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CD-Besprechung

Franz Liszt
Die Orgelwerke

Franz Liszt<br />Die Orgelwerke

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 30.10.06

NCA 60161-319

6 CD/SACD/DVD • 6h 05min • 2004/2005

Die Gesamtaufnahme der Orgelwerke Franz Liszts, die Martin Haselböck 2004 und 2005 auf Ladegast-Orgeln des 19. Jahrhunderts für NCA einspielte, erschien nun in einer aufwendigen Kassette. Es ist dies nicht die einzige neuere Gesamteinspielung; 1998 etwa legte Stefan Johannes Bleicher eine ebenfalls beachtliche Totale bei Arte nova vor, mit der sich Haselböcks systematische Tat nun gut vergleichen läßt.

Tatsächlich ist über weite Strecken ein großer stilistischer Unterschied in der Spielweise der beiden auszumachen, der nicht darauf zu reduzieren ist, daß Haselböck Orgeln verwendet, die von Friedrich Ladegast noch zu Lebzeiten Liszts gebaut wurden, und die dieser – wie die berühmte Merseburger Orgel – auch selbst kannte, Bleicher hingegen auf der 1897 abgenommenen und seither mehrmals umgebauten Stehle-Orgel der Linsebühlkirche aufnahm, also ein unwesentlich jüngeres Instrument verwendete. Die Hauptunterschiede liegen vielmehr in der Artikulation und der Phrasierung. Bleichers Artikulation ist am Gesang geschult; er bevorzugt generell weichere Registrierungen, was deutlich wird, wenn man etwa beider Interpretation des späten, verrätselten Requiem nebeneinander hält. Außerdem wählt er generell etwas bedächtigere Tempi, innerhalb derer er großen Wert auf eine geradezu belcantistische Phrasierung legt. Die einstimmigen Linien von Liszts Bearbeitung des Verdi´schen Agnus Dei aus dem Requiem werden von Bleicher so legatissimo artikuliert, daß sich die einzelnen Töne der Gesangslinie überlappen, aber gleichzeitig auch ein wirklich vokaler Eindruck entsteht: Bleicher ahmt den Chor nach. Haselböck hingegen übersetzt die Monodie in die Möglichkeiten des Tasteninstrumentes, phrasiert also weitaus dynamischer, faßt die Melodie zusammen: als organistische.

Ähnliches läßt sich für eine weitere Bearbeitung, die Übertragung der eigenen Tondichtung Orpheus sagen; hier ist zwar auch bei Haselböck eine gewisse Mechanik in der Imitation des Orchestralen, etwa in den Sequenzmodellen, nicht zu überhören; doch das ist ein kaum zu lösender Gegensatz zwischen originaler orchestraler Geschmeidigkeit und starrem Orgelklang, und zu einem namhaften Anteil auch in der Verarbeitungstechnik des Stückes selbst begründet. Generell jedoch ist die Artikulation weitaus lebendiger und geschmeidiger als die von Bleicher, der gelegentlich etwas steif agiert.

Haselböck kommt hier offenkundig zugute, daß er reiche Erfahrungen auch in der Interpretation barocker und klassischer Musik sammelte, die er nun in die Phrasierung auch hochromantischer Musik überträgt; dies ist, zumal, wenn das so undogmatisch betrieben wird wie hier, keineswegs ein ahistorisches Vorgehen, da sich Liszt ja wie kaum ein zweiter Komponist seiner Epoche auf Alte Musik bezog, wie seine Arcadelt-, Lasso- und Bach-Bearbeitungen beweisen. Es ist nun zwar wahrscheinlich, daß er hierbei die Ideale seiner Zeit verwirklichte; doch diese dürften zumindest anfangs noch viel weniger von den später so weithin durchgesetzten Klangvorstellungen Wagners geprägt gewesen sein, als dies für die heutige Aufführungspraxis festzustellen ist. Zudem imitiert Haselböck keineswegs die vielerorts kurzatmige Phrasenbildung vieler Historisierer, sondern gewinnt ein Höchstmaß an spontan wirkender Agogik und nicht zuletzt klanglicher Tiefenschärfe aus der Offenheit für Artikulationsweisen über einen eventuell zu sehr verengten Begriff romantischer Phrasierung hinaus.

Wiederum kann dies ein direkter Vergleich zwischen Bleichers etwas älterer Aufnahme und Haselböcks jüngerer Einspielung illustrieren. Auch Bleicher stürzt sich zwar energetisch in Liszts wohl berühmtes Orgelstück, Präludium und Fuge über B-A-C-H, kann jedoch nicht die fulminanten Reliefbildungen erreichen, die Haselböck durch äußerst geschickte Registrierungen dem Stück abgewinnt. Und der Unterschied im interpretatorischen Zugriff auf die aufregend moderne Meyerbeer-Fantasie von 1850 ist schließlich in beiden Spielweisen so enorm, daß man geradezu zwei Stücke zu hören vermeint: Während Bleicher sehr zurückhaltend, ja keusch, den reinen Text verwirklicht, zieht Haselböck sämtliche Register, um aus dem Stück das hypertrophe, blendende, unwiderstehliche showpiece zu machen, das dieses seinerzeit unerhörte Werk eben auch ist.

Mit diesem Mut zum Effekt wirkt Haselböck auch gut einer Gefahr entgegen, die der Autor dieser Zeilen in seiner ausführlichen Rezension der ersten Folge von Haselböcks Gesamteinspielung bemerkt hatte: daß nämlich die Orgelwerke auch angesichts der Gedecktheit, manchmal klanglichen Dumpfheit der historischen Instrumente, zu wenig plastisch vorgestellt werden könnten. Ohne falsche Vorsicht in geschmacklichen Belangen, die bei Liszt eben manchmal in Kauf genommen werden müssen, kehrt Haselböck hier tatsächlich einmal den Virtuosen Liszt heraus. Gerade dieser Vorzug ist es, der – weit mehr noch als die großzügige Ausstattung inklusive eines reich bebilderten Beihefts und einer DVD mit einer kenntnisreichen Einführung Haselböcks – eine überzeugende Lanze für Liszt, den Orgelvirtuosen, bricht.

Vergleichseinspielung: Liszt, Sämtliche Orgelwerke; Stefan Johannes Bleicher, arte nova 74321 59 199 2

Dr. Michael B. Weiß [30.10.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Liszt Fantasie und Fuge über den Choral "Ad nos, ad salutarem undam"
2 Ave Maria (I - 1853/1856)
3 Andante religioso (1857/1859)
4 Einleitung zur Legende der Heiligen Elisabeth (1862/1865)
5 O. Nicolai Kirchliche Fest-Ouvertüre über den Choral Ein feste Burg ist unser Gott op. 31
6 F. Liszt Präludium und Fuge über B-A-C-H
7 Orpheus (Sinfonische Dichtung für die Orgel)
8 Les morts - Oraison
9 Variationen über Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen (1863)
10 Evocation à la Chapelle Sixtine
11 Einleitung, Fuge und Magnificat aus der Sinfonie zu Dantes Divina commedia
12 Weinen, Klagen, Sorgen Zagen (Präludium nach Bachs Kantate)
13 Ungarns Gott R 214
14 Ora pro nobis
15 R. Wagner Pilgerchor aus Tannhäuser
16 F. Liszt Excelsior! - Preludio (1874)
17 Am Grabe Richard Wagners
18 Resignazione
19 Angelus für Streicher
20 G. Verdi Agnus Dei (aus dem Requiem - Bearb. für Orgel)
21 F. Liszt Nun danket alle Gott S 61 (Choralbearbeitung)
22 Tu es Petrus
23 Ave Maria d'Arcadelt (1863)
24 Slavimo Slavino Slaveni! (1863)
25 Weimars Volkslied (1857/1873)
26 Consolation Nr. 4 Des-Dur für Orgel (Adagio)
27 Consolation Nr. 5 E-Dur für Orgel
28 Offertorium (aus der Ungarischen Krönungsmesse, 1868)
29 Choräle für Kardinal Hohenlohe (1881)
30 Requiem für Orgel (1868/1883)
31 J.S. Bach Ich hatte viel Bekümmernis (Einleitung und Fuge - Bearb. für Orgel)
32 Adagio (aus der Sonate Nr. 4 für Violine und Cembalo - Bearb. für Orgel)
33 Aus tiefer Not schrei ich zu dir (1855/1856 - Bearb. für Orgel)
34 O. di Lasso Regina coeli (Bearb. für Orgel)
35 F. Chopin Prélude op. 28 Nr. 4 (Bearb. für Orgel)
36 Prélude op. 28 Nr. 9 (Bearb. für Orgel)
37 F. Liszt In domum domini ibimus (Präludium)
38 Ave maris stella (2. Fssg.)
39 Salve regina für Orgel
40 Introitus für Orgel
41 Missa pro organo
42 Rosario für Orgel
43 San Francesco (Preludio per il Canto del Sol di San Francesco)
44 Ave Maria stella (IV)
45 O sacrum convivium
46 In festo transfigurationis domini nostri Jesu Christi

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Martin Haselböck Orgel
 
60161-319;4019272601613

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