Kenneth Hamilton plays Liszt
Volume 2: Salon and Stage
Prima Facie PFCD210/211
2 CD • 2h 27min • 2019, 2020, 2022
27.10.2023
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Klassik Heute
Empfehlung
Es darf in der Tat als außergewöhnlich gelten, wenn die Einspielung eines hierzulande zu wenig bekannten Pianisten den Rezensenten derart beeindruckt, dass er sich dessen Oxforder Dissertation über Franz Liszts Opernfantasien aus dem Internet herunterlädt und sich danach dessen Monographie zur Aufführungspraxis von Klaviermusik im 19. Jahrhundert „After the golden age“ beschafft. Kenneth Hamilton legt mit Vol. 2 seiner Liszt-Aufnahmen eine Referenzversion von Stücken vorwiegend über fremde Themen vor, die in der Forschung gern als unbedeutende Virtuosenmusik angesehen werden.
Quasi improvisando
Das Improvisieren war Franz Liszt offensichtlich in die Wiege gelegt worden. Bereits die Rezensenten seiner ersten Auftritte als 10-jähriges Wunderkind bestaunten diese Fähigkeit, über die jedoch jeder Pianist im 19. Jahrhundert verfügen musste. Bestand der Abschluss jedes Solovortrags doch aus einer Fantasie über Wunschmelodien der Zuhörer, die diese vorher auf ihren Visitenkarten notiert und in eine Vase geworfen hatten, aus welcher der Interpret, der die „Schlager der Saison aus Oper und Vaudeville“ kennen musste, dann eine bestimmte Anzahl von Wünschen ziehen durfte. Denn zu dieser Zeit dienten Konzerte primär der Unterhaltung. Diese „Hits“ wurden nach einer Einleitung über mehr oder weniger geschickte „Scharnierelemente“ verbunden und – wenn es sich ergab und der Pianist im Kompositionsunterricht bezüglich der typischen Harmoniefolgen der Belcanto-Oper aufgepasst hatte – miteinander kontrapunktiert.
Zudem war es üblich, vor den Hauptwerken des Programms ein Präludium zu improvisieren. Dies war besonders in Salons, in denen man den Zustand des Flügels nicht kannte, unbedingt erforderlich, um die dynamischen Möglichkeiten, die Tiefe des Tastenfalls und die Wirksamkeit des Dämpferpedals zu testen, denn bis gegen 1890 und auch noch danach konnte man auf die unterschiedlichsten Konstruktionen treffen.
Crash-Kurs Komposition
Liszts Kompositionsausbildung war mit einem Jahr Unterricht bei Antonio Salieri neben der Unterweisung in Klaviertechnik und Improvisation durch Carl Czerny in Wien sowie ein paar Monaten bei Ferdinando Paër (Oper, Instrumentation) und Anton Reicha (Kontrapunkt) in Paris sehr kurz ausgefallen. Instrumentieren lernte er im Laufe seiner Starkarriere autodidaktisch, indem er versuchte, den Orchesterklang auf die Möglichkeiten des Klaviers zu übertragen. Hierdurch schuf er gemeinsam mit Sigismond Thalberg und Frédéric Chopin den hochromantischen Klavierstil mit seinen mehreren Klangebenen. Dabei griff er gern auf seine bewährten Improvisationsmodelle zurück, baute bei Liedübertragungen virtuose Kadenzen ein, nutzte alle Lagen für einen abwechslungsreichen Klaviersatz und schuf so aus seinen Vorlagen hinreißende, ausgefeilte pianistische Kleinodien, die allerdings eine stupende Beherrschung des Instruments voraussetzen. Zudem hatten diese Übertragungen auch den Zweck, für Werke andere Tonkünstler zu werben. Deshalb die vielen Übertragungen nach Schubert-Liedern und Ausschnitten aus Wagner-Musikdramen. Kurzum: Was Liszt gefiel, wurde zum Klavierstück.
Souverän
Ich habe schon lange kein so hervorragend musiziertes Liszt-Recital gehört. Kenneth Hamilton spielt definitiv auf dem Niveau der ganz großen Virtuosen und braucht sich vor Marc-André Hamelin keinesfalls zu verstecken. Beide verfügen über die Fähigkeit, auf dem Klavier wirklich zu singen, Melodien als Spannungsbögen zu phrasieren. Niemals wird das Instrument aus technischen Nöten als Schlagzeug missbraucht. Dabei erhält bei Hamilton jede Klangebene, gleichgültig ob es sich um Bassfundament, Belcanto-Melodie oder die die beiden Kernelemente umrauschende Figuration handelt, ihre eigene Farbe und Gestaltung. Dies setzt neben virtuoser Beweglichkeit einen extrem entwickelten Klangsinn und eine äußerst differenzierte Anschlagskultur voraus. Dann wirken diese Kompositionen brillant, dramatisch, schwärmerisch, jedoch niemals aufgedonnert. Das mag weniger spektakulär wirken als bei nicht ganz so souveränen Pianisten, die demonstrativ auf den „Kuck mal wie schwer das ist“-Effekt setzen. Hamilton hat diese billigen Effekte nicht nötig, sodass man die beiden CDs ohne Übersättigung und dem Gefühl des Erschlagen-Seins bequem am Stück hören kann. Das ist die höchste Form der Virtuosität: eine Kunst, die es sich leisten kann hinter die reine Kunstfertigkeit zurückzutreten, anstatt diese zur Schau zu stellen.
Extra-Lob für Klang und Booklet
Klangtechnisch wurde der Flügel hervorragend eingefangen. Der vom Interpreten selbst verfasste, durchaus humorvolle, ausführliche Booklet-Text verdient – obwohl er nur in einem ausgesprochen eleganten Englisch vorliegt – ein Extra-Lob.
Fazit: Stupendes Liszt-Spiel voller Poesie und ohne Allüren, das so mancher aktuell in den Feuilletons hochgeschriebene Pianist niemals erreichen wird. Man vergleiche nur Hamiltons superbe Interpretation der h-Moll-Sonate (Vol.1) mit dem jüngst erschienenen Versuch von Igor Levit. Allen Freunden des Klaviers und der Romantik nicht nur definitiv empfohlen, sondern ans Herz gelegt.
Thomas Baack [27.10.2023]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
---|---|---|
CD/SACD 1 | ||
Franz Liszt | ||
1 | Tannhäuser-Ouvertüre von Richard Wagner S 442 (Konzertparaphrase) | 00:15:20 |
2 | O du mein holder Abendstern S 444 (aus "Tannhäuser" von R. Wagner; Transkription für Klavier) | 00:06:03 |
3 | Soirées de Vienne Nr. 6 S 427 (Valse-Caprice nach Franz Schubert) | 00:10:02 |
Franz Schubert/Franz Liszt | ||
4 | Ständchen S 560/7a (Leise flehen meine Lieder - aus: Schwanengesang) | 00:05:39 |
Franz Liszt | ||
5 | Am stillen Herd S 448 (aus "Die Meistersinger von Nürnberg" von R. Wagner; Transkription für Klavier) | 00:08:25 |
Eduard Lassen/Franz Liszt | ||
6 | Ich weil' in tiefer Einsamkeit S 494/2 | 00:04:32 |
7 | Löse, Himmel, meine Seele S 495 | 00:04:54 |
Felix Mendelssohn Bartholdy/Franz Liszt | ||
8 | Auf Flügeln des Gesanges S 547/1 | 00:03:36 |
Franz Liszt | ||
9 | Spinnerlied S 440 (aus "Der fliegende Holländer" von R. Wagner; Transkription für Klavier) | 00:06:49 |
Charles Gounod/Franz Liszt | ||
10 | Hymne an die Hl. Caecilia S 491 | 00:08:56 |
CD/SACD 2 | ||
Peter Tschaikowsky/Franz Liszt | ||
1 | Polonaise aus Eugen Onegin S 429 | 00:06:10 |
Hans Bülow/Franz Liszt | ||
2 | Dante-Sonnett S 479 | 00:05:03 |
Franz Liszt | ||
3 | Konzertparaphrase nach der Oper »Rigoletto« von G. Verdi S 434 R 267 für Klavier | 00:07:07 |
4 | Illustration Nr. 1 S 415/1 (aus Giacomo Meyerbeers Oper Die Afrikanerin) | 00:09:15 |
5 | Paraphrase über Aida von Giuseppe Verdi S 436 | 00:10:38 |
6 | Liebestraum Nr. 1 S 541/1 (Hohe Liebe, Notturno) | 00:06:00 |
7 | Liebestraum Nr. 2 S 541/2 (Seliger Tod, Notturno) | 00:03:32 |
8 | Liebestraum Nr. 3 S 541/3 (O lieb, so lang du lieben kannst, Notturno) | 00:04:06 |
9 | Konzertparaphrase nach der Oper "Ernani" von G. Verdi S 432 R 265 | 00:07:19 |
Clara Schumann/Franz Liszt | ||
10 | Geheimes Flüstern hier und dort S 569/10 | 00:02:48 |
Franz Liszt | ||
11 | Konzertparaphrase über den Walzer aus Faust von Gounod S 407 | 00:10:48 |
Interpreten der Einspielung
- Kenneth Hamilton (Klavier)