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CD-Besprechung

Claude Debussy

Orchestral Works

Claude Debussy

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Besprechung: 04.11.04

SWRmusic SWR19508CD

1 CD • 72min • 2001, 2004

Vor etwa zehn Jahren zeigte Simon Trezize in seiner exzellenten Studie zu Debussy’s La mer in der renommierten Buchreihe Cambridge Music Handbooks (Cambridge University Press, 1994; ISBN 0521 44656 2), daß offenbar keine einzige Aufnahme des Werkes existiert, die man als einigermaßen adäquate Umsetzung des Notentextes uneingeschränkt empfehlen könnte. Daran ändert auch diese Neueinspielung unter Sylvain Cambreling nichts, der tief ausgetretenen Interpretationspfaden folgt. Das geht bereits bei den Tempi und Temporelationen los, die Debussy sorgsam bezeichnet hat, die aber von Dirigenten geflissentlich ignoriert werden. So wünschte der Komponist in der Einleitung des ersten Satzes (Tr. 8) beispielsweise Viertel = 116, dann in Takt 23 (Tr. 8/1’06) ein „Beleben bis zum Eintritt des 6/8-Takts“ und ebenda schließlich in Takt 31 (1’24) ein nicht schleppendes Moderato von Achteln = 116. Mithin sollten wie in einer Sinfonie der Wiener Klassik die Viertel der Einleitung den Achteln des ersten bewegteren Abschnitts entsprechen (das anfängliche „Sehr langsam“ bezieht sich auf den Grundpuls der punktierten Halben!); außerdem legt die Formulierung nahe, das vermerkte Accelerando so zu gestalten, daß die zugrunde liegenden Viertel von Streichern und Harfen in Takt 31 nahtlos zu Achteln werden können. So beschreibt es Trezize in seinem Buch (S. 29). Die Realität aber sieht bei Cambreling so aus wie immer: Ein weihevolles, gut ein Drittel zu langsames Anfangstempo, ein kaum beschleunigtes Accelerando, dann das ziemlich abrupte Eintreten des ersten Wellen-Themas...

Oder nehmen wir das Thema „Farbe“: Wenn Debussy das signifikante erste Thema (Tr. 8/0’32) für Englischhorn und daran gekoppelt um eine Oktave höher Trompete mit Dämpfer im pianissimo instrumentiert – ist dann nicht die gedämpfte Trompete nicht eine höhere Oberton-Ebene des kräftigeren Englischhorns? Und zeigt das nicht, daß hier beide Instrumente zu einem Register verschmelzen sollen, das eine neue Farbe gibt? Man kann über Celibidaches Münchner live-Mitschnitt (EMI 5 56520 2) durchaus geteilter Meinung sein – und insbesondere über die verstörenden Zeitlupen-Tempi –, aber solche Klangschichtungen führte der Altmeister exemplarisch vor – vergl. dort, Tr. 2, 0’56. Und was für eine großartige Leistung seines damaligen Solotrompeters, sich hier wirklich wie eine „innere Stimme“ in das Englisch-Horn einzubetten! In der Neu-Einspielung von Cambreling hören wir dagegen zwei Instrumentalisten, die aneinander vorbeispielen, und einen Klang, der sich nicht mischt, sondern in dem der Trompeter sich mit aufdringlichem, engem Vibrato selbst inszeniert und das Englischhorn in den Hintergrund drängt. Und das ist eine Stelle mit nur zwei klanglichen Ebenen – von den vielschichtigeren Passagen, auf deren Hörbarmachung Celibidache mit Recht so stolz war, gar nicht zu reden...

Oder das Zusammenspiel: Manchmal scheint dem Dirigenten die Kontrolle zu entgleiten. Auch wenn es sich hier um sogenannte „nachbearbeitete Live-Produktionen“ handelt: Hat man keinen besseren Take gefunden beispielsweise für die Passage nach Tr. 8, 6’07 bis ca. 7’00, wo die Violinen immer wieder hoffnungslos vom Rest des Orchesters wegdriften, mal eilend, mal zögernd? Denn geschnitten wurde in dieser Produktion mitunter durchaus hörbar (vergl. etwa Tr. 8, 3’57, unmittelbar vor Takt 76). Oder die Balance: Zwar halten sich die Streicher erfreulich mit dem Vibrato zurück, was den Holzbläsern eine bessere Hörbarkeit verschafft, aber die Blechbläser und Pauken machen in den Tutti jede Differenzierung zunichte – ungeachtet der hohen Anforderungen an die Balance, die man aus jeder Seite der Partitur zu erkennen vermag. So kann an keiner Stelle ein wirkliches Meer-Gefühl aufkommen, wobei auch die behäbigen Grundtempi nicht helfen. Vor den Tücken des Scherzo (Tr. 9) mit seinen sog-artigen Temposteigerungen scheint Cambreling schlicht kapituliert zu haben. Man vergleiche dies einmal mit der 1964er-Einspielung von Ernest Ansermet (Decca 414 040-2) oder höre nur, wie stimmungsvoll Cambrelings Orchester das Werk 1968 unter Ernest Bour realisiert hat (Astrée Auvidis E 7800) – trotz mancher Unstimmigkeiten noch immer meine favorisierte Einspielung. Wer also eine konventionelle Aufnahme der revidierten 1909er-Ausgabe von La mer sucht, ist mit dieser nicht besser oder schlechter dran als mit den meisten anderen.

Ähnliches gilt auch für die Images, die hier nur deshalb einen insgesamt etwas besseren Eindruck hinterlassen, weil die Interpretationsprobleme der Partitur nicht ganz so schwerwiegend sind wie in La mer. Aufgrund der vielen tänzerischen Elemente und der Phrasierung der Themen findet die Musik leichter das ihr entsprechende Tempo. Wenn man Käufer gewinnen will, ist die Plazierung zu Beginn anstelle des bekannteren La mer eine gute Entscheidung. Schade ist allerdings, daß insbesondere im Herz des Werkes, den Parfums de la nuit (Tr. 3), die Sinnlichkeit weitgehend auf der Strecke bleibt – auch hier vergleiche man wieder mit Celibidache (s.o., Tr. 8). Cambreling macht ein kühles Intermezzo draus. Am erfreulichsten gelungen sind die Danses für Harfe und Streichorchester, die Debussy nach dem Vorbild französischer Barocktänze und vielleicht auch mit Erik Saties Gymnopédies im Ohr 1904 im Auftrag des Harfenbauers Gustave Lyon komponiert hatte, um die Möglichkeiten der von ihm geschaffenen doppelt besaiteten chromatischen Harfe auszuloten. Leider ist hier die vorzügliche Harfenistin Ursula Eisert etwas ungünstig im Hintergrund positioniert und läuft Gefahr, vom Streichertutti sofort zugedeckt zu werden, wenn die Dynamik das Mezzoforte übersteigt. Cambreling dirigiert diese zehnminütige Miniatur mit Engagement und Herzblut. Würden auch die beiden großformatigen Orchesterwerke den gleichen Eindruck hinterlassen, wäre dies insgesamt eine vorzügliche und sehr empfehlenswerte Produktion. Die künstlerische Wertung ließe sich differenzieren als eine 4 für La mer, eine 7 für die Images und eine 10 für die Danses.

Dr. Benjamin G. Cohrs [04.11.2004]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 C. Debussy Images - Drei sinfonische Dichtungen für Orchester 00:36:46
6 Danses sacrée et profane für Harfe und Streicher 00:10:00
8 La Mer, trois esquisses symphoniques (drei sinfonische Skizzen für Orchester) 00:24:44

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg Orchester
Sylvain Cambreling Dirigent
 
93.067;4010276013174

Bezug über Direktlink

 

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