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SACD-Besprechung

deutsche harmonia mundi 82876 58705 2

1 SACD • 50min • 2003

06.09.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Manchmal gehen die Textredaktionen unserer Labels schon wundersame, unerfindliche Wege! Nikolaus Harnoncourt schwärmt durchaus glaubwürdig in den höchsten Tönen von Mozarts Requiem; er schildert einige historische Reaktionen, wundert sich über die große Popularität des Werkes – und bekommt dann im Anschluß einen zweiten Text zwischen die Beine geworfen, der sich wieder einmal mit dem Süßmayr-Problem und andern rekonstruktiven Wunderlichkeiten befaßt und am Ende verlangt, man solle doch bitte („schon der Ehrlichkeit halber”) einsehen, daß es dieses Requiem eigentlich gar nicht gibt.

Da wird sich der Käufer mit Sicherheit fragen, was er denn da eben gehört und was ihn daran womöglich an all die früheren Einspielungen erinnert hat, auf denen äußerst „unehrlich” der Titel Requiem zu lesen war? Doch keine Sorge: Generationen haben sich darüber gestritten, welcher musikalische Anteil Constanzes Kurschatten Süßmayr an der heute üblichen Aufführungsfassung zukommt, und die Welt wird sich auch dann in alter Weise drehen, wenn jemand aus purer Langeweile einen neuen Schluß zu dieser Totenmesse häkelt ...!

Zugegeben, sie wird sich auch durch den vorliegenden Live-Mitschnitt nicht anders drehen, doch neigt sich die Waagschale deutlich zugunsten des Dirigenten und seiner Ensembles. Über die Solobesetzung wird man streiten können – für mich ist die schönste, passendste Stimme in dieser Aufnahme der Tenor Kurt Streit, während Gerald Finley jenen bassösen „Pläster” vermissen läßt, der vor allem das Tuba mirum zu einem wirklich haarsträubenden Moment des Schreckens machen sollte. Nach anfänglichem Unwillen (das Lux perpetua wird wieder einmal ohne jeden syntaktischen Sinn herausgehämmert) gewinnt die Interpretation einen Schwung und eine Geschmeidigkeit, die immer dann besonders überzeugt, wenn Chor und Concentus zusammenwirken, während das Soloquartett zu einer Behäbigkeit neigt, die nicht ganz einleuchtet. Man höre beispielsweise die Abfolge des (sehr schön geratenen) Rex tremendae und des solistischen Recordare und frage sich, welche Konzeption hier am Werke ist. Soll nach alter Tradition das Gegenüber der überirdischen Heerscharen und der schwachen Menschheit ausgeführt werden? Dann fehlt dem irdischen Quartett im Angesicht der englischen Drohgebärden das Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen. Sollte aber vielleicht sogar jene Zeit vor dem Beginn des Christentums gemeint sein, in der Chor und Schauspieler menschliche Urtragödien verkündeten, dann sollte es erst recht radikal und rabiat zugehen. Wenn schon Beethoven, der selbst auf der Suche nach einer „Symphonie in den alten Tonarten” bis in archaische Regionen zurückdachte, dieses Requiem als „zu wild und furchtbar” bezeichnete und Harnoncourt just diese Attribute quasi programmatisch zitiert, dann müßte sich etwas von dieser furchtbaren Wildheit ja vielleicht auch gegenwärtig mitteilen: Historisches Erschrecken – die Lektüre etwa der Historia von D. Johannes Fausten oder feinster spanischer Inquisitionsakten – ist halt immer gemütlicher ...

Was also bleibt, ist eine Veröffentlichung, die ungeachtet der genannten Einschränkungen als Dokument einer Live-Aufführung sehr respektabel ausgefallen ist, die eine Barriere ankratzt und doch nicht überspringt. Wenn es Nigel Kennedy gelang, mit seiner ersten Einspielung der Vier Jahreszeiten die barocke Star-Figur Vivaldi ohne eigentliche Textveränderungen in einen modernen Virtuosen zu kehren, dann sollte das einem Nikolaus Harnoncourt doch eigentlich auch gelingen. Vielleicht nimmt er ja noch einen rundum „schockierenden” Anlauf ...

Rasmus van Rijn [06.09.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Wolfgang Amadeus Mozart
1Requiem d-Moll KV 626

Interpreten der Einspielung

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