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CD-Besprechung

Juan Carlos Navarro

»La Catedral«

GWK Records 148

1 CD • 69min • 2020

17.04.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Was ist es, was das Spielen oder Hören von Musik zu einem besonders tiefgehenden Erlebnis macht? Laut dem Gitarristen Juan Carlos Navarro sind es die Geschichten hinter der Musik, die einen ganz besonderen Zugang ermöglichen. Mit diesem Ansatz hat der peruanische Gitarrist die Werke auf seiner fünften CD, „La Catedral“, die bei GWK Records erschienen ist, ausgewählt. Hierauf kombiniert er Musik aus der Feder europäischer wie auch latein- und südamerikanischer Komponisten verschiedener Epochen – Hauptsache, die Werke haben für ihn eine besondere Geschichte. Den Anfang macht er mit Koyunbaba des zeitgenössischen italienischen Komponisten Carlo Domeniconi (Jg. 1947). In der kleinen Sonate erzählt dieser musikalisch die Geschichte des Mönchs Koyun Baba aus dem 15. Jahrhundert nach: So erzählt ein junger Hirte im ersten Satz dem Geist Koyun Babas (übersetzt „Vater der Schafe“), wie viel ihm seine Schafe bedeuten. Im zweiten Satz taucht dann ein Dieb auf, der dem Jungen einige seiner geliebten Schafe stiehlt. Domeniconi vertont hier die unruhige Suche des Jungen, ebenso wie zu Beginn des dritten Satzes seine Tränen, als er dem Geist den Diebstahl schildert. Im Finale kann nun der Dieb verfolgt werden und die Schafe kehren zurück. Auch aufgrund von Navarros Interpretation fällt es dem Hörer leicht, sich in die Geschichte von Annäherung und Trennung, Liebe und Hass hineinversetzen. Ebenfalls sehr bildhaft, wenn auch auf andere Art und Weise ist das titelgebende La Catedral von Agustin Barrios Mangoré. Der aus Paraguay stammende Gitarrist war im späten 19. frühen 20. Jahrhundert der erste große Gitarrenvirtuose Südamerikas. In La Catedral lässt er vor dem inneren Auge des Hörers die Atmosphäre in der Kathedrale von Montevideo entstehen mit dem geschäftigen Treiben draußen und der feierlichen Stille im Kirchenraum. Auch hier hört man Navarro den persönlichen Bezug zur Geschichte hinter der Musik an: 2019 besuchte er das Gotteshaus, um nachzuvollziehen, welche Eindrücke auch Barrios gemacht hatte.

Gitarrenmusik zwischen den Kontinenten

Mit den nächsten Werken von Fernando Sor, dem „Beethoven der Gitarre“, Francisco Tárrega und Johann Sebastian Bach schlägt Navarro auf seiner CD den Bogen zur europäischen Musik. Sor bearbeitete in seinem Opus 19 sechs Arien aus Mozarts Zauberflöte, was Navarro hier als eine sehr interessante und gekonnte Alternative zum so bekannten Original vermittelt. Ebenfalls bekannt werden den Meisten auch die Variationen Tárregas über das Thema Carnevale di Venezia von Paganini vorkommen – in Deutschland besser bekannt als Mein Hut der hat drei Ecken. Die Fassung für Gitarre ist nicht weniger virtuos als Paganinis Original und wird hier nuanciert und durchaus auch humorvoll umgesetzt. Egal wo man herkommt: Als klassischer Musiker führt kein Weg an der Musik Johann Sebastian Bachs vorbei und so setzt ihm auch der junge peruanische Gitarrist mit Bearbeitungen seiner Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003 ein kleines Denkmal, wobei Navarro vor allem im Allegro mit einem Spiel fasziniert, das fast wie von mehreren Instrumenten gespielt klingt. Einen Abstecher in der Filmmusik macht Navarro mit Un día de Noviembre des Zeitgenossen Leo Brouwer, einem der wichtigsten Komponisten für die Gitarre. Das Stück entstand ursprünglich für den 1972 auf Kuba gedrehten gleichnamigen Film von Humberto Solás. Nach diesem sehr ruhig fließenden, melodischen Werk, das wenig von Brouwers sonstigen neueren Tönen hat, beendet Navarro seine Aufnahme mit der im Vergleich dazu eher aufwühlenden Libra Sonatine von Roland Dyens und der ganz persönlichen Erinnerung an die Begegnung mit dem Komponisten 2016, kurz vor dessen Tod. Die Sonatine hatte Dyens im Kontext seines ersten Herzinfarkts geschrieben: So beschreibt der erste Satz die ersten Beschwerden, die er in Indien verspürte, aber nicht zuordnen konnte. Der Satz bleibt unruhig und ohne gleichmäßigen Puls. Nachdem im Mittelsatz „Largo“ das Leben gezwungenermaßen zum Stillstand kommt, bildet der Finalsatz das „Licht am Ende des Tunnels“ und die schiere (Über-)Lebensfreude, von Navarro hochvirtuos und gleichsam brennend umgesetzt.

Verena Düren [17.04.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Carlo Domeniconi
1Koyunbaba Suite op. 19 00:13:12
Agustín Pío Barrios Mangoré
5La Catedral 00:07:42
Fernando Sor
86 Arien aus der Zauberflöte op. 19 00:10:35
Francisco Tárrega
14El Carnaval de Venecia (Variaciones sobre un Tema de Niccolò Paganini) 00:08:50
Johann Sebastian Bach
18Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003, Andante 00:04:49
19Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003, Allegro 00:05:43
Leo Brouwer
20Un dia de Noviembre 00:05:08
Roland Dyens
21Libra Sonatine für Gitarre 00:13:09

Interpreten der Einspielung

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