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CD-Besprechung

Liszt Imagination

Mephisto Walzer on String
Bearbeitungen und Komposition von André Parfenov für Violine und Klavier

Naxos 8.551445

1 CD • 53min • 2020

29.01.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Im Jahr 1861 vollendete Franz Liszt sein Orchesterwerk Zwei Episoden aus Lenaus Faust, dessen zweiter Teil, Der Tanz in der Dorfschenke, in der Klavierfassung als „Mephisto-Walzer“ bekannt wurde. Die Idee löste sich vom ursprünglichen Programm, und Liszt schuf sich mit weiteren Mephisto-Stücken gewissermaßen eine eigene Untergattung tänzerischer Instrumentalmusik: So entstanden noch die Mephisto-Walzer Nr. 2–4, deren letzter unvollendet blieb, eine Mephisto-Polka, und die Bagatelle sans tonalité, die nach Tempo und Takt ein Walzer ist und deshalb vom Komponisten ebenfalls als „Vierter Mephisto-Walzer“ gezählt wurde (deshalb nicht zu verwechseln ist mit dem eigentlichen Stück dieses Titels!). Das Unheimliche, Hintergründig-Dunkle, durchaus auch Humoristische der Mephisto-Figur hat Liszt zu einigen seiner originellsten Stücke inspiriert. Namentlich die darin zu findenden kühnen Harmonien gemahnten Kommentatoren immer wieder an Liszts Vorsatz, „einen Speer so weit als möglich in die Zukunft zu werfen“.

Der große Bearbeiter in neuer Bearbeitung

Die Entstehungsgeschichte der Mephisto-Walzer, deren erste zwei zunächst Orchesterstücke gewesen sind, erinnert auch daran, dass Liszt ein großer Bearbeiter gewesen ist, der einen nicht geringen Teil seiner Energie in Transkriptionen, Arrangements, Neufassungen sowie Fantasien über bereits vorhandene Musik investierte. Man denke etwa an seine Klavierbearbeitungen Beethovenscher Symphonien und Schubertscher Lieder, die Ungarischen Rhapsodien und die zahlreichen Opernfantasien.

In Lenaus Faust greift Mephisto zur Violine, um in der Dorfschenke zum Tanz aufzuspielen. Dies nahm sich der Pianist André Parfenov zum Anlass, Liszts Mephisto-Stücke für sich und seine Duo-Partnerin, die Geigerin Iuliana Münch, zu bearbeiten. Parfenov beschränkt sich hierbei nicht auf die bloße Rolle eines Transkribenten, sondern tritt selbstbewusst als Mit-Komponist auf, der der Musik im Zuge der Übertragung dem neuen Klangmedium angemessene Eigenzutaten hinzufügt. Damit befindet er sich in der guten Gesellschaft von Liszt persönlich, der beispielsweise zu Schuberts Auf dem Wasser zu singen in der Klavierbearbeitung kongenial eine lange Coda ergänzt hat.

Eine gute Bearbeitung lässt sich bekanntlich nicht anmerken, dass sie kein Original ist. Liszt hat es verstanden, Schubert-Lieder und Paganini-Etüden in echte pianistische Sprache zu übersetzen, sie zu Klavierstücken werden zu lassen. Parfenov sah sich vor der Aufgabe, Liszts Klavierstücke in echten Kammermusikstil zu übertragen, in welchem Violine und Klavier als gleichberechtigte Partner agieren.

Kammermusikalischer Stil

Nun ist charakteristisch für Liszt, dass die Kammermusik in seinem Schaffen nur eine verschwindend kleine Rolle spielt und die wenigen vorhandenen Werke entweder Virtuosenliteratur sind, oder das Kammerensemble lediglich klangfarblich behandeln. Das Denken in selbständig geführten, einander ergänzenden Stimmen blieb ihm zeitlebens fremd. Seine Bässe tendieren zur Statik. Dies trennt ihn von Beethoven und von Brahms viel mehr als der von der zeitgenössischen Kritik aufgebauschte Gegensatz „Programmmusik – Absolute Musik“. In den Mephisto-Stücken macht sich dieser Umstand freilich nicht störend bemerkbar. Gerade tänzerische Rhythmik und lyrischer Ausdruck (in den langsamen Kontrastteilen) zeichnen viele von Liszts besten Werken aus.

Es spricht für Parfenovs Talent, dass er es vermochte, Liszts Stücke kammermusikalisch umzugestalten, ohne ihre Idiomatik zu verwischen. Der fortreißende Schwung der Tänze bleibt in den Bearbeitungen ebenso erhalten wie der leidenschaftlich-schwärmerische Ton der kontrastierenden Abschnitte. Ja, man kann sogar sagen, dass durch die zahlreichen Neben- und Gegenstimmen, die der Bearbeiter dem akkordisch dominierten Tonsatz Liszts abgewonnen hat, zusätzliche Belebung ins musikalische Geschehen gekommen ist. Parfenovs wiederholte Eingriffe in den Verlauf der Stücke, sowohl was den Aufbau einzelner Perioden wie die Form im Großen betrifft, erscheinen durchaus nicht willkürlich, sondern von den veränderten Bedingungen der musikalischen Bewegung motiviert. Diese Neufassungen wirken in sich stimmig. Parfenov komponiert mit Liszt, wie einst Liszt mit Schubert, und nicht gegen ihn. Auch kann er sich auf das Vorbild Liszts berufen, wenn er sich den unvollendeten Vierten Mephisto-Walzer zum Ausgangspunkt einer freien Fantasie nimmt, sich dabei stilistisch vom Ausgangspunkt recht weit entfernt und spielerisch vorführt, wie man von Liszt zu Jazz-Idiomen kommt.

Iuliana Münch ist André Parfenov eine perfekte Partnerin. Dieses Duo überzeugt im virtuosen Wettstreit gleichermaßen wie im innigen Zusammenwirken. Ein wacher Instinkt für das musikalische Miteinander prägt die ganze CD. Alles in allem eine prächtige Veröffentlichung!

Norbert Florian Schuck [29.01.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Liszt
1Mephisto-Walzer Nr. 2 S 515 R 182 00:13:40
2Bagatelle sans tonalité S 216 R 60 00:03:29
3Mephisto-Walzer Nr. 3 S 216 R 38 00:08:26
4Mephisto-Polka S 217 R 39 00:04:31
5Mephisto-Walzer Nr. 1 S 514 R 181 00:14:39
André Parfenov
6Mephisto-Zugabe (frei nach einem Thema von dem vierten Mephisto-Walzer von F. Liszt) 00:08:27

Interpreten der Einspielung

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