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CD-Besprechung

OehmsClassics OC 722

1 CD • 58min • 2007

15.05.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 6
Klangqualität:
Klangqualität: 6
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 3

Sinn und Zweck dieser Veröffentlichung wollen sich mir auch nach wiederholtem Bemühen nicht erschließen. Und das weder in musikalischer noch einführungstextlicher Hinsicht – wobei ich freilich gestehen muß, daß sich beides doch irgendwie zusammenfügt. Während nämlich der (an zwei Oktobertagen des Jahres 2007 im Großen Saal des Salzburger Festspielhauses) entstandene Live-Mitschnitt den früher oft gegen Anton Bruckner erhobenen Vorwurf der Formlosigkeit namentlich in den Ecksätzen der dritten Sinfonie scheint herausarbeiten zu wollen, rührt das Booklet aus verschiedenen ungleichrangigen Ingredienzien eine braun-schwarze Brühe an, deren kryptische Botschaft allenfalls zu erahnen ist: Bruckner war eigentlich gar kein Wagnerianer, denn wenn er das gewesen wäre, dann gehörte er ja, ebenso wie sein überragendes Vorbild, als Wegbereiter des Faschismus in die Hölle. Gleichzeitig muß er aber doch zu der Schar derer gehören, denen man (von Johannes Chrysostomos bis Stefan George) nach Lust und Laune mit dem streberhaften Finger drohen darf: Denn wenn er es nicht gewesen wäre, hätte der deutsche Reichssender 1937 mit dem hier eingespielten Werke nicht solches Schindlunder getrieben und die Dur-Version des Hauptthemas (das, womit die Trompete anfängt also) zur Erkennungsmelodie für die Dokumentation über „Entartete Musik“ verhunzt – während Dmitri Schostakowitsch und Karl Amadeus Hartmann als legitime Erben Bruckners genau das Gegenteil waren, vorausgesetzt, man nimmt ihrem Vorbild das Odium des „großen Braunen” Wagner, was aber nur geht...

Natürlich haben Sie mir bis hierhin unschwer folgen können. Eingestreut in diese Gedanken wird ein biographisches Bruchstück aus Bayreuth, das für sich genommen genauso klingt wie obige Zusammenfassung: Demnach wäre Bruckner ein Trinker vor dem Herrn gewesen und hätte sich im glühenden Gespräche mit Wagner derart zulaufen lassen, daß er sich nächsten Tags nicht mehr erinnern konnte, welche der beiden mitgebrachten Sinfonien er dem „hochwohlgeborenen Meister” denn nun habe widmen wollen. Wahr und komplett ist, daß Bruckner, eben aus einer Karlsbader Kur zurück, von Wagner bis zum Beinahe-Filmriß mit Weihen-Stephaner regaliert wurde und in der Tat nachfragen mußte, ob man sich auf jenes Stück geeinigt habe, „wo die Trompete anfängt.”

Der Autor der Erläuterungen muß sich ähnlich vertan haben. Die vielen Generalpausen und Zäsuren, die ihn hier verstören, sind in der zweiten Sinfonie wesentlich ausgeprägter – und vermögen selbst dort bei annähernd partiturgetreuer Darstellung nicht, „der Weiterentwicklung etwas Statisches zu verleihen”. Das geschieht nur, wenn man mit den Tempoangaben, den accellerandi und ritardandi, den Klangblöcken und Sequenzen so willkürlich umgeht, wie das vor anderthalb Jahren in Salzburg nicht nur bei den Außensätzen, sondern in besonders eklatanter Weise auch im Adagio der Fall war, wo die authentischen Hinweise, man möge bitte „bewegt, quasi Andante” oder auch „quasi Allegretto” spielen, gänzlich unter den Tisch fallen. All diese Nachlässigkeiten sind glücklicherweise objektiv meßbar – und da sie auch nicht durch subjektiv nachvollziehbare Spannungsmomente gerechtfertigt werden, bleibt am Ende nicht mehr viel zu sagen.

Mir kommt die ganze Sache vor wie eines jener künstlich erzeugten Probleme, die bei näherer Inspektion überhaupt nicht existieren. Anton Bruckner bedarf keiner „Entwagnerifizierung”, um sich zu ganzer Größe aufschwingen zu können, und er braucht mehr als einhundertundzehn Jahre nach seinem Tode gewiß keine Rechtfertigung dafür, daß irgendwann ein paar Deppen nicht wußten, was sich im Umgang mit echtem Genie gehört. Ganz abgesehen davon läßt sich Kunst, die ihren Namen wirklich verdient, ohnehin nicht mißbrauchen: Wer sich ihrer zu propagandistischen Zwecken bedient, den bestraft das höhere geistige Leben, weil es das nicht mit sich machen läßt – so groß der Größenwahn oder der Feldherr auch gerade sein mögen...

Rasmus van Rijn [15.05.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Symphony No. 3 d minor (Version 1899)

Interpreten der Einspielung

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