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Besprechung CD

Key Words

Piano Parlando 1
Florence Millet

Ars Produktion 38 651

1 CD • 45min • 2021, 2022

06.02.2024

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

„Key Words“ bzw. „Piano parlando 1“ ist das vorliegende Album der in Köln und Wuppertal wirkenden Pianistin Florence Millet überschrieben (eine zweite Folge wird offenbar in Kürze folgen), und damit sind Klavierwerke gemeint, die sich auf Sprache beziehen. Dies kann ganz konkret erfolgen, etwa, indem eine Sprechstimme (der Pianistin selbst oder vom Tonband) integriert wird, oder auch im weiteren Sinne wie im Falle von Klavierstücken mit „sprechenden“ Titeln (womit natürlich prinzipiell das Tor sehr weit geöffnet ist). Abgesehen von Johann Sebastian Bachs Capriccio über die Abreise des geliebten Bruders BWV 992 handelt es sich allesamt um Musik aus jüngerer bis jüngster Zeit, entstanden zwischen 1890 und 2022, typischerweise miniaturhaft (24 Tracks bei einer Gesamtspielzeit von lediglich 45 Minuten sprechen eine eindeutige Sprache).

„Sprechende“ Interpretationen

Selbstverständlich „sprechen“ in Bachs Capriccio bereits die Überschriften der einzelnen Sätze (und beziehen sich teilweise ja sogar explizit auf Kommunikationssituationen). Ganz dem Titel der CD entsprechend legt Millet besonderen Wert darauf, diesen kommunikativen Aspekt auch im Notentext nachzuvollziehen, etwa, indem sie die einzelnen Phrasen zu Beginn der „Schmeichelung der Freunde“ durchaus beredt versteht, relativ klar voneinander abgesetzt und die fallenden Quarten bzw. Quinten am Ende als schließende Geste begreifend, immer wieder auch mit leichtem Zögern (wie sie überhaupt mit relativ großzügigem Rubato arbeitet), und später in diesem Satz sehr bewusst einen kleinen Dialog entstehen lässt. Dies birgt allerdings die Gefahr einer gewissen Kleinteiligkeit: die Musik bewegt sich tendenziell zu wenig über die Taktgrenzen hinweg, verharrt eher auf dem Augenblick als in Fluss zu geraten.

Sprache spielt auch in einigen der Miniaturen Leoš Janáčeks eine wesentliche Rolle. Millet spielt sieben der Stücke, die 1994 unter dem Titel Intime Skizzen publiziert worden sind (tatsächlich eine Zusammenstellung von Einzel- und Gelegenheitsstücken und nicht etwa ein originaler Zyklus, insofern ist die Bezeichnung als „Lebenstagebuch“ im deutschen Begleittext mindestens verkürzt). Tauchte Olena Kushpler kürzlich diese Stücke in zarte Pastellfarben, so geht es Millet wiederum eher um die expressiven, kommunikativen Seiten dieser Musik. Die Tendenz zu relativ direkten Interpretationen bestätigt sich ebenso in Federico Mompous Dialogues (man beachte etwa die Sekundrückung kurz vor Schluss des zweiten Stücks, die Millet eher im Sinne eines energischen Aufbäumens versteht denn als Moment der Introspektion). Janáčeks Einfluss, kombiniert mit impressionistischen Anklängen, findet sich in den kurzen Zwei Blumensträußen der jung verstorbenen Vítězslava Kaprálová (die allerdings, anders als im deutschen Begleittext behauptet, keine Schülerin Janáčeks war).

Akustische Fingerabdrücke und Präparationen

Gesonderte Betrachtung verdienen die Stücke aus den letzten drei Dekaden. Peter Ablinger (Jg. 1959) „übersetzt“ in seinem Zyklus Voices and Piano, an dem er seit 1998 arbeitet, die Stimmen ausgewählter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Musik. Konkret sieht das im Falle von Hanna Schygulla so aus, dass ein zweieinhalbminütiges Tondokument, in dem Schygulla über ihren Namen nachsinnt, vom Band abgespielt wird und das Klavier (oft einstimmig) Rhythmus und Sprachmelodie nachvollzieht, also eine Art „akustischen Fingerabdruck“ ihrer Stimme erstellt. Relativ sparsam und erst im weiteren Verlauf des Stücks kommt es zu kleineren Ausschmückungen und musikalischen „Kommentaren“, wenn etwa das Wort „jüdisch“ durch eine Dissonanz im Diskant hervorgehoben wird. Bei der (natürlich stark verrauschten und m.E. im Vergleich zum Klavier etwas zu leise abgespielten) Stimme Guillaume Apollinaires orientiert sich das Klavier nicht an jeder Silbe, sondern fasst etwas größere Einheiten zusammen, versieht sie mit einem harmonischen Profil und füllt mit diesem Material auch Pausen. Conversatio X von Georges Aperghis (Jg. 1945) ist ursprünglich ein Stück für Stimme und Schlagzeug, das der Komponist 2017 für Stimme und präpariertes (weitgehend perkussiv eingesetztes) Klavier eingerichtet hat. Beginnend mit aufgeregter Diktion in einer Fantasiesprache spitzt sich das Stück zu einer Art Dialog von rhythmischen Stöhngeräuschen und kurzen Einwürfen des Klaviers zu, was zwei m.E. ausgesprochen enervierende Minuten ergibt. Muschel II der russischen, in Köln lebenden Komponistin Dariya Maminova (Jg. 1988) ist erst 2022 entstanden; der Titel bezieht sich auf ein Gedicht von Mandelstam. Hier geht es darum, per Präparation des Klaviers Muschelklänge zu erzeugen, was ein relativ sanftes, gedämpftes Klangbild ergibt (bei recht einfach gehaltenem musikalischem Material).

Heterogenität als dominierender Eindruck

Das Beiheft liefert (etwas irritierend) drei verschiedene, jeweils kurz gehaltene Texte je nach Sprache. Für mich bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck bestehen, denn so persönlich die Auswahl der Stücke auch gefärbt sein mag (und z.T. von Millets Interesse an seltener gespieltem Repertoire zeugt – erfreulicherweise ist offenbar auch eine Produktion von Adolf Buschs Klavierkonzert in Arbeit), wirkt das Programm am Ende doch eher fragmentiert, wenig kohärent, wegen seiner Heterogenität schwer fassbar. Auch angesichts der geringen Gesamtspielzeit wäre es m.E. wünschenswert gewesen, wenigstens punktuell stärker in die Tiefe zu gehen.

Holger Sambale [06.02.2024]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Peter Ablinger
1Voices and Piano 00:02:36
Johann Sebastian Bach
2Capriccio über die Abreise des geliebten Bruders B-Dur BWV 992 00:09:02
Federico Mompou
8Dialogues 00:33:39
Georges Aperghis
10Conversation X 00:02:31
Vítězslava Kaprálová
11Veilchenstrauß 00:00:45
12Herbstlaub 00:01:02
György Kurtág
13Lautes Gespräch mit dem Teufel (aus: Jàtèkok III/7) 00:01:47
Dariya Maminova
14Muschel II 00:05:26
Leoš Janáček
15Kleinseiten-Palais JW VIII/31 00:01:12
16Ohne Titel JW VIII/29 00:00:42
17Melodie JW VIII/26 00:00:29
18Moderato JW VIII/21 00:00:58
19Nur blindes Schicksal? JW VIII/33/3 00:01:25
20Damit man nie zurück könnte JW VIII/33/5 00:01:14
21Der goldene Ring JW VIII/33/12 00:00:15
22Ich erwarte dich JW VIII/33/13 00:01:35
Peter Ablinger
23Voices and Piano (Guillaume Apollinaire) 00:03:23
Erik Satie
24Gnossienne Nr. 3 00:03:09

Interpreten der Einspielung

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