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CD-Besprechung

5 Stenhammar
String Quartets Vol. 2

5 Stenhammar<br />String Quartets Vol. 2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 25.11.13

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BIS 2009

1 CD/SACD stereo/surround • 65min • 2011, 2012

Der Zyklus des auf allen Einzelpositionen technisch fulminanten, 2002 gegründeten Stenhammar-Quartetts mit den Streichquartetten Wilhelm Stenhammars (1871-1927), eines der sowohl feinsten als auch anspruchsvollsten und unmittelbar ansprechendsten skandinavischen Sinfoniker, geht im Eiltempo in die zweite von drei Runden. Nach den von vielen als Gipfel seines Quartettschaffens erachteten Streichquartetten Nr. 3 und 4 werden nun das fünfte und sechste Quartett vorgestellt sowie – dazwischen plaziert – in Ersteinspielung das zurückgezogene Quartett in f-Moll von 1897. Dieses wäre eigentlich sein drittes gewesen, doch war Stenhammar sehr unglücklich über das Finale und plante lange Zeit, ein neues Finale zu schreiben, wozu er jedoch nie kam. Auch wenn das f-Moll-Quartett noch nicht die Reife der späteren Werke aufweist, ist es doch ein äußerst fesselndes Werk, das in allen vier Sätzen mit Einfallsreichtum und kunstvoller Verarbeitung nicht weniger zu gefallen vermag. Stenhammar schätzte insbesondere die beiden leichteren Mittelsätze, und auch der glutvolle Kopfsatz in seiner dramatisch sinfonischen Gestalt ist überaus gelungen. Das Finale freilich, von lapidarem Schwung in der eingängigen Thematik, ist bei allem Reiz im Einzelnen als Ganzes deutlich schwächer geraten und lässt verständlich erscheinen, warum Stenhammar unzufrieden war und das Werk nicht veröffentlichen ließ. Trotzdem erstaunt, dass wir es erst jetzt zu hören bekommen, denn es lohnt in jedem Fall eingehende Beschäftigung.

Ein höchst geistreiches und im schönsten Sinne leichtes, heiter beflügeltes Werk ist das ca. 1910 entstandene fünfte Quartett in C-Dur, „Serenade“ betitelt, in dessen Mitte die veredelt folkloristische, legendenhafte Ballata und ein in der äußersten Knappheit bezauberndes Scherzo stehen. Ganz anders das sechste und letzte Quartett in d-Moll, in welchem Stenhammar Tiefstes und höchst Elaboriertes gibt und die Korrelationsgabe und Präsenz der Musiker mit komplexer Kontrapunktik extrem fordert. Ich halte es, wie schon die Quartette Nr. 3 und 4, für eines der Gipfelwerke der Gattung überhaupt im 20. Jahrhundert, und alle diese Werke sind Zeugnisse aufs Feinste ausgearbeiteter, melodisch, harmonisch und rhythmisch eminent gelungener Beethoven-Nachfolge unter organischer Einschmelzung Sibelius’scher und auch Brahms’scher Elemente. Man kann den Rang dieser Musik, der oft Rückwärtsgewandtheit und auch – nicht ganz zu Unrecht – ein gewisser gelehrter Akademismus vorgeworfen wurde, kaum hoch genug einschätzen. Und der akademisch beflissene Anteil wird mehr als aufgewogen von der Wärme und dem Charme der noblen melodischen Erfindung, der rhythmischen Verve, der Kraft und natürlichen Finesse der harmonischen Fortschreitungen, der immensen Meisterung der sinfonisch anmutenden Kontraste im Dienst des bezwingenden Zusammenhangs der großen Form (Studienpartituren der Quartette Nr. 3, 4 und 6 mit instruktiven Vorworten von Signe Rotter-Broman, der Autorin des ausgezeichneten Booklettexts vorliegender CD, sind erhältlich bei Repertoire Explorer, www.musikmph.de).

Was nun die Qualität der Aufführungen betrifft, so sind die Meriten und Schwächen dieselben wie bei der ersten Folge. In wilder Jagd bei voll entäußerter Dynamik beeindrucken die Schweden wirklich sehr mit blitzsauberem, atemberaubend exaktem Zusammenspiel. Doch was die Abtönung der Dynamik betrifft, bleiben allzu viele Wünsche offen – meist ist piano mezzoforte genommen, der Unterschied zum gewöhnlichen forte ist kaum wahrnehmbar, und wo pianissimo oder dreifaches piano gefordert ist, wird dies in den meisten Fällen nicht wirklich ernst genommen. Überhaupt ist es ein Problem, wenn Musiker von einem gesunden Forte als „Normalfall“ ausgehen. Es geht ja gar nicht um ein statisches Beibehalten einer vorgeschriebenen Dynamik, die ohnehin nicht absolut erfasst werden kann und soll, sondern stets in ihrer Relativität zu begreifen ist. Doch solange da piano steht, geht es darum, sich dessen konstant zu erinnern sozusagen als „dynamischer Achse“, um welche sich die Abweichungen drehen, und dies gilt für jede Nuance der Tonstärke. Außerdem ist zu bemängeln, dass die Tempoveränderungen zwar den Vorschriften folgen, jedoch nicht organisch aus den Triebkräften des Tonsatzes empfunden und abgeleitet sind, und dass im kontrapunktischen Geflecht die Beziehungen der Stimmen zueinander, die Art, wie sie sich gegenseitig die Impulse zuspielen, nicht wirklich ausgehört ist – es ist insgesamt, dies eine weit verbreitete Schwäche, viel zu Primarius-lastig, dabei gilt die Notwendigkeit lebendiger Phrasierung ebenso für die Führung der Bassstimme und der Mittelstimmen. Würde all dies konsequent erarbeitet, so wäre zwar wohl mit einer Verdopplung des Einstudierungsaufwandes zu rechnen, doch das Ergebnis besäße solch unwiderstehliche Plausibilität, dass die Frage, ob sich das auch lohnt, gar nicht erst entstehen würde. Insofern werden hier, durchaus auf hohem Niveau, Chancen vertan, die angesichts der herausragenden Befähigung sämtlicher Beteiligten fraglos gegeben wären. Klangtechnisch hingegen ist das Resultat rundum exzellent.

Christoph Schlüren [25.11.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 W. Stenhammar Streichquartett Nr. 5 C-Dur op. 29 00:19:08
5 Streichquartett f-Moll 00:20:50
9 Streichquartett Nr. 6 d-Moll op. 35 00:24:19

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Stenhammar Quartet Streichquartett
 
2009;7318599920092

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