411-2

2 CD • 2h 30min • 2020

13.09.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Ein Jahr vor Beethovens erstem Fidelio-Versuch unter dem Titel Leonore (1805) kam an der Dresdner Hofoper Ferdinando Paërs Leonora heraus. Gemeinsame Quelle beider Werke war Jean Nicolas Bouillys Libretto Léonore ou l’Amour coniugal, das in der Vertonung von Pierre Gaveaux 1798 zum ersten Mal auf die Opernbühne fand. Paërs Librettisten Giuseppe Maria Foppa und Giacomo Cinti schlossen sich eng an Bouillys Vorlage an. Das Personal und der Handlungsverlauf sind auch mit Beethovens Fidelio identisch. Die Figur des Jaquino, hier eine Baßrolle, wird erheblich ausgebaut und trägt wie diejenige Roccos deutlich buffoneske Züge. Marcellina hat zwei Arien zu singen und wird als kokette junge Frau dargestellt, die auf dem Höhepunkt der Handlung im Kerker auftaucht und von Fedele ein Liebesgeständnis erpreßt. Pizzarro ist eine musikalisch unergiebige und unprofilierte Tenorpartie. Der Gefangenenchor, bei Gaveaux in bescheidener Ausführung vorgegeben, entfällt bei Paër. Seine Leonora ist eine italienische Gesangsoper nach dem Geschmack der Zeit und schon auf Rossini vorausweisend, anstelle der gesprochenen Dialoge treten gesungene Rezitative, teilweise vom Orchester begleitet. Die Ouvertüre ist im Stile der Opera buffa gehalten und kündigt noch wenig von den dramatischen Konflikten des Stückes an. Auch danach mildert der Buffoton die Schrecken dieser „Rettungsoper“, die nur in den Gesängen Leonoras und Florestanos ein gewisses Pathos zeigt. In der Behandlung der Singstimmen setzt Paër auf Virtuosität: Brillante Koloraturen für Leonora und Marcellina verstehen sich von selbst, doch auch Florestano erhält am Ende seiner Kerkerarie eine entsprechende „Roulade‟.

Keine Ausgrabung

Über die Einflüsse von Paërs Leonora auf Fidelio ist in der Musikwissenschaft viel spekuliert worden. Einerseits steht fest, dass Beethoven das Werk des italienischen Kollegen erst einige Zeit nach der Fertigstellung seiner eigenen Leonore auf der Bühne sah. Doch da sich die beiden Komponisten persönlich kannten und schätzten, ist nicht auszuschließen, dass sie sich über ihre Projekte austauschten. Im Nachlaß Beethovens fand man jedenfalls ein Partitur-Manuskript der Paërschen Oper. In einigen Nummern wirken die musikalischen Parallelen mehr als zufällig, so am Beginn der Leonoren-Arie, am Beginn der Kerkerarie und während des Grabe-Duetts, wo Beethoven ein artverwandtes Motiv für die Gestaltung des Arbeitsvorgangs wählt.

Eine Ausgrabung kann man den vorliegenden Mitschnitt von den letztjährigen Innsbrucker Festwochen der Alten Musik nicht nennen. Schon in den späten 70er Jahren hat Peter Maag das Werk bei den Schwetzinger Festspielen, der RAI Milano und beim Bayerischen Rundfunk neu zur Diskussion gestellt. Von den beiden erstgenannten Aufführungen gibt es inoffizielle Mitschnitte, die BR-Produktion mit Urszula Koszut, Siegfried Jerusalem und Edita Gruberova wurde bei Decca auf Schallplatten eingespielt und vor kurzem in der Reihe „Eloquence“ als CD neu aufgelegt. Auch eine Aufführung in Winterthur im Jahre 2000 mit dem jungen Jonas Kaufmann wurde auf Tonträgern aufgezeichnet.

Fabelhafte Sänger

Die Innsbrucker Sängerbesetzung ist exzellent. Die beiden Sopranistinnen Eleonora Bellocchi (Leonora) und Marie Lys (Marcellina), ebenbürtig an Stimmqualität, Technik und dramatischem Zugriff, liefern sich einen Wettstreit in vokaler Bravour. Dass sie beide dasselbe Stimmfach singen (lyrischer Koloratursopran) und dass in ihren gemeinsamen Szenen die heroische Titelheldin schlanker und filigraner klingt als ihre naive Gegenspielerin, stört in Anbetracht dieser Qualitäten nur wenig. Von ähnlicher Klasse ist der Tenor Paolo Fanale, in Partien Mozarts und Donizettis erprobt, der sich als Florestano mit vielen Zwischentönen als Zeuge alter Belcanto-Tradition ausweist. Aus der musikalisch stiefmütterlich bedachten Partie des Don Pizzarro holt der hier baritonal klingende Tenor Carlo Allemano das Bestmögliche an dramatischem Profil heraus. In stimmlicher Prachtform gibt Renato Girolami einen gutmütig polternden Kerkermeister, sein jüngerer Fachkollege Luigi De Donato als Giachino steht ihm kaum nach. Als Don Fernando, der bei Paër weniger salbungsvoll angelegt ist als bei Beethoven, zeigt der Kroate Krešimir Špicer markante tenorale Präsenz.

Alessandro De Marchi leitet das Innsbrucker Festwochenorchester mit dramatischem Feuer, als gelte es, Paërs Oper gegenüber Beethoven ins Recht zu setzen. Trotz vieler feiner instrumentaler Details ist mir der Orchesterklang manchmal etwas zu kompakt, vor allem in den knalligen tutti, doch im Endeffekt erstreiten Dirigent, Musiker und Sänger dem Werk einen eindeutigen Sieg, der sicher Folgen fürs Repertoire haben wird. Und darauf kommt es hier letztlich an. Dafür (und speziell für die Leistungen der Sänger) die höchste Bewertung.

Ekkehard Pluta [13.09.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ferdinando Paër
1Leonora (Oper in zwei Akten) 02:29:45

Interpreten der Einspielung

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