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CD-Besprechung

Reinhard Keiser

Der blutige und sterbende Jesus

Reinhard Keiser

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 20.05.19

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cpo 555 259-2

2 CD • 2h 09min • 2018

Ein historisches Monument der Musikgeschichte erklingt auf diesen beiden CDs: das erste Passionsoratorium in der Geschichte der protestantischen Kirchenmusik. Hier bildet nicht wie in der oratorischen Passion ein um betrachtende Texte erweiterter Passionsbericht eines Evangelisten das Textgerüst des Werkes, sondern eine freie Dichtung, die das Geschehen um die Passion Jesu Christi betrachtet. Das war in der lutherischen Freien und Hansestadt Hamburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts durchaus ein Wagnis, das der Kantor und Musikdirektor der fünf Hauptkirchen der Stadt, seinerzeit Joachim Gerstenbüttel, nicht eingehen konnte. Reinhard Keiser, seinerzeit Leiter der Hamburger Oper am Gänsemarkt, fand in der Präsentation eines solchen völlig neuen Werkes ein lohnendes Experimentierfeld in der geistlichen Musik, das offenbar innerhalb des Protestantismus eine deutschlandweite Beachtung gefunden hat: Immerhin baute der streng lutherische Leipziger Rat bei der Berufung J. S. Bachs zum Thomaskantor vor, indem er ihm vorgab, dass seine geistlichen Kompositionen „nicht zu opernhaft herauskommen“ dürften.

Als Textgrundlage seines Passionsoratoriums diente Keiser die Dichtung Der blutige und sterbende Christus des jungen Literaten Menantes alias Christian Friedrich Hunold (1680-1721), der bereits mit 20 Jahren sein stattliches Erbe durchgebracht hatte und sich in Hamburg einen guten Markt für seine literarischen Schöpfungen erhoffte. Diese veröffentlichte er unter dem Pseudonym Menantes – darunter befand sich auch diese Passionsdichtung. Keiser und Hunold kannten einander schon von ihrer Zusammenarbeit für die Hamburger Opernbühne, die seit seiner Ankunft in Hamburg 1697 Keisers wichtigste Wirkungsstätte ausgemacht hatte und die er in den Jahren 1703 bis 1709 auch leitete.

Als Aufführungsort eines solchen musikalischen Experiments, von dem man kaum wissen konnte, ob es als Werk der geistlichen Musik überhaupt zu bezeichnen war, kam, wie oben angedeutet, eine der Hamburger Hauptkirchen nicht infrage. Dafür eignete sich bestenfalls die Kirche des „Zuchthauses“, dessen Bezeichnung mit Haftanstalt nichts zu tun hat; die Einrichtung bestand von 1618 bis 1842 zur Verwahrung sozialer Randgruppen: Hier lebten Bettler, Vagabunden (wie der damalige Zeitgeist diese Gruppen bezeichnete), aber auch Leute, die wegen Verschwendungssucht dorthin eingewiesen wurden. Ein strenges Regiment und Zwangsarbeit bestimmten den Alltag der Insassen, die sich einen Teil ihres Lebensunterhalts selbst verdienen sollten, statt der Allgemeinheit durch den Empfang von Almosen zur Last zu fallen. Der Aufführungsort des blutigen und sterbende Christus war seinerzeit also am unteren Ende der Hamburger Gesellschaftsordnung und des Hamburger Kirchenwesens angesiedelt. Dennoch schaffte es das Ereignis, in der ehrbaren Hansestadt einen Skandal auszulösen: Keisers Opernensemble stellte die Solisten, es wirkten also auch Frauen mit, was in der geistlichen Musik der übrigen Hamburger Kirchen unmöglich war (nur der Dom als einzige dem Hamburger Kirchenregiment nicht unterstehende Kirche ließ Frauen in der Kirchenmusik zu). Den Zorn der Moralisten befeuerte zusätzlich, dass die Aufführung des Passionsoratoriums offensichtlich halbszenisch war und dass die mitwirkenden Damen Dekolletee zeigten.

Bernhard Klapproth realisiert mit dem Ensemble Cantus Thuringia, dem auch die Solisten entstammen (nur die Rolle des Jesus wurde mit dem externen Solisten Dominik Wörner besetzt) und dem Orchester Capella Thuringia die klangschöne Neuschöpfung dieser für Jahrhunderte vergessenen Partitur. Einige Male würde man sich wünschen, dass bei der Umsetzung dieses „geistlichen Opernstoffes“ mit etwas mehr Temperament vorgegangen würde, doch insgesamt bietet sich dem Freund barocker Oratorienkultur hier eine begrüßenswerte Entdeckung, zumal Keiser immer wieder mit besonderen Finessen in der Instrumentierung des Werkes aufwartet, die den Hörgenuss an dieser Aufnahme fühlbar steigern.

Detmar Huchting [20.05.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 R. Keiser Der blutige und sterbende Jesus (Oratorium Passionale)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Monika Mauch Sopran
Anna Kellnhofer Sopran
Anne Bierwirth Alt
Mirko Ludwig Tenor
Hans-Jörg Mammel Tenor
Dominik Wörner Bass
Matthias Lutze Bass
Oliver Luhn Bass
Cantus Thuringia Chor
Capella Thuringia Ensemble
Bernhard Klapprott Dirigent
 
555 259-2;0761203525928

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