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Donnerstag, 9. September 2010
Klassik Heute - Hörführer

Auf zwei Beinen

50 Jahre Radio-Philharmonie Hannover

Unter den deutschen Rundfunk-Orchestern ist dasjenige aus Hannover etwas Besonderes. Die Radio-Philharmonie Hannover mag einem Hörer nämlich auch begegnen als NDR Hannover Pops Orchestra. Dahinter verbirgt sich derselbe Klangkörper, dessen Repertoire aber anders ausgelegt ist. Wie die Namen schon andeuten, pflegt die Radio-Philharmonie das klassische Repertoire, die Hannover Pops hingegen bedienen den weiten, undefinierten Bereich der Unterhaltungsmusik. Hier findet sich alles von der Operette bis zum Musical und zur Filmmusik.

Es ist in der deutschen Rundfunklandschaft ein einzigartiges Konzept: ein Orchester erweitert seinen musikalischen Zuständigkeitsbereich so, daß auch Hörer „gehobener Unterhaltungsmusik“ zu ihrem Konzert-Recht kommen. Während in Häusern wie etwa dem Bayerischen Rundfunk ein „offizielles“ Symphonieorchester existiert sowie ein Rundfunk-Orchester, das eher für die leichte Muse zuständig sein soll, vereinen sich in der niedersächsischen Landeshauptstadt beide Funktionen aufs schönste.

Das hat Tradition: 50jähriges Orchesterbestehen wird im Mai 2000 gefeiert. In all diesen Jahren hat sich zwar gelegentlich der Name geändert, nicht aber die Funktion. Als Orchester des Senders Hannover gegründet, gehörten Konzerte ebenso zum Alltag der Musiker wie die Aufnahme von Musik für Hörspiele, und der erste öffentliche Auftritt im Juli 1950 unter dem ersten, langjährigen Chefdirigenten Willy Steiner war – ein unterhaltsames Programm.

Gehobene Unterhaltungsmusik

Mehr und mehr wurde das Orchester zu einem wichtigen Bestandteil des niedersächsischen Musiklebens, es wuchs von anfangs 45 Musikern auf Sinfonieorchester-Stärke an und erhielt 1956 die Bezeichnung Rundfunkorchester Hannover des NDR. Der 1963 eröffnete große Sendesaal als Veranstaltungsort zog viele internationale bekannte Künstler an.

Heute gibt es das an deutschen Sendern nicht mehr: die Abteilung „Gehobene Unterhaltungsmusik“. Diese Richtung des Orchesters prägte der Dirigent Richard Müller-Lampertz, der von 1966 bis 1975 mit seinem eleganten Dirigierstil bekannt war für mitreißende Operetten- und Musicalabende sowie Filmmusikkonzerte. Nachfolger Willy Steiners als Chefdirigent wurde 1976 Bernhard Klee – bis 1979 –, dann der Tscheche Zdenek Macal, 1985 bis 1989 schließlich führte der Italiener Aldo Ceccato den Stab, und 1991 kehrte Bernhard Klee für vier Jahre nach Hannover zurück. 1998 endlich übernahm der Japaner Eiji Oue das Szepter; sein Vertrag ist soeben bis 2003 verlängert worden.

Verändertes Selbstverständnis

Ursprünglich waren Rundfunkorchester gegründet worden, um für das Programm des Senders aufzunehmen und Musik zu produzieren, die unter kommerziellen Gesichtspunkten nicht überlebensfähig wäre. Das ist heute kaum noch so. Die Gebührenzahler sehen Orchester ihres Sendegebiets häufig auf Reisen und dürfen die bekannten klassischen Werke erleben, vorzugsweise mit einem Dirigenten von internationalem Rang. Das kann dann gleich auch noch mit einer Schallplattenfirma koproduziert werden. Dieser Änderung im Selbstverständnis der Rundfunk-Orchester trug man in Hannover Rechnung und gab dem Klangkörper seinen bisher dritten Namen: aus dem Rundfunkorchester Hannover wurde 1992 die Radio-Philharmonie Hannover.

Auch die Sparte Unterhaltung, die das Orchester nun schon seit 50 Jahren bedient und damit einen einzigartigen Platz in Deutschland einnimmt, wurde offiziell: 1998 erlebte die Radio-Philharmonie Hannover ihr Debüt unter einem zusätzlichen Namen: Hannover Pops Orchestra; die Feuertaufe war eine Tournee mit Al Jarreau, 1999 folgte eine Reise mit Patricia Kaas.

Unter seinem anderen Namen engagiert sich das Orchester auch für neue Musik – mehr als 30 Uraufführungen im Rahmen der „Tage für Neue Musik Hannover“ –, bereist das Sendegebiet, ist auf verschiedenen Festivals zu Gast, absolvierte im vergangenen Jahr eine Tournee durch Spanien und Brasilien und ist auf zahlreichen CDs mit interessantem unbekannten Repertoire vertreten. Wie kritisch man der ARD als Musik-Mäzen auch gegenüberstehen mag – die Unterstützung dieses auf zwei Beinen stehenden Klangkörpers ist sinnvoll.

Joachim Mitterer, 2.5.2002

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