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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Nadège Rochat

Antonín Dvořák | André Caplet

Ars Produktion ARS 38 301

1 CD/SACD stereo/surround • 61min • 2019

24.11.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die Französisch-Schweizerin Nadège Rochat präsentiert hier – nach vorangegangenen Alben mit den Cellokonzerten von Lalo und Milhaud (Nr. 1) sowie von Elgar und Walton – ein hochinteressant zusammengestelltes Programm: Nach Antonín Dvořáks Konzert als dem überragenden und beliebtesten Beitrag zur Gattung spielt sie ein fast komplett vergessenes Meisterwerk unvergleichlicher Eigenart und Raffinesse: die 1921-22 entstandene, 1923 orchestrierte Épiphanie nach einer äthiopischen Legende von André Caplet (1878-1925). Dieses Werk hat vor einigen Jahren Raphael Wallfisch mit BBC National Orchestra of Wales unter Benjamin Wallfisch für Nimbus eingespielt (befremdlich, dass die vielen ausgezeichneten französischen Cellisten, Orchester und Labels nicht auf die Idee kommen, ein so wertvolles Werk selbst zu aufzunehmen). Nadège Rochat geht die Épiphanie expressiv aufgeladener, feuriger an, doch ist es nicht möglich, das ganze Potential hier auszuspielen, da das Stück sowohl sehr heikel und virtuos für alle Ausführenden ist als auch die avancierte Harmonik ein tieferes Eingehen erfordern würde, als im Zeitrahmen einer britischen Aufnahme geleistet werden kann. Zu einer wirklichen Verschmelzung des solistischen Ausdrucks mit dem – technisch untadeligen – Orchester kommt es daher nicht. Die Leitung Benjamin Levys lässt ein in rhythmischer und auch weitgehend in dynamischer Hinsicht sehr präzises Ergebnis zum Vorschein kommen.

Eine altäthiopische Legende

Caplet ist der Nachwelt weitgehend nur als enger Freund und Orchestrator von Claude Debussy bekannt. Das einzige Werk, mit welchem er immer wieder international in Programmen auftaucht, ist das Quintett Conte fantastique nach Edgar Allan Poes ‚Maske des Roten Todes‘ für Harfe (oder optional Klavier) und Streichquartett – übrigens eine höchst eigenartige und faszinierende Angelegenheit. Caplet war in der Vorkriegszeit vor allem als Dirigent sehr erfolgreich, wurde schließlich an die Boston Opera Company verpflichtet, und kehrte nach Frankreich zurück, um sein Land zu verteidigen. Er wurde jedoch im Krieg schwer verwundet, ein Giftgasangriff hinterließ bleibende Spuren, die zu seinem viel zu frühen Tod führen sollten. Nach dem Kriege hatte er nicht mehr die körperliche Kraft, ein Dirigentenleben zu führen, zog sich zurück, heiratete, vertiefte sich in christliche Mystik und widmete sich verstärkt der Komposition. Seine beiden Hautwerke entstanden Anfang der 1920er Jahre parallel: die fünfzehn Rosenkranz-Meditationen Le Miroir de Jésus für Frauen- und Kinderstimmen mit Streichorchester und Harfen und die hier wieder vorgelegte Épiphanie. Beide Werke waren damals recht erfolgreich. In seinen letzten beiden Jahren versuchte Caplet, zwei weitere große Kompositionen zu vollenden, was seine Kräfte jeoch nicht mehr zuließen: das lyrische Mysterium Sainte Catherine de Sienne und das Ballett La Fresque enchantée für großes Orchester – sehr bedauerlich, dass wir vor allem letzteres nicht haben!

Interessant ist, dass Caplet als Vorwurf für seine Épiphanie eine altäthiopische Legende und damit genau jene Art mystischen Sujets wählte wie später sein großer Landsmann Jean-Louis Florentz (1947-2004) in vielen Werken – und beide liebten das Cello besonders, wenn auch Florentz’ Cellokonzert sich eine andere Traumwelt schuf. Die beiden gemeinsame Liebe zur christlichen Enklave im muslimischen Raum hat wohl auch damit zu tun, dass sich dort, in der Isolation, ehestens urchristliche Riten und Gebräuche, und damit auch so etwas wie die Musik des Urchristentums erhalten hat. Jedenfalls kann man konstatieren, dass Caplet mit Épiphanie, Dutilleux mit Tout un monde lointain und Florentz mit Le songe de Lluc Alcari drei der bedeutendsten und poetisch fesselndsten Cellokonzerte des 20. Jahrhunderts schufen.

Eigentümliches Meisterwerk

Der Kopfsatz der Épiphanie ist eine Cortège (eine Charakterbezeichnung, die nie eindeutig definiert wurde), die in ihrer verhalten rauen Diktion die Klangwelt, die Debussy in seinen Jeux erkundete, weiter exploriert und transformiert. Es folgt eine Kadenz im orientalisierend improvisierenden Stil, begleitet vom durchgehalten Fis der Kontrabässe und dem vollkommen unmodifiziert seinen monotonen Rhythmus beibehaltenden Tambourin. Dann leitet das Solocello ins fast bizarr funkelnde Finale im 5/4-Metrum über, den Danse des petits nègres, der sich kurz vor Schluss in ein feierliches 4/4-Metrum verwandelt, bevor der überstürzte Schluss eine fast Ravel’sche Frenesie entfacht. Ein unvergleichliches Werk in einem zusammenhängenden Satz, mit viel Verve und Entschlossenheit dargeboten.

Reife Solistin, geopferte Klangbalance

Zuvor spielt Nadège Rochat das große Dvořák-Konzert, und sie erweist sich darin als ausgereifte Meisterin auf ihrem Instrument, der auch – besonders im Kopfsatz – Sturm und Drang Grundbedürfnis des Ausdrucks sind. Die Orchesterbalance an sich ist gut umgesetzt, doch sind – wie übrigens auch bei Caplet – die orchestralen Soli oft gegenüber dem Cello unangemessen zurückgestaffelt in der Dynamik. Dies ist eine weitverbreitete Krankheit, doch stört es auch hier, dass um den Preis, jede Nuance der Solistin hörbar machen zu wollen, ein solches Ungleichgewicht in Kauf genommen wird.

Der Booklettext von Claus-Dieter Hanauer informiert solide, das Cover strahlt jenen mystischen Touch aus, der der Musik angemessen scheinen kann.

Christoph Schlüren [24.11.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Antonín Dvořák
1Konzert h-Moll op. 104 für Violoncello und Orchester 00:40:15
André Caplet
4Épiphanie op. 22 (D'après une Légende Éthopienne) 00:20:47

Interpreten der Einspielung

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