De Profundis
Works for Soprano and Organ by Bach, Reubke, Reger, Nono, Gubaidulina & Manneke
Gudrun Sidonie Otto Soprano • Andreas Liebig Organ

arcantus arc 25050
1 CD • 59min • 2023
29.08.2025
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Klassik Heute
Empfehlung
Der Titel des Albums bezieht sich auf den Psalm 130 (De profundis – Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir), der zu den traditionellen Totengebeten der katholischen Kirche gehört und über die Nachdichtung Martin Luthers Eingang in die evangelischen Gesangbücher fand. Für die Sopranistin Gudrun Sidonie Otto und den Organisten Andreas Liebig war dieser Psalm Ausgangspunkt und Leitfaden auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Wie können wir (wieder) Frieden finden – in uns und in den Stürmen dieser Welt?“ Der musikalische und geistige Kosmos, den ihr Programm zu umfassen sucht, wird auch weniger religiös veranlagte Menschen nicht unberührt lassen.
Von Bach zu Gubaidulina und Nono
Es beginnt hoffnungsvoll mit Fantasia et fuga g-moll von Johann Sebastian Bach. In dem mystischen, Alfred Schnittke gewidmeten Sopran-Solo Aus den Visionen der Hildegard von Bingen (1994) löst Sofia Gubaidulina (1931-2025) den gesungenen Text in Geflüster, Atemgeräusche und Vierteltonintervalle auf. Das Friedenskonzert des niederländischen Komponisten Daan Manneke (Jg. 1939), hier eingebettet in die Orgelfantasien von Bach und Max Reger über den Lutherchoral Aus tiefer Not schrei ich zu dir, ist eine Auftragsarbeit zur Tausendjahrfeier des Basler Münsters 2019 und Bestandteil der siebenteiligen Basler Psalmen. Es ist in diesem Programm das einzige Stück, in dem Singstimme und Orgel zusammenwirken. Die Textgrundlage bilden die Friedensklage des Erasmus von Rotterdam (1517/18) und die Genfer Version des Psalms 65 in französischer Sprache. Die Message des Humanisten Erasmus ist wieder hochaktuell: „Es gibt kaum einen so nachteiligen Frieden, der nicht dem vorteilhaftigsten Krieg vorzuziehen wäre“. Gefolgt wird dieser in freier Tonalität vorgetragene Friedensappell von dem in Zwölftontechnik geschriebenen, hochexpressiven und vokal halsbrecherischen Solostück Djamila Boupachà aus Luigi Nonos Canti di vita e d’amore (1962), einem existentiellen Aufschrei der gefolterten algerischen Freiheitskämpferin.
Geniestreich eines Frühvollendeten
Als eine der bedeutendsten Orgelkompositionen des 19. Jahrhunderts gilt nach übereinstimmender Auffassung der Experten Der 94. Psalm. Große Sonate c-moll (1857) des erst 23jährigen Liszt-Schülers Julius Reubke, der ein Jahr später an Tuberkulose verstarb. Die neun interpretierten Verse des Psalms sind dem Notentext vorangestellt, wollen also im Sinne der neudeutschen Schule als „Programm“ verstanden werden. Liszts Klaviersonate h-moll kann in formaler Hinsicht als Vorbild gesehen werden, doch emanzipiert sich Reubke schon erkennbar von seinem Meister. Die drei Sätze gehen pausenlos ineinander über und folgen einem monothematischen Konzept. Auf die Anrufung des rächenden Gottes (Grave larghetto-Allegro con fuoco) folgt im Adagio die Dankbarkeit für seine Tröstungen. In der finalen Fuge (Allegro) werden in der Orgel alle Register gezogen und damit illustriert, wie der Herr dem Bösen in der Welt den Garaus macht.
Singen und predigen
Der Werdegang der Gesangssolistin Gudrun Sidonie Otto ist besonders bemerkenswert und prägt den Stil ihrer Interpretationen. In der DDR aufgewachsen, schon im Vorschulalter musikalisch aktiv, entwickelte sie sich später im Westen zu einer herausragenden Sopranistin, vor allem im Konzertbereich. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verlor sie vor zehn Jahren nach der Geburt ihrer Tochter vorübergehend ihre Stimme und nahm dann, um noch eine andere Berufsperspektive zu haben, ein Theologiestudium auf. Heute ist sie in Basel im Hauptberuf Pfarrerin und daneben als Sängerin aktiv. In der Kirche versucht sie, beide Professionen zu verbinden. Predigen und singen gehöre für sie zusammen, hat sie in einem Interview einmal erklärt. Ihre Stimme „dringt in die Tiefe des Herzens“, wie es im „Fidelio“ heißt, und wie ich mich im Internet überzeugen konnte, ist sie auch eine begnadete Predigerin. Sie und ihr Partner Andreas Liebig überwältigen ihre Hörer nicht nur mit dem schieren technischen – bei Nono und Leubke ausgesprochen virtuosen – Können, sondern ebenso mit der Glut ihrer Überzeugung. Sie vermitteln eindrücklich auch die außermusikalischen, geistigen Inhalte der Kompositionen. Für mich persönlich schon jetzt eine der wichtigsten Veröffentlichungen dieses Jahres.
Ekkehard Pluta [29.08.2025]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
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CD/SACD 1 | ||
Johann Sebastian Bach | ||
1 | Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 | 00:11:30 |
Sofia Gubaidulina | ||
3 | Aus den Visionen der Hildegard von Bingen | 00:02:36 |
Johann Sebastian Bach | ||
4 | Aus tiefer Not schrei ich zu dir BWV 686 | 00:05:21 |
Daan Manneke | ||
5 | IV. Friedenskonzert für Sopran und Orgel (Psalm 65: Man betet, Herr, in Zions Stille) | 00:08:11 |
Max Reger | ||
6 | Aus tiefer Not schrei' ich zu dir op. 67 Nr. 3 (Heft 1, Herrn Prof. Dr. J.G. Herzog zugeeignet) | 00:04:12 |
Luigi Nono | ||
7 | Djamila Boupacha (Sopran-Solo aus Canti di vita e d'amore: Sul ponte di Hiroshima, 1962) | 00:03:27 |
Julius Reubke | ||
8 | Sonate c-Moll (Der 94. Psalm) | 00:23:30 |
Interpreten der Einspielung
- Gudrun Sidonie Otto (Sopran)
- Andreas Liebig (Orgel)