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CD-Besprechung

Bach

The Six Cello Suites
Michiaki Ueno

la dolce volta LDV 115.6

2 CD • 2h 15min • 2021, 2022

26.11.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Für sein Debütalbum hat sich der junge Cellist Michiaki Ueno, Jahrgang 1995, mit Bachs sechs Solosuiten gleich einen der Meilensteine des (nicht nur Cello-) Repertoires ausgesucht. Eine ambitionierte Wahl, nicht in technischer Hinsicht (die Suiten sind in puncto Schwierigkeit näherungsweise progressiv angeordnet, und gerade die erste dürfte für viele Celloschüler zu ersten größeren Standardwerken im Unterricht gehören, während die sechste bereits auf dem ursprünglich vorgesehenen fünfsaitigen Cello die schwerste sein sollte und ohne zusätzliche E-Saite erst recht vertrackt zu spielen ist), sehr wohl aber bezüglich der Interpretation. Musik von enormer Tiefe und Konzentration, in der eine einzige Stimme ausreicht, um eine unermessliche Vielfalt zu schaffen, umso mehr, da jede Suite ihre ganz eigene Charakteristik besitzt (im Falle der fünften Suite etwa noch unterstrichen durch das Umstimmen der A-Saite auf G, was dem Cello ein anderes, dunkleres Timbre verleiht). Hinzu kommt, dass die Angaben etwa zu Dynamik oder Artikulation in allen überlieferten Quellen (die sich noch dazu z.B. in der Bogensetzung teilweise widersprechen) äußerst sparsam sind, sodass sich für den Interpreten enorme Freiheiten bieten, und so kann man jahre- (und letztlich eben ein Leben) lang über die Gestaltung der Details dieser Suiten nachsinnen.

Beredsamer, präludierender, spontaner Tonfall

Ueno ist es gelungen, einen charakteristischen eigenen Tonfall für seine Bach-Interpretationen zu finden, der sich durch Eloquenz und Leichtigkeit auszeichnet. Sein Bach klingt beredsam, präludierend, manchmal fast spontan, mit großzügigem Rubato gespielt, das Ueno immer wieder für kurze Momente des Zögerns (vergleichbar mit Kunstpausen) nutzt. Sein Ton ist eher schlank, längere Noten werden oft etwas verkürzt, hier sicherlich auch Einflüsse der „historisch informierten Aufführungspraxis“ reflektierend. Dabei ist Ueno flexibel und findet situativ immer wieder den beschriebenen grundsätzlichen Tendenzen widersprechende Lösungen so wirkt die Bourrée II in der vierten Suite überraschend rustikal (ähnlich wie die Dudelsackeffekte in der Gavotte II der sechsten Suite), die Bourrée I in der dritten Suite nimmt Ueno dagegen mit relativ breitem Strich. Hier und da baut Ueno (nicht nur, aber gerade in Wiederholungen) Varianten wie Verzierungen oder Akkorde in seine Interpretation mit ein, geht dabei aber insgesamt behutsam und in der Regel geschmackvoll vor (etwas weniger überzeugen mich die kleinen Skalen in den Sarabanden der ersten und dritten Suite oder im ja doch gedämpfteren Menuett II der ersten Suite, weil hier ein Moment der Unruhe entsteht – anders, passender sieht es am Ende der Bourrée I der dritten Suite bei ihrer Wiederholung aus; mit der Variante, bei der Wiederholung der Gavotte I in der sechsten Suite f statt e im ersten Doppelgriff in Takt 7 zu spielen, kann ich mich ebenfalls nicht anfreunden, denn d-moll ist hier eigentlich immer weit entfernt).

Tänzerisch-leichtfüßige Präludien und Couranten

Zu den stärksten Momenten dieser Interpretationen zählen für mich die Lesarten der schnellen, agilen, tänzerisch-leichtfüßigen Sätze; exemplarisch seien hier etwa Präludium der ersten Suite oder die Couranten der zweiten und dritten Suite genannt, in denen Ueno sehr wirkungsvoll sein Cello regelrecht „sprechen“ lässt. Kleinere Abstriche gibt es in einigen der langsameren Sätze: wo im schnellen Tempo kleinere Verzögerungen sehr gut funktionieren, geht hier manchmal das Gespür für die musikalische Linie, die Richtung ein wenig verloren, zumal dann, wenn z.B. in den Sarabanden der ersten drei Suiten die Achtel eher verkürzt werden. Auch in manchen der Allemanden, die Ueno insgesamt eher langsam nimmt, sind solche Tendenzen zu beobachten: die Allemande der dritten Suite etwa, von Ueno immer wieder mit leichtem Zögern, Tasten versehen, wirkt letztlich zu kleinteilig, zu sehr aus dem Moment heraus gedacht. Andererseits: ganz hervorragend dann die Allemande in der sechsten Suite, in der Ueno es fabelhaft versteht, diese eigentlich nur 20 Takte (die dann natürlich allesamt noch wiederholt werden) auf siebeneinhalb Minuten sehr schön und spannungsvoll auszugestalten, Musik, bei der die Zeit stehenzubleiben scheint.

Exzellenter Klang, bemerkenswertes CD-Debüt

Der Klang der Aufnahmen, in der Evangelischen Kirche von Honrath entstanden, ist exzellent, das Beiheft bietet ein kurzes Interview mit Ueno und knappe, allerdings ein wenig arg blumig anmutende Einführungstexte in die Suiten. Aller Detailkritik zum Trotz: dies sind sehr gute, hörenswerte, einfallsreich gedeutete Einspielungen der Suiten mit charakteristischem eigenen Profil, die eine bemerkenswerte Visitenkarte für Michiaki Ueno abgeben.

Holger Sambale [26.11.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007 für Violoncello solo 00:17:20
7Suite Nr. 4 Es-Dur BWV 1010 für Violoncello solo 00:23:47
13Suite Nr. 5 c-Moll BWV 1011 für Violoncello solo 00:24:24
CD/SACD 2
1Suite Nr. 2 d-Moll BWV 1008 für Violoncello solo 00:19:51
7Suite Nr. 3 C-Dur BWV 1009 für Violoncello solo 00:21:11
13Suite Nr. 6 D-Dur BWV 1012 für Violoncello solo 00:28:13

Interpreten der Einspielung

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