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CD-Besprechung

Passacaille 955

1 CD • 69min • 2008

08.12.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

An ein Grundproblem der Haydn-Interpretation erinnert das Spiel des Brasilianers Nicolau de Figueiredo, ganz gleich, auf welcher Art von Instrumentarium gewerkt wird. Es handelt sich um die schnellen, meist sehr knapp gehaltenen Finalsätze. Unter den Händen der meisten Ausführenden wirken sie verhetzt, atemlos, in ihren gedanklichen Kontrastwirkungen eingeebnet. Man scheint froh zu sein, das kleinformatige Ganze ohne allzu große Verwerfungen über die Runden zu bringen (und gebracht zu haben). Dies gilt natürlich besonders für den konzertanten Ernstfall auf dem Podium und in ganz besonderem Maße für das Finale der unentwegt, fast schon – wie ich meine – zu viel gespielten Es-Dur-Sonate Hob. XVI/52. Sie steht hier nicht zur Diskussion, aber de Figueiredo erinnert mit seinem tendenziell rhythmisch etwas wackeligen Vortrag an die hier angerissene Problematik. So ereignen sich etwa die Schlusssätze der Sonaten in D-Dur und F-Dur wie unter manueller Drangsal verfügte Kurzbotschaften, eröffnen dem ihnen eingeimpften Witz nur wenig Chancen; zumindest wirken die von Haydn selbst auf engstem Raum eingearbeiteten Charakterveränderungen unter dem Druck des forschen Vorwärts eingeebnet (und damit verschenkt).

Bezeichnend für de Figueiredos Haydn-Handhabe ist das vor allem für Cembalisten typische Kneten und Dehnen von Phrasen und ganzen Sequenzen! In den beiden ersten Sätzen der c-Moll-Sonate lässt sich das mit Respekt, aber auch mit manchem Unbehagen verfolgen. Auf mich macht das immer den Eindruck, als spiele jemand prima vista vom Blatt, hangele sich routiniert von Takt zu Takt, und gebe den jeweiligen Möglichkeiten des musikantischen Erfassens nach.

Die von Nicolau de Figueiredo verwendete Goujon-Kopie von Emile Jobin fällt durch ihren vollaromatischen Klang auf. Und sie wurde von der Aufnahmetechnik überzeugend in einem imaginären Raum der Haydn-Zeit

platziert, sofern man die Lautstärke nicht allzu sehr in die Höhe regelt. Im Trio des kühnen Menuetts der h-Moll-Sonate erweisen sich die dunkleren Farben des Instruments als plastisch grundierende Elemente, wobei dem Interpreten zu danken ist, dass er diese ungewöhnlich überschattete „Szene“ mit gestalterischem Nachdruck ausformuliert.

Was den Adagio-Satz der F-Dur-Sonate anbelangt, werde ich nicht müde, an das schwebende, träumerische, meinetwegen auch sentimentale Cantabile von Horowitz zu erinnern. Auf dem Cembalo ist dies nicht möglich, aber muss jede Phrase so gestaucht und durchlöchert werden, wie es hier der Schüler von Christiane Jacottet in die Waagschale einer offenbar historisierend ausgeklügelten Lesart wirft?! Was bei dieser Gelegenheit als Gefühl, als Affekt ausgegeben wird, weckt bei mir den Eindruck von mehr oder minder kleinen Betriebsstörungen – ähnlich einem leicht stotterndem Motor, wenn der Vergaser nicht richtig eingestellt ist. Sei’s drum, dies ist und bleibt die Welt der Cembalisten. Aber auch manche ihrer Klavierkollegen haben sich in letzter Zeit mit Haydn-Deutungen an die Öffentlichkeit begeben, die eine Menge an Gefolgschaftspotential verlangen. Ich denke hier besonders an Tzimon Bartos Ondine-Austrocknungen und Marc-André Hamelins bei Hyperion publizierte Flüchtigkeitsetüden!

Vergleichseinspielungen: Piazzini (Arte Nova 74321 59292 2), Olbertz (edel 0002182 CCC), Schornsheim (Capriccio 49404); F-Dur Hob.XVI/23: Mishori (Tudor 7059), Horowitz (Sony), J.C. Martins (PRO-98007-2), Akl (Koch Discover DICD 920501), Koroliov (Hänssler PH 04060), Barto (Ondine 1154-2); h-Moll Hob.XVI/32: Gavrylyuk (DVD VAI 4357), Hamelin (Hyperion CDA 67554).

Peter Cossé † [08.12.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joseph Haydn
1Klaviersonate Nr. 37 D-Dur Hob. XVI:37 00:09:23
4Klaviersonate Nr. 47 h-Moll Hob. XVI:32 00:14:42
7Klaviersonate Nr. 33 c-Moll Hob. XVI:20 00:23:48
10Klaviersonate Nr. 38 F-Dur Hob. XVI:23 00:18:45

Interpreten der Einspielung

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