Es ist kein Ende der technischen Überraschungen in unseren schnelllebigen Tagen! Im ersten Moment des Herantastens an ein gerade eintreffendes Speichermedium vermeint der Konsument einem editorischen Fehler auf der Spur zu sein – allenfalls einem Werbetrick, im Falle produzentischer Ehrlichkeit um den Zusammenschnitt einer auf Dickleibigkeit angelegten Gesamtausgabe. Solche Überlegungen schienen angebracht, als sich kürzlich ein Päckchen aus dem Schwabenland in der Post befand, abgeschickt von Ralph Kulling, dem Gründer und rührigen Promotor eines „Musik und Video“-Verlages. Gleichsam als moderner Zeus seines kleinen Imperiums vertreibt er eine CD- und Video-Edition „Hera“ – und in diesem Fall ist deren jüngstes Tonträger-Kind nicht von schlechten Eltern. Sämtliche 27 Mozart-Klavierkonzerte (die vier frühen, niedlich-mobilen „Pasticcio“-Konzerte nicht vergessen), die beiden konzertanten Rondos und alle 18 Klaviersonaten sind auf zwei Audio-DVDs untergebracht. Und auf der zweiten ist sogar noch Platz für ein Video-Kapitel von 45 Minuten Dauer, in dessen Verlauf die Pianistin Carmen Piazzini ihr Mozart-Projekt erläutert. Handlicher, vollgepackter, praktikabler für den kunstsinnigen Alltags- und Feiertagsgebrauch lässt sich des Ortes ungebundene Musik auf kleiner Scheibe kaum mehr vorstellen, zumal dann die Lesbarkeit der gedruckten Begleitinformationen nicht mehr gesichert wäre.
Das für die Audio-DVD übliche Standbild erfüllt unter diesen Umständen den Sinn der Wegweisung. Nur so sind die zahlreichen Sätze und Werke anzusteuern und abzurufen. Die Solistin lächelt dem Hörer auf diese Weise gut 16 (in Worten sechzehn) Audio-Stunden entgegen, aber auch ihr Mozart-Spiel und -Empfinden ist ein Lächelndes, Diesseitiges. Selbst in den Moll- und Düsterregionen der Konzerte KV 453 (Mittelsatz!), 466 oder 491 favorisiert sie ein von Dämonie unbeeinträchtigtes Hantieren auf der Basis geschmeidiger Geläufigkeit und heller, klarer Tongebung. Gelegentlich tendiert diese Geläufigkeit hinüber in eine wässrige Beiläufigkeit, wie etwa in den „Bemerkungen“ der linken Hand, wenn im Kopfsatz des Es-Dur-Konzerts KV 449 eigentlich reibungsvolle Spannung den Ton angibt.
Die St. Petersburger Solisten unter der Leitung von Michail Gantvarg erweisen sich als solide, allen Aufgaben gewachsene „Partie“, die der Pianistin auch in manchen äußerst rasch genommenen Abschnitten (zu denen auch der zweite Satz des Konzerts KV 467 zu zählen ist) ohne instrumentale Atemnot zu folgen vermag. Als Partner für die Konzerte KV 242 und KV 365 hat Frau Piazzini den südamerikanischen Pianisten Alfredo Perl gewählt, der in früheren Jahren eine Menge für den „Arte Nova“-Katalog geleistet hat. Im Konzert KV 242 verzichtet man auf den dritten Klavierpart – eine verzeihliche Sünde in Anbetracht seiner gedrosselten Bedeutung.
Vergleichsaufnahmen: Haebler (Philips), Anda (DG), Ashkenazy (Decca), Kirschnereit (Arte Nova), Barenboim (EMI), Brendel (Philips)
Peter Cossé (10.10.2007)