Joseph Haas II
Gerit Lense Klavier
Ars Produktion ARS 38 672
1 CD • 76min • 2007
16.01.2026
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Gesamteindruck:![]()
Der Komponist Joseph Haas (1879–1960) spielt auf den Konzertbühnen kaum mehr eine Rolle und auch auf Tonträgern findet man ihn eher selten. Dass dem einstigen Reger-Schüler, der 1921 zusammen mit Paul Hindemith und Heinrich Burkard die Donaueschinger internationalen Kammermusikfeste für Neue Musik mitinitiiert hat, so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist grob fahrlässig. Es gäbe hier echte Schätze zu heben, genannt seien hier nur die Symphonische Suite (1913), die Streichquartette g-Moll, op. 8, und A-Dur, op. 50, sowie die Violinsonate in h-Moll, op. 21. Dass es seine Orgelsonate in c-Moll, op. 12, dito seine Totenmesse, op. 101, und Deutsche Chormesse, op. 108, bis heute nicht auf einen Tonträger geschafft haben, ist ein Armutszeugnis für die klassische Musikbranche. Immerhin ist Haas’ Klavier-Œuvre diskographisch sehr gut erschlossen worden, und das auf einem spieltechnisch hohen Niveau: von der Pianistin Gerit Lense.
Cavalli Records
Sein erstes Werk für Klavier (Ballade, WoO) komponierte Joseph Haas 1902, sein letztes, den Zyklus Klangspiele, op. 99, vollendete er 1945. Kaum eines davon hat es bis heute auf einen Tonträger geschafft. Wer sich allerdings vehement für Haas Klavier-Œuvre eingesetzt hat (und dies immer noch tut), ist die Pianistin Gerit Lense. Zwischen 2001 und 2016 hatte sie für das (heute nicht mehr existente) Label Cavalli Records eine Auswahl dieses Œuvres auf drei CDs eingespielt. Die schlechte Nachricht: Diese Alben sind längst vergriffen. Aber – und das ist jetzt die gute Nachricht: sie werden seit 2025 vom Label Ars Produktion sukzessive neu aufgelegt. Auf dem im letzten Jahr erschienenen Volume 1 hören wir: die vier Elegien, op. 42, die Hausmärchen, op. 35, und den Variationszyklus Eulenspiegeleien, op. 39. Auf dem jetzt erschienenen Album (Vol. 2) erklingen die beiden Sonatinen in C-Dur und d-Moll, op. 94 Nr. 1 und 2, das zweite Buch der Hausmärchen, op. 43 sowie die Sonate, a-Moll, op. 46.
Ein Meister seines Faches
Alle diese Werke zeigen Joseph Haas als einen – immer noch weit unterschätzten – Meister seines Faches. Die beiden nur rund zehn bzw. sieben Minuten kurzen Sonatinen, bei denen ich an Max Regers vier Gattungsbeiträge denken musste, changieren zwischen Hausmusik und intimem Konzertsaal und entpuppen sich als auf den Punkt genau austarierte Klavier-Miniaturen, die sozusagen kein Gramm Fett zu viel „am Leibe“ haben und trotz (oder besser gerade wegen) ihrer Schlichtheit und kunstvollen Simplizität mit jedem Satz bezaubern. Vor allem (aber nicht nur!) die Passacaglia des langsamen dritten Satzes der d-Moll-Sonatine ist ein kleines hochkarätiges Juwel. Und das Rondo des letzten Satzes des C-Dur-Werks zeigt den Komponisten als Meister der Rhythmik auf engstem Raum. Wer Haas als Rhythmiker in seiner ganzen Stärke kennenlernen will, sollte sich unbedingt die Eulenspiegeleien (1912) anhören. Ich halte diesen Variationszyklus für einen der besten seiner Art und finde das Werk ungleich raffinierter als Richard Strauss’ Tondichtung Till Eulenspiegels lustige Streiche von 1895, auch wenn diese sicherlich eine Inspirationsquelle für Haas war.
Bei den zwischen ca. 1911 (Hefte 1 und 2) und 1920 (Heft 3) entstandenen Hausmärchen handelt es sich um eine Sammlung von jeweils neun Genrestücken für den Hausmusik-Gebrauch aus dem Geiste Robert Schumanns. Die zumeist nur zwischen einer und drei Minuten langen Stücke tragen keine programmatischen Titel, sondern Tempobezeichnungen wie etwa „Nicht zu rasch“ oder „Leise, bewegt, zierlich“. Zierlich und apart sind sie allesamt – und man sollte sie nicht unterschätzen. Das hier zu hörende zweite Heft gefällt mir zwar nicht ganz so gut wie das erste, aber auch dieses birgt echte Kostbarkeiten, die durch die Bank raffiniert gemacht sind und nie ins Sentimentale abgleiten.
„RevolutionsSonate“
So gut die oben vorgestellten Werke auch sind: im Vergleich zu Haas Sonate in a-Moll von 1917 (publiziert 1918), dem absoluten Highlight und Hauptwerk der CD (und der ganzen Reihe), verblassen diese zu gehobenen Fingerübungen. Um es rundheraus zu sagen: ich halte diese viersätzige, mit ihren rund 42 Spielminuten buchstäblich monumentale – und von Haas’ Biograph Karl Laux1 so genannte und geschriebene – „RevolutionsSonate“ für eine der ambitioniertesten und besten Klaviersonaten ihrer Zeit. Es ist mir komplett unverständlich, dass dieses Werk ein totales Schattendasein fristet und dass es davon (meines Wissens) nur eine einzige Einspielung gibt: die vorliegende. Erklären kann ich es mir nur so, dass diese Sonate höchste Ansprüche stellt, nicht nur an den Interpreten, sondern auch an die Hörenden. Man muss sich dieses im positiven Sinne sperrige, auf Gefälligkeiten und „eingängige“ Melodien verzichtende Werk, in dem der Maschinen- und Weltkriegslärm seiner revolutionsbewegten Zeit deutliche Klang-Spuren hinterlassen hat, durch wiederholtes Hören erarbeiten, um diese „musikalische Prosa“ nachvollziehen zu können, wird dann aber mehr als reicht belohnt. Wie in kaum einem anderen Werk (einige Orgelkompositionen einmal ausgenommen) outet sich Haas hier als Schüler von Max Reger, der er von 1904 bis 1907 war, und das auf einem schwindelerregenden hohen und komplett epigonenfreien Niveau! Wenn ich mir an dieser Stelle eine persönliche Bemerkung erlauben darf: Haas’ „RevolutionsSonate“ ist für mich (wie) die Klaviersonate, die Reger, von dem es „nur“ vier Klavier-Sonatinen gibt, nie geschrieben hat. Wollte man die Haas-Sonate mit der legendären h-Moll-Sonate von Franz Liszt vergleichen, der sie in ihrem Anspruch und auch in einigen Passagen hörbar nacheifert, dann könnte man sagen, dass ihr die diabolische Attraktivität und virtuos-verführerische Pose komplett abgeht, und zwar mit Ansage. Es ist für alle InterpretInnen auf der Bühne schwer bis unmöglich, das Publikum mit der Haas-Sonate zu „blenden“, zu „verführen“ und zu Begeisterungsstürmen hinzureißen – und das wird wohl (auch) der Grund dafür sein, dass sie für „Star-Pianisten“ und „Tastenlöwen“ nie ein „Futter“ und „gefundenes Fressen“ war.
Fakt ist: Gerit Lense spielt die „RevolutionsSonate“ atemberaubend gut. Sie betont die Ecken, Kanten und Bruchlinien des Werks, macht ihre moderne Nervosität und ihre Expressivität, richtiger gesagt: ihren musikalischen Expressionismus unmittelbar erfahrbar. Dabei versteht sie es genauso gut, ihre spätromantischen Schönheiten zu gestalten, die vor allem (aber nicht nur) im „Langsam und ernst“ überschriebenen dritten Satz zum Ausdruck kommen. Diese fast zwanzig Jahre alte „historische“ Aufnahme hat rein gar nichts von ihrer Aktualität verloren. Aber auch die übrigen auf der CD zu hörenden Werke sind bei Gerit Lense in den denkbar besten Händen. Hinzu kommt, dass der Bösendorfer-Imperial-Flügel, auf dem sie spielt, einen fantastischen „Sound“ hat (die Raumakustik der Aufnahme ist allerdings für meinen Geschmack etwas trocken). Es ist ein wirklicher Glücksfall für die Klavierwelt, dass Ars Produktion die alten Cavalli-Records-Aufnahmen neu aufgelegt hat bzw. auflegen wird (Vol. 3). Auf dieses dritte Volume, das dann das dritte Heft der Hausmärchen, op. 53, die zwei Sonatinen, op. 94 Nr. 3 und Nr. 4 in G- bzw. F-Dur sowie einige Klavierwerke von Franz Liszt zu Gehör bringen wird, dürfen Klaviermusik-Fans sich freuen.
Dr. Burkhard Schäfer [16.01.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Joseph Haas | ||
| 1 | Sonatine d-Moll op. 94 Nr. 2 | 00:09:42 |
| 5 | Sonatine C-Dur op. 94 Nr. 1 | 00:06:55 |
| 8 | Sonate a-Moll op. 46 | 00:42:31 |
| 12 | Hausmärchen op. 43 (Neun Klavierstücke) | 00:16:03 |
Interpreten der Einspielung
- Gerit Lense (Klavier)
