Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Suche

CD-Besprechung

Kurt Atterberg · Ture Rangström
String Quartets

Kurt Atterberg · Ture Rangström<br />String Quartets

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 18.09.14

cpo 777 270-2

1 CD • 62min • 2009

Das schwedische Stenhammar Quartet, zuletzt als technisch brillantes Ensemble hervorgetreten mit zwei Folgen einer dreiteiligen Gesamteinspielung der Streichquartette Wilhelm Stenhammars bei BIS, offeriert mit den beiden Quartetten von Kurt Atterberg und Ture Rangströms einzigem Werk für Streichquartett, dem 1909 unter den Augen Carl Nielsens entstandenen Notturno nella maniera di E. Th. A. Hoffmann, eine sehr reizvolle und atmosphärisch zauberhafte Kopplung. Atterberg hat sein eigentliches erstes, 1908 vollendetes Quartett op. 2 später zurückgezogen und 1916 ein neues erstes Quartett op. 11 vorgelegt, um dann 1937 wieder auf das ihm nach wie vor am Herzen liegende Opus 2 zurückzukommen: er verwendete in seinem neuen Quartett op. 39 die beiden Mittelsätze, Scherzo und Adagio-Romanze, dieses frühen Werks wieder und schrieb den neuen Kopfsatz gar über ein Thema, das ihm schon in einem jugendlichen Quartettversuch von 1906 eingefallen war; das Thema des Finales mit seinem charakteristischen, scharf punktierten Rhythmus empfing er in einem Traum, wo plötzlich Jean Sibelius neben auf einer – nicht existierenden – Terrasse seiner alten Göteborger Schule saß; und kein Zweifel, wie Atterberg selbst erwähnt, die elementare Verwandtschaft zum Finale von Sibelius’ Violinkonzert ist unbestreitbar, auch wenn eine ganz andere Musik dabei herausgekommen ist.

Dieses aus Opus 2 und Opus 39 bestehende, 1908 und 1937 komponierte Quartett umfasst in vier gleichberechtigten Sätzen eine halbe Stunde durchaus beeindruckender Musik. Der Kopfsatz wirkt tatsächlich sehr nostalgisch und ist sehr kunstvoll organisch durchwoben aufgebaut. Es folgt ein sehr anmutig leichtes Scherzo mit einem melodisch gemütvollen Trio von bemerkenswerter Ausdehnung. Die Romanze – Adagio wurde stets als das altmodischste Stück empfunden, doch wer sich auf die echt romantische Empfindungswelt mit ihrer zwischen offenkundigem Brahms und weniger offenkundigem Grieg einlässt, muss sich mit derlei modischen Fragen einer Zeit, die an ewigen Fortschritt des Materials glaubte, nicht herumschlagen. Das Finale ist von einer ausgesprochen ansteckenden Lebendigkeit und zudem sehr überzeugend gebaut, wenngleich hier in der Coda nach dem Fugato mehr artikulatorische Wendigkeit und Bewusstheit über Distibution der agogischen Kräfte erforderlich ist, um den Schluss nicht als angenäht und zu lang zu empfinden, wie es hier der Fall ist.

Bei allem Vergnügen, das mir dieses fein und klar gearbeitete Quartett bereitet hat, kann ich nicht umhin, im dreisätzigen, knapp zwanzigminütigen Quartett op. 11 von 1916 das eindeutig stärkere, in der Klarheit der aufeinander bezogenen Kontraste geschlossenere und originellere Werk zu erkennen. Schon der Kopfsatz in seiner linear bestrickenden Anlage und feinnervigen thematischen Arbeit überzeugt restlos, und der Höhepunkt ist ein schwebendes, luzide transparentes und vollkommen organisch sich entwickelndes, ein erlesen abgetöntes Farnspektrum entfaltendes Andante, getragen von mysteriös anmutender Empfindung, das, so der Komponist, durch den Traum von einer schönen Tänzerin angeregt wurde. Mit entfesselter Spielfreude und knappen Konturen bildet das finale Allegro furioso einen wunderbar extravertiert ergänzenden Abschluss. Opus 11 ist eines von Atterbergs in seiner Frische und Kompaktheit als Ganzes gelungensten und bestrickendsten Werken.

Ture Rangström (1884-1947) war einer der eigentümlichsten und charismatischsten nordischen Komponisten, und wären seine herrlichen Lieder nicht in schwedischer Sprache, so sänge man sie wohl regelmäßig in den Konzertsälen weltweit. Seine Sinfonien haben in der etwas ruppig unausgewogenen Orchestration eine ähnlich rohdiamantene Qualität, wie wir sie bei Borodin oder Mussorgsky finden, wenn wir den kultivierenden Einfluss Rimsky-Korsakovs abziehen. Das Hoffmann-Nachtstück ist sein einziges Werk für Streichquartett und das bedeutendste seiner Kammermusikwerke. In der motivisch monadischen Faktur und collage-artigen Montage opponierender Episoden, die auf höchst unkonventionelle Weise einen zerklüfteten Spannungsbogen bilden, hat das Notturno einen ausgeprägt narrativen Charakter, der mit dem Gegensatz von in sich kreisenden Wiederholungen und drastischen Überraschungen in Form von Abbrüchen, wechselnden Klangflächen und Bewegungsqualitäten und geschärftem dynamischen Chiaroscuro arbeitet und darin eine faszinierende Brücke zwischen tragisch umflorter nordischer Melancholie und geradezu südländisch anspringendem Temperament schlägt (wie dies ja schon bei Sibelius so oft so immer wieder überraschend der Fall ist). Bezüglich der Aufführung ist Rangströms Notturno in seinen kurzen Abschnitten und Steigerungen wesentlich robuster als die sinfonisch durchgearbeiteten Gewebe Atterbergs, und ein äußerst dankbares Finalstück. Das Stenhammar Quartet agiert technisch tadellos und mit teils gewaltigem Impetus, und überzeugt hier mehr als in den intrikateren Fakturen seines Namensgebers. Aufnahmetechnisch ist alles präzise, klar und ohne spröde Trockenheit abgebildet, und Stig Jacobssons Booklettext informiert mit geschmeidiger Gründlichkeit.

Christoph Schlüren [18.09.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 K.M. Atterberg Streichquartett op. 11 00:18:24
4 Streichquartett op. 2 (op. 39) 00:30:05
8 T. Rangström Streichquartett (Un notturno nella maniera di E. Th. A. Hoffmann) 00:13:22

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Stenhammar Quartet Streichquartett
 
777 270-2;0761203727025

Bestellen bei jpc

 

Das könnte Sie auch interessieren:

 

⇑ nach oben

Entschleunigte Feinfühligkeit, forsche Damenpranke

Edition Stefan Askenase

Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts konzertierte der aus dem galizischen Lemberg stammende Pianist Stefan Askenase reglemäßig in den europäischen Konzertsälen. Das ältere Publikum hatte den Chopin-Interpreten gleichsam abonniert, bei den Jüngeren und im abgehobenen Kreis des deutschsprachigen Kritikernachwuchses galt der zierliche belgisch-polnische Theodor Pollak- und Emil von Sauer Schüler als Vertreter einer konservativen Handhabe, als ein leibhaftiges Fossil vergangener Chopin-Stilistik.

→ weiter...

Referenz-Aufnahmen

aus dem Themenbereich
Klavier Solo

Friedrich Gulda<br />Klavierabend 1959
Warner Classics 3 CD 2564 61940-2
Béla Bartók
Brahms<br />The Complete Works for Solo Piano Vol. 3
Kaleidos 2 CD KAL 6311-2

Neue CD-Veröffentlichungen

Richard Heuberger
A Lute by Sictus Rauwolf
Visions
Christoph Graupner

CD der Woche

Kenneth Hamilton plays Ronald Stevenson, Volume 1

Kenneth Hamilton plays Ronald Stevenson, Volume 1

Aus dunkler Tiefe steigen schwärzeste Bass-Töne auf, formen eine Tonskala und vereinigen sich mit einer weiteren Stimme zur strengen Fuge. Die ewige ...

Heute im Label-Fokus

Ambiente

Mischa Meyer, Violoncello
Hugo Distler
Naji Hakim<br />Orgelwerke / Organ Works
Anton Heiller

→ Infos und Highlights

Thema Klavier Solo

gutingi 1 CD 258
Warner Classics 2 CD 2564 62160-2
ECM 1 CD 472 185-2
Tacet 1 CD 53
Hyperion 1 CD CDA67433
Ludwig van Beethoven

 

Weitere 52 Themen

Klassik Heute Zahl des Tages

Bei Klassik Heute finden Sie

0

Festivals

→ mehr Zahlen und Infos

AGBs Impressum Kontakt Mediadaten Sitemap Datenschutz

© Klassik Heute

jpc