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CD-Besprechung

Otto Nicolai

Die Heimkehr des Verbannten

Otto Nicolai

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 18.10.16

cpo 777 654-2

2 CD • 2h 25min • 2011

Dass Otto Nicolai mehr war als der Schöpfer der Lustigen Weiber von Windsor und diverser Sakralmusik, sondern auch ein vergessener Meister der italienischen Oper, erfuhr die erstaunte Öffentlichkeit erst vor einiger Zeit, als nämlich 2008 sein 1840 in Turin uraufgeführter, bislang als verschollen gegoltener Templario in Chemnitz neu herauskam. Der Erfolg der Ausgrabung ermutigte die Theaterleitung, drei Jahre später Die Heimkehr des Verbannten nachzureichen, die nach Auffassung des Herausgebers Michael Wittmann Nicolais Hauptwerk darstellt.

Geschrieben hat er es für die Mailänder Scala, wo es unter dem Titel Il proscritto 1841 Premiere hatte. Nicht zuletzt private Probleme veranlassten den Komponisten, Italien zu verlassen und die Stelle des 1. Hofkapellmeisters in Wien zu übernehmen. Hier unterzog er seine Oper einer gründlichen Überarbeitung und brachte sie 1844 unter dem genannten deutschen Titel am Kärnthnertortheater heraus. Eine weitere grundlegende Revision des Werkes erfolgte dann in Berlin, unmittelbar nach Fertigstellung der Lustigen Weiber; diese Fassung letzter Hand (Der Verbannte) enthält nach Aussage des Herausgebers nur noch 20 Prozent der Musik des italienischen Originals und wurde ein halbes Jahr nach dem plötzlichen Tod des Komponisten im November 1849 uraufgeführt.

Vorlage des Original-Librettos von Gaetano Rossi war ein in der Zeit Napoleons spielendes französisches Drama, das für die Oper in die Zeit der „Rosenkriege“ verlegt wurde. Lord Artur Norton, Anhänger der Weißen Rose, vor Jahren aus England verbannt, soll bei der Flucht ums Leben gekommen sein. Bei Beginn der Handlung steht seine Frau Leonore, die ihn tot wähnt, vor der Hochzeit mit dem Grafen Edmund, einem Führer der Roten Rose. Da platzt der Totgeglaubte mitten in die Feierlichkeit hinein. Leonore ist hin und her gerissen zwischen der Pflicht gegenüber dem ersten Gatten und ihrer Liebe zum zweiten und weiß sich aus diesem Dilemma nur durch den Freitod zu retten. Vor ihrer Leiche fallen sich, ihrem letzten Willen folgend, die beiden Witwer versöhnt in die Arme. Dieser Schluß war in Rossis Libretto noch nicht vorgesehen.

In musikalischer Hinsicht stellt dieses Werk wie schon Il templario eine veritable Entdeckung dar. Nicolai beherrscht das Idiom der italienischen Oper seiner Zeit ohne deutschen Akzent und er hätte, wäre er nicht nach Wien abgewandert, ein ernsthafter Konkurrent des jungen Verdi werden können. Seine späteren Überarbeitungen lassen jedoch eine stufenweise Abkehr vom Formenkanon des romantischen Melodramma und eine Entwicklung zur Großen Oper französischer Prägung erkennen. Dafür spricht der Aufbau der drei großen Final-Tableaus und besonders die hinzugefügte Ballettmusik in der Berliner Fassung. Nicolai hatte ernste Ambitionen, in Paris Fuß zu fassen.

In der Chemnitzer Version, die im Wesentlichen auf der Wiener Fassung basiert, verbinden sich italienische Kantilenen mit deutscher Orchesterkunst. Seine Tätigkeit als Kapellmeister hatte Nicolais Ohr geschärft für die Möglichkeiten dramaturgisch signifikanter Instrumentierung. So werden den drei Protagonisten charakterisierende Instrumente zugeteilt: Klarinette (Artur), Cello (Edmund) und Oboe (Leonore).

Wie schon beim Templario ist die Wiedergabe durch das Chemnitzer Ensemble vorzüglich. Frank Beermann findet mit der Robert-Schumann-Philharmonie die richtige Balance von feuriger italianità und epischer Ruhe und bleibt dabei immer am Puls des Dramas. Das gesangliche Niveau ist alles andere als provinziell. Hoch zu rühmen ist auch die Textverständlichkeit der Sänger, vor allem der beiden männlichen Protagonisten; man kann der Handlung gut folgen, ohne das abgedruckte Libretto mitzulesen. Bernhard Berchtold singt den Artur mit seinem schlanken und flexiblen Tenor ungemein differenziert und ausdrucksstark. Hans Christoph Begemann verbindet als Graf Edmund den intimen Ton und die Phrasierungskultur des deutschen Liedsängers mit dem Biß des italienischen Baritons.

Die Partie der Leonore war in Mailand für einen Koloratursopran geschrieben worden, während in Wien ein lyrisch-dramatischer Sopran zur Verfügung stand, für den Nicolai den 3. Akt völlig neu schrieb. Die Chemnitzer Sängerin Julia Bauer bleibt den dramatischen Passagen nichts schuldig, hat aber ihre eigentlichen Stärken in der Koloratur. Es war also eine richtige Entscheidung des Dirigenten, die zuletzt gestrichene und durch ein Rezitativ ersetzte Auftrittsarie beizubehalten.

Der Herausgeber Wittmann, der auf eine Premiere der Berliner Fassung gehofft hatte, hat ihm das offenbar sehr übel genommen. Im Booklet teilt er mit, dass er bis auf weiteres Aufführungen der Wiener Fassung untersagt habe und der vorliegende Chemnitzer Mitschnitt ein Unikat bleiben werde. Hier sind offenbar die hehren Ansprüche der Musikwissenschaft mit der schnöden Praxis des Theaters in Kollision geraten. Diese Querelen mögen auch der Grund sein, dass diese Aufnahme erst mit fünf Jahren Verspätung auf den Markt kommt.

Ekkehard Pluta [18.10.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 O. Nicolai Die Heimkehr der Verbannten (Oper in drei Akten) 01:45:22

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Hans Christoph Begemann Graf Edmund von Pembroke - Bariton
Bernhard Berchtold Lord Artur Norton - Tenor
Julia Bauer Leonore, Lord Arturs Gattin - Sopran
Kouta Räsänen Richard von Somerset, Leonorens Stiefbruder - Baß
Uwe Stickert Georg, Leonorens Bruder - Tenor
Tiina Penttinen Irene, Leonorens Freundin - Mezzosopran
André Riemer Williams - Tenor
Chor der Oper Chemnitz Chor
Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz Orchester
Frank Beermann Dirigent
 
777 654-2;0761203765423

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