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CD-Besprechung

Aachener Walzer

Tchaikovsky and Parfenov Orchestral Works

Naxos 8.551457

1 CD • 80min • 2021

08.01.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Seit 2018 ist der junge britische Dirigent Christopher Ward Generalmusikdirektor am Theater Aachen und damit auch Chefdirigent des dortigen Sinfonieorchesters, und sinnigerweise hat er für seine erste (kommerzielle) CD-Veröffentlichung mit diesem Klangkörper ein Programm mit Aachener Bezug ausgewählt. Seinen Ausgangspunkt hat es im Jahre 1887, als Pjotr Tschaikowsky sechs Wochen in Aachen weilte und dort seine Orchestersuite Nr. 4, die Mozartiana, fertigstellte. Außerdem skizzierte er 16 Takte eines (nie fortgeführten) Walzers, und im Auftrag Wards hat der in Kaliningrad und Ufa aufgewachsene, in Mönchengladbach ansässige Komponist André Parfenov, Jahrgang 1972, auf dieser Basis einen vollständigen Konzertwalzer, Aachener Walzer genannt, geschaffen. Bei den übrigen Werken auf dieser CD handelt es sich um eine Auswahl weiterer Orchesterwerke Parfenovs, und da es allein diese Werke auf rund 55 Minuten Spielzeit bringen, darf man die CD mit Fug und Recht auch als Parfenov-Portrait betrachten.

Eine Mischung nachromantischer Einflüssen in der Nähe zur Filmmusik

Parfenovs Musik vereint diverse Einflüsse aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wie Nachromantik und Impressionismus, in der Regel in vereinfachter Form, und koppelt sie mit Elementen aus Jazz und Unterhaltungsmusik. Auffällig an seiner Orchestration ist die prominente Rolle des Klaviers (hier zumeist von Parfenov selbst gespielt), das zwar nicht konzertierend eingesetzt wird, aber doch in der Regel sehr präsent ist; insgesamt ist der Orchesterklang dabei (abgesehen von den Quasi-Solopassagen des Klaviers und teilweise auch der Violine) eher üppig und mit breitem Pinselstrich aufgetragen. Häufig erinnert das Resultat an Filmmusik, und tatsächlich ist eine gewisse Bildhaftigkeit oft genug intendiert, sind doch einige der Werke am Theater Krefeld Mönchengladbach als Ballett inszeniert worden.

Ostinati, Tangos und Solopassagen für Klavier und Violine

Eindeutig für den Konzertsaal bestimmt ist das 2015 uraufgeführte zweisätzige Violinkonzert (alle auf dieser CD versammelten Werke sind anscheinend innerhalb der letzten Dekade entstanden). Dabei greift das Werk offensichtlich eine Themenskizze von Schostakowitsch aus dem Zweiten Weltkrieg auf, ohne dass der Tonfall insgesamt sonderlich an Schostakowitsch erinnern würde. Auf einen eher lyrischen ersten Satz folgt – mit einer Kadenz als Überleitung – ein bewegterer zweiter Satz (typisch etwa ab 0:40: im Grunde genommen ein mit Dissonanzen angereichertes f-moll vor dem Hintergrund einer ostinaten 3+3+2-Achtelbewegung in den Bässen), doch letztlich sind die Konflikte, die sich hier gemäß Beiheft abspielen sollen, in der Musik nicht in diesem Maße nachvollziehbar. Überhaupt erscheinen einige Passagen des Begleittextes diskutabel, wenn etwa behauptet wird, dass die (vermeintlich) außergewöhnliche formale Struktur des Konzertes die Wirren des Krieges widerspiegele. Die als Beleg hinzugezogene Orchestereinleitung ist mit rund drei Minuten zwar nicht kurz, aber auch nicht exorbitant lang; wenn als weiteres Indiz angeführt wird, dass die Kadenz nicht wie „üblicherweise zu Beginn“ (sic!) stünde, könnte man so gut wie jedes klassische Konzert als Gegenbeispiel anführen (Violinkonzerte wie die jeweils zweiten von Günter Raphael oder Nikolai Rakow gehören zu den seltenen Ausnahmen), und ob man den C-Dur-Schluss mit den Worten „Das Böse wird besiegt“ apostrophieren muss, sei dahingestellt.

Beim zweiten mehrsätzigen Werk auf dieser CD handelt es sich um eine Orchestersuite, die dem Leben des Malers der Russischen Avantgarde Kasimir Malewitsch gewidmet ist; im zweiten Satz Verrat findet man ausnahmsweise auch einmal (vorwiegend illustrativ eingesetzte) Atonalität, wobei sich das musikalische Geschehen wenig später wieder stabilisiert (u.a. auf Basis der Ganztonleiter) und der dritte Satz, Todeschoral, faktisch eine Art Violinromanze ist. Der Aachener Walzer baut zwar auf Tschaikowskys Skizze auf, geht aber letztlich ähnliche Wege wie die übrigen Werke, und schließlich findet man noch zwei Tangos jeweils mit solistischen Klavier- und Violinparts, die trotz gewisser Irregularitäten (5/4-Takt im Piloten-Tango) relativ konventionell gehalten und etwas lang geraten sind. Man sollte bei dieser Musik weniger an die hier beschworenen Vorbilder Tschaikowsky oder Schostakowitsch denken; wenn schon, dann bieten sich als Vergleich eher russische Komponisten wie die hierzulande nicht sehr bekannten Nikita Bogoslowski oder Rostislaw Boiko an, obwohl natürlich auch hier gewisse Unterschiede bestehen (Boikos Musik z.B. steht der russischen Folklore erheblich näher).

Sehr gute Interpretation der „Mozartiana“

Die CD wird beschlossen von einer guten, sehr solide und ordentlich gearbeiteten Interpretation von Tschaikowskys Mozartiana. Etwas Luft nach oben gibt es u.a. beim Aushören des Orchesterklangs, beim Hervorheben der jeweils führenden bzw. sich ergänzenden Stimmen und da und dort bei der Exaktheit der Artikulation, wobei auch das leicht matte, nicht immer völlig transparente Klangbild der CD eine Rolle spielen mag. Bleibt man beim Label Naxos, so wird man in Stefan Sanderlings Einspielung sämtlicher Tschaikowsky-Suiten eine noch ein wenig agilere, feiner nuancierte Lesart finden; dennoch ist diese Interpretation eine sehr gute Visitenkarte für Ward und sein Orchester.

Holger Sambale [08.01.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
André Parfenov
1Aachener Walzer 00:09:05
2Tango WS (aus Werner Sahm Suite) 00:04:01
3Violinkonzert 00:21:42
5Piloten-Tango (aus: Klavier Sinfonietta Überlingen 23:26) 00:07:03
6Kasimir Malewitsch (Orchestersuite) 00:14:21
Peter Tschaikowsky
9Suite Nr. 4 G-Dur op. 61 (Mozartiana) 00:23:22

Interpreten der Einspielung

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