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CD-Besprechung

Christoph Croisé

The Solo Album

Avie AV2466

1 CD • 71min • 2020

00.00.00

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Die neueste CD-Veröffentlichung des jungen Cellisten Christoph Croisé ist mit „The Solo Album“ betitelt, was einerseits Kontinuität zu ihrer Vorgängerin („The Russian Album“) herstellt, andererseits widerspiegelt, dass Croisé diesmal ausschließlich Musik für Violoncello allein eingespielt hat. Das Programm könnte man als zweigeteilt ansehen: zwei ungarischen Solosonaten – Kodály und Ligeti, also (mittlerweile) Klassiker des Repertoires – werden Stücke zeitgenössischer Cellisten gegenübergestellt, die stilistisch eher im Bereich Crossover zu verorten sind, unter anderem auch eine Eigenkomposition Croisés.

Warmer Ton, Nuancenreichtum und agogische Freiheiten

Croisés Ton zeichnet sich durch Wärme, große Flexibilität und eine Vielzahl von Schattierungen aus – Sonores, Klangvolles beherrscht er ebenso wie sehnigere, nervösere Ton- und Stimmungslagen. Dies zeigt bereits seine Interpretation der Solosonate von György Ligeti, einem Frühwerk aus den Jahren 1948 bzw. 1953, das noch deutlich von ungarischer Folklore, Kodály und Bartók beeinflusst ist und nach seiner De-facto-Wiederentdeckung vor wenigen Dekaden längst Eingang in das Repertoire zahlreicher Cellisten gefunden hat. Trägt das einleitende Adagio die Vortragsanweisungen rubato und cantabile, ist also gewissermaßen Improvisation und Lied zugleich, so liegt der Schwerpunkt von Croisés Interpretation auf dem Improvisatorischen: die Musik hebt eher immer wieder neu an, als dass sie einen großen gesanglichen Bogen beschreibt. Dabei entlockt Croisé dem Satz zahlreiche klangliche Abstufungen und Nuancierungen – man beachte etwa das fast fahl wirkende erste Arco auf der C-Saite. Gewisse agogische Freiheiten sind auch für Croisés Lesart des zweiten Satzes charakteristisch, dessen Sechzehntelketten er nicht unbedingt zuvorderst als Perpetuum mobile begreift, sondern speziell die ersten Sechzehntel oft deutlich absetzt. Sehr überzeugend hier u.a. die Tremoli im Pianissimo, die Croisé ebenso schattenhaft wie energiedurchpulst realisiert.

Auch Croisés Interpretation von Kodálys großer Solosonate zeichnet sich durch zahlreiche Feinheiten in der Timbrierung aus; selbst im Fortissimo klingt sein Ton nie angestrengt, sondern stets facettenreich, je nach Situation gesanglich, tänzerisch, brillant oder sonor. Eine sehr souveräne Darbietung, der jedoch zugleich (oder vielleicht in der Konsequenz) die Dramatik, die expressive Glut abgeht, mit der etwa János Starker oder Erling Blöndal Bengtsson (in einer hervorragenden Einspielung bei Danacord) die Sonate beinahe in eine Sinfonie für Solocello verwandeln – bei Croisé ist die emotionale Temperatur insgesamt gemäßigter.

Virtuoses jenseits der Klassik

Die übrige halbe Stunde der CD ist Solowerken von Giovanni Sollima, Péter Pejtsik, Thomas Buritch und Croisé selbst gewidmet, allesamt ihrerseits Cellisten, allerdings nicht unbedingt aus dem Bereich der klassischen Musik; am bekanntesten ist sicherlich Sollima. Im Grunde genommen handelt es sich bei diesen Stücken um moderne Virtuosenstücke, die Elemente aus Pop- oder Rockmusik auf das Cello übertragen (Croisé vergleicht etwa den Mittelteil von Pejtsiks Stonehenge zurecht mit einem E-Gitarren-Solo). Bei aller Virtuosität sind die Stücke deutlich hörbar vom Cello her „gedacht“, wovon etwa die prominente Rolle der leeren Saiten (wie auch in Kodálys Sonate) zeugt. Dies gilt in besonderem Maße für Sollimas Concerto Rotondo, das umfangreichste dieser Werke, das per Skordatur mit gleich drei (!) G-Saiten arbeitet und die sich dadurch ergebenden klanglichen Möglichkeiten intensiv ausnutzt, etwa in Form zahlreicher Orgelpunkte; darüber hinaus ist dieses Werk durch die exzessive Verwendung von Glissandi geprägt.

Dies sind alles effektvolle, für den Cellisten dankbare Werke, und Croisés engagierter, swingender Vortrag lässt keine Wünsche offen. Für mich bleibt die Wahl des Repertoires dieser CD dennoch diskutabel, denn einerseits ergibt sich ein doch recht deutlicher Unterschied zwischen den beiden „klassischen“ Beiträgen und dem Rest der CD, und andererseits möchte ich nicht verhehlen, dass es in dem gar nicht einmal schmalen Repertoire für Solocello (des 20. Jahrhunderts) Werke gibt, die ich als Kopplung auf dieser CD spannender gefunden hätte (wie zum Beispiel die Solosonaten des großen Russen Boris Tischtschenko, die immer noch viel zu wenig Beachtung finden). Den schönen, informativen Begleittext zu dieser CD hat Christoph Croisé selbst beigesteuert.

Holger Sambale [00.00.00]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Giovanni Sollima
1Concerto Rotondo für Violoncello solo 00:15:29
György Ligeti
5Sonata for Solo Cello 00:07:50
Christoph Croisé
7Spring Promenade 00:04:12
Péter Pejtsik
8Stonehenge 00:04:26
Zoltán Kodály
9Sonate op. 8 für Violoncello solo 00:30:36
Giovanni Sollima
12Alone 00:05:03
Thomas Buritch
13Some like to show it off 00:03:46

Interpreten der Einspielung

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