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CD-Besprechung

Flauto senza Basso

Flauto senza Basso

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 10.02.09

Easyplay Records 1031204

1 CD • 53min • 2008

Den Blockflötisten Frank Oberschelp hörte ich 1998 zum ersten Mal, als er den renommierten Wettbewerb des Calwer Blockflötensymposiums gewann und mit seinem professionellen Spiel und seiner sympathischen Ausstrahlung Publikum wie Jury gleichermaßen zu begeistern wusste. Seither ist es etwas still um ihn geworden. Umso mehr wird man nun die Veröffentlichung eines anspruchsvollen Soloprogramms unter dem Titel „Flauto senza Basso" begrüßen.

Es gehört zum Schwierigsten, zumal auf einem so begrenzten Nischen-Instrument wie der Blockflöte, ein unbegleitetes Solo-Recital zu bestreiten. Hier muss alles stimmen, um den Zuhörer „bei der Stange" zu halten. Frank Oberschelp hat dieses Wagnis auf sich genommen und – gewonnen. Die Dramaturgie seines Soloprogramms ist sowohl von der Stückauswahl als auch von der klanglichen Vielfalt des eingesetzten Instrumentariums bestens gelungen. Oberschelp präsentiert (freilich im Rahmen „Alter Musik") ein breites Spektrum an Stilen und Formen – von spätmittelalterlicher Spielmannsmusik über Diminutionskunst bis hin zu den „Schwergewichten" barocker Solomusik.

Gleich zu Beginn fesselt Oberschelp den Hörer durch zwei spätmittelalterliche Weisen, eine Ballata und die lebendige, vor Spielfreude sprühende, reich nuancierte Estampie „Belicha". Um die Mitte des 17. Jahrhunderts veröffentlichte der blinde Blockflötenspieler Jacob van Eyck seine umfangreiche Solosammlung „Der Fluyten Lust-hof" mit virtuosen Diminutionen über die bekanntesten Weisen der Zeit, von denen Oberschelp drei besonders charakteristische Stücke präsentiert. Klug wählt er dabei stets das dem Affekt des Stückes gemäße Instrumentarium, für das Klagelied „Blydschap van mijn vliedt" etwa einen herrlich sonoren Schnitzer-Tenor aus der Werkstatt des renommierten Berliner Blockflötenbauers Guido Klemisch. Van-Eyck-Kenner werden begrüßen, dass Oberschelp sich bei der bekannten Nachtigall-Weise nicht für die populäre Fassung „Engels Nachtegaeltje", sondern für die seltener zu hörende, aber fast kuriosere und interessantere Variante mit dem schlichten Titel „Den Nachtegael" entschieden hat. Marin Marais‘ eigentlich der Viola da gamba zugedachten Variationen über die „Folie dí Espagne" erfahren durch Oberschelp eine stimmige und gültige Fassung auf der Blockflöte – klugerweise um einige Durchgänge gekürzt. Das besondere Timbre der dafür verwendeten Flûte de voix (ebenfalls aus der Werkstatt Klemischs) schafft eine innere Verbindung zum weichen Klang der Gambe.

Wohl aus Gründen einer abwechslungsreichen klanglichen Dramaturgie wählte Oberschelp für die Passacaille Jean-Féry Rebels eine Sopranflöte. Durch diese Diskantlastigkeit geht dem Werk die (eigentlich vorhandene) Bass-Stimme umso mehr ab. In dieser Fassung und Ausführung überzeugt das Werk nicht. Als klanglich weniger aufdringliche Alternative wäre eine Fourth-flute oder eine hochbarocke G-Altblockflöte eine akzeptable Lösung gewesen.

Oberschelp beschließt sein Programm mit zwei „Schwergewichten" des barocken Solorepertoires: Johann Sebastian Bachs Partita BWV 1013 und (seiner) Einrichtung der Schluss-Passacaglia aus Heinrich Iganz Franz Bibers Rosenkranz-Sonaten. Bachs Musik überlebt aufgrund ihrer soliden, in sich stets äußerst überlegten und klaren kompositorischen Anlage und einem Hang zur „neutralen" Polyphonie zahlreiche interpretatorische Ansätze und Lösungen.

Im Falle der Bachschen Solopartita hat mich Oberschelps Lesart insgesamt nicht überzeugen können. Sie wirkt gediegen und solide musiziert, bleibt dabei aber recht neutral im Ausdruck. Die Allemande etwa wirkt fast ein wenig etüdenhaft. Oberschelp ignoriert die starke rhetorische Komponente der Musik (mit zahlreichen bedeutungsvollen Figuren und affektgeladenen Intervallen) und scheint sich ganz darauf zu verlassen, dass Bachs Musik trotzdem wirkt, auch, wenn man „nichts tut". Das mag – wie gesagt – stimmen, ob es allerdings der Intention Bachs entspricht, sei dahingestellt. Es wäre ein Leichtes gewesen, gerade der Allemande mit ihrer immanenten Etüdenhaftigkeit durch das Herausarbeiten des harmonischen Rhythmus mehr strukturelle Klarheit zu geben. Die Corrente gerät insgesamt angemessen flüssig, auch wenn Oberschelp den offensichtlich hemiolisch gedachten Beginn missversteht. Am wenigsten überzeugt die Sarabande. Hier bleibt sein Spiel an der Oberfläche, statisch, fast im Dauer-Portato ohne jegliche tänzerische Attitüde. Nicht einmal in den Wiederholungen wagt er eine Verzierung. Auch dem Schlusssatz mangelt es meines Erachtens an Schwung. Bach hatte sicher die Bizzarerien und rhythmischen Extravaganzen englischer Hornpipes im Sinne, als er diesen Satz mit „Bourrée anglaise" überschrieb. Das zentrale Werk der CD löst somit nicht die hohen Erwartungen ein, die der Rest des Programms erfüllt.

Die abschließende Biber-Passacaglia (wohl in Oberschelps eigener Einrichtung für die Blockflöte) stimmt mich allerdings wieder versöhnlich. Hier gelingt es Oberschelp den feierlichen Ernst und die virtuose Spielfreude des Geigen-Originals in eine erstaunlich bläseridiomatische Version zu transferieren, wobei die weiträumigen arpeggierten Apoggiaturen die Doppel- und Mehrfachgriffe der Violinfassung gelungen evozieren. Sehr spannend! Blockflötenfreunde werden sich diese CD mit Vergnügen nicht nur einmal anhören.

Heinz Braun [10.02.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Anon. Per tropo fede (Ballata)
2 Belicha (Estampie)
3 J. van Eyck Fantasie & Echo
4 Blydschap van mijn vliedt
5 Den Nachtegael
6 M. Marais Les Folies d'Espagne
7 J.-F. Rebel Passacaille
8 J.S. Bach Partita a-Moll BWV 1013 für Oboe solo
12 H.I.F.  Biber Passagalia

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Frank Oberschelp Blockflöte
 
1031204;4260069341841

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