Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Suche

CD-Besprechung

Geza Anda

spielt Haydn, Schumann, Ravel, Liebermann, Chopin und Brahms

Geza Anda

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 10.11.10

label_2736.jpg
→ Katalog und Neuheiten

SWRmusic 94.211

2 CD • 2h 05min • 1950, 1951, 1955

So willkommen Live- und Rundfunkstudio-Dokumente mit dem ungarischen Pianisten Géza Anda auch sein mögen – und das nicht nur den unerschütterlichen Verehrern des Virtuosen zu Liebe! –, so erlaube ich mir doch in diesem Fall den kritisch warnenden Zeigefinger zu heben. Dies aus zweierlei Gründen und Hörperspektiven. Zum einen hat Anda von einigen seiner „Zugstücke“ prächtige Studio-Aufnahmen für die Deutsche Grammophon eingespielt. Sie gehören vor allem im Umkreis des Schumann-Repertoires für mein Empfinden noch immer zum Besten, zählen bis zum heutigen Tag klanglich und motorisch zum Feinsten des gesamten Katalogs (soweit mir das mittlerweile schier unübersehbare Repertoire zur Verfügung steht). In erster Linie gilt dies für seine rhythmisch-stolzen, feinnervigen, im Lyrischen ungemein noblen Einspielungen der Davidsbündlertänze (op. 6) und der Symphonischen Etüden (op. 13). Hier nun, am 2.10.1951 im Stuttgarter Studio VI der Villa Berg dargeboten, wirken die Schumann-Etüden tendenziell flüchtig erfasst und in vielen Details des pianistischen Tastens und Stürmens nicht mit letzter Konsequenz ausgearbeitet. Géza Anda wird wohl seinerzeit nicht im Ernst damit gerechnet haben, dass diese für den Radiohörer der 50er Jahre gefertigten Momentaufnahmen je auf einem Tonträger verööffentlicht werden würden. Damit müssen heute selbst die längst Dahingegangenen leben…

Überraschend für mich in dieser ausführlichen Werkfolge auf zwei CDs die einleitende Haydn-Sonate in F-Dur. Als Haydn-Interpret ist mir Anda nie begegnet – und auch nur ein einziges Mal als Gestalter einer Mozart-Sonate (KV 576)! Mit der munteren, im langsamen Satz fast schon Bellini ähnlichen ariosen Haydn-Kostbarkeit verfährt der Pianist mit einer Lässigkeit, ja Überheblichkeit, die an alte, vor allem von Alfred Brendel und András Schiff immer wieder kritisierte „Einspielhaltungen“, mit der unaufmerksame Kollegen der expressiven Vielfalt der Vorlage vieles, ja alles an Vielzüngigkeit, an Charme, Witz und Kantabilität schuldig geblieben sind und auch heute noch schuldig bleiben (Hamelin!!). Bei dieser Gelegenheit darf man mit Freude an die eigenwillig romantisierend angelegte Carnegie Hall-Darbietung von Horowitz erinnern, der das Werk damals mit „Sang“ und Zauberklang in Nähe seiner Clementi- und Scarlatti-Verführungen plazierte.

Routiniert, mit sicherem Blick für das Wesentliche entfaltet Anda die bald sperrigen, bald herb-empfindsamen Segmente der Ravelschen Valses nobles et sentimentales. Von der kompositorischen Substanz her bedeutet – im Anschluss präsentiert – die im Jahr der Studioaufnahme publizierte Sonate von Rolf Liebermann einen eklatanten Abstieg. Zur Zeit wird Liebermann ja vor allem in der mit bedeutenden Komponisten nicht gerade verwöhnten Schweiz anlässlich seines imaginären 100. Geburtstags gefeiert. Und zu Recht, was seine Verdienste als Kulturmanager, Opernintendant und uneigennütziger Förderer schöpferischer Kollegen anbelangt. Die von Anda liebenswerter Weise einstudierte viersätzige Sonate von knapp neun Minuten Spieldauer ist von karger Invention, sozusagen akustisches Graubrot mit frühem Verfallsdatum.

Die am 21. Mai 1955 in Ludwigsburg mitgeschnittenen Interpretationen sind meiner Meinung nach von durchwegs höherer Qualität als die früheren Studio-Aufnahmen. Schumanns Carnaval – leider nie im DG-Repertoire berücksichtigt! – überzeugt durch männliche Kraft und Übersicht in der allzu oft überhitzt gespielten „Préambule“, besticht durch gleichsam strukturierende Intelligenz, was die Zusammengehörigkeit bestimmter Einzelstücke bzw. Einzelszenen anbelangt. Und auch die Chopin-Etüden op. 12 zeigen Anda auf der Höhe technischer Vernunft und Brillanz. Er hat diese zwölf Etüden immer wieder als Zyklus und zum Beweis von Meisterschaft und Kondition zum Besten gegeben – zuweilen auch in Verbindung mit den Etüden op. 10 (und wie in Salzburg zu erleben mit den 24 Préludes op. 28 als Erweiterung zu einem Mosaik von 48 faszinierenden Miniaturen!).

Vergleichsaufnahmen: Schumann – Sinfonische Etüden: Anda (DG, Salzburg 27.7.1965 – Orfeo C 824 102 B ), Weissenberg (EMI); Chopin – Etüden op. 25: Sokolov (Opus 111 OPS 2009), Pollini (DG ); Haydn: Horowitz (Sony), Buchbinder (Telefunken / Teldec), Hamelin (Hyperion Hyperion CDA 67554), A. Schiff (Teldec).

Peter Cossé [10.11.2010]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Haydn Klaviersonate Nr. 38 F-Dur Hob. XVI:23 00:08:36
4 R. Schumann Sinfonische Etüden op. 13 (1. Fssg. mit Teilen aus dem Anhang zu op. 13) 00:21:03
19 M. Ravel Valses nobles et sentimentales 00:15:33
27 Klaviersonate (1951) 00:08:46
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Chopin Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 – Largo - Moderato 00:09:15
2 R. Schumann Carnaval op. 9 (Scènes mignonnes sur quatre notes) 00:25:55
23 F. Chopin Etüden op. 25 00:30:16
35 J. Brahms Intermezzo Es-Dur op. 117 Nr. 1 00:04:45

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Géza Anda Klavier
 
94.211;4010276023265

Bezug über Direktlink

label_2736.jpg
→ Katalog und Neuheiten

 

Das könnte Sie auch interessieren:

 

⇑ nach oben

Entschleunigte Feinfühligkeit, forsche Damenpranke

Edition Stefan Askenase

Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts konzertierte der aus dem galizischen Lemberg stammende Pianist Stefan Askenase reglemäßig in den europäischen Konzertsälen. Das ältere Publikum hatte den Chopin-Interpreten gleichsam abonniert, bei den Jüngeren und im abgehobenen Kreis des deutschsprachigen Kritikernachwuchses galt der zierliche belgisch-polnische Theodor Pollak- und Emil von Sauer Schüler als Vertreter einer konservativen Handhabe, als ein leibhaftiges Fossil vergangener Chopin-Stilistik.

→ weiter...

Neue CD-Besprechungen

Giacomo Puccini
François Campion
Felix Mendelssohn Bartholdy
Colors
Carlo Graziani

Interpreten heute

  • Armoniosa
  • Stefano Cerrato

Neue CD-Veröffentlichungen

Richard Heuberger
A Lute by Sictus Rauwolf
Visions
Christoph Graupner

CD der Woche

Kenneth Hamilton plays Ronald Stevenson, Volume 1

Kenneth Hamilton plays Ronald Stevenson, Volume 1

Aus dunkler Tiefe steigen schwärzeste Bass-Töne auf, formen eine Tonskala und vereinigen sich mit einer weiteren Stimme zur strengen Fuge. Die ewige ...

Heute im Label-Fokus

Thorofon

... und sie dreht sich doch!
Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen
Erich J. Wolff
Pervez Mody plays Scriabin Vol. 5

→ Infos und Highlights

Thema Klavier Solo

Fantasy
Michael Korstick<br />The Beethoven Cycle Vol. 7
Jean Sibelius<br />Piano Transcriptions
Ondine 1 CD ODE 1192-2
Dance Fantasies
Frédéric Chopin

 

Weitere 52 Themen

Klassik Heute Zahl des Tages

Bei Klassik Heute finden Sie

39641

Interpreten
• 242 Kurzbiographien
• 1099 tabellarische Biographien

→ mehr Zahlen und Infos

AGBs Impressum Kontakt Mediadaten Sitemap Datenschutz

© Klassik Heute

jpc