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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Bach 21

Elisaveta Blumina Piano

MDG 904 2232-6

1 CD/SACD stereo/surround • 72min • 2021

16.10.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Die russische Pianistin Elisaveta Blumina ist ein Multitalent. Als Kind eine Karriere als Primaballerina anstrebend, erlernte sie Klavierspielen und gleichsam nebenher auch noch die Malerei. Klänge erlebt sie wie Skrjabin und Messiaen als Farben. Das verschafft ihr die Möglichkeit, Gespieltes in Gemälde zu transponieren, von denen das Booklet einige gerade in ihren Farbspielen sehr reizvolle Beispiele wiedergibt. Als Tänzerin kommen ihr zudem die Suiten Johann Sebastian Bachs durchaus gelegen, aus deren drei Sechserzyklen sich nebst der Scarlatti-artigen Fantasie in c-moll BWV 906 jeweils ein Beispiel auf der SACD findet.

Unterricht im Tastentanzen

Die sogenannte „Englischen“ und „Französischen“ Suiten – die Namen bürgerten sich erst nach Bachs Tod ein, da die „Suites avec Prélude“ angeblich für einen reichen Engländer geschrieben wurden und man sie von denen ‚ohne Vorspiel‘ unterscheiden musste – waren vorwiegend für Unterrichtszwecke bestimmt. Dabei müssen die Applikation und freie Improvisation von Verzierungen eine besondere Rolle gespielt haben, da es der barocke Hörer schlecht vertrug, bei den Wiederholungen der einzelnen Teile eines Tanzes zweimal dasselbe vorgesetzt zu bekommen. Deshalb existieren zu 3 Sarabanden und einer Courante der „Englischen Suiten“ jeweils Variationen – sogenannte Doubles – die das Prinzip erläutern. Auch weisen Abschriften aus Bachs Schülerkreis meist eine höhere Dichte an Ornamentierungen auf.

Relativ selten wird – außerhalb von Gesamtaufnahmen – die 6. Englische BWV 811 gespielt. Sie ist die düsterste und sicherlich technisch anspruchsvollste aller Bach-Suiten, die sich nur in der Gavotte 2, einer Musette, etwas freundlicher gibt. Die Gigue ist ein regelrechter Wutausbruch voller chromatisch fallender Septakkorde. Technisch gemein sind die langen Triller in den Außenfingern zu denen – wie im Finale der Waldsteinsonate – noch Nebennoten gegriffen werden müssen und die auf dem Cembalo rasseln und brummen, sodass man auch an eine Gewitterszene denken könnte.

Die schüchterne Ballerina

Zunächst einmal ist zu konstatieren, dass Elisaveta Blumina ihr Instrument beherrscht und sauber artikuliert. Reicht das aber bei so häufig interpretierten Werken? So übersieht sie, dass die meisten barocken Tänze nur dann wirklich schwingen, wenn man Auftakte und ungerade Takte leicht, gerade Takte als Ziel aber schwerer nimmt. Triller sollten in Tempo und Dynamik je nach Kontext variabel sein und nicht nur in einer gleichmäßigen schnellen Bewegung ablaufen. Die kleinen Häkchen vor Noten sind meistens lange Vorhalte. Entsteht dadurch eine Dissonanz, sind sie unbedingt lang und betont, bei einer Konsonanz kurz und eventuell sogar vor dem Schlag auszuführen. Wer beim Rhythmus „1/4, 1/16-Pause, 1/16, 1/16 mit Punkt, 1/32“ der „Sinfonia“ der c-moll-Partita BWV 826 die Pause nicht längt und dafür das erste 1/16 als 1/32 ausführt, hat nicht verstanden, dass man im Barock noch keine Doppelpunktierung oder Pausen mit Punkt notieren konnte und somit sämtliche Literatur zur Aufführungspraxis ignoriert. Ebenso wäre es nett gewesen, in deren Sarabande die Bögen in der linken Hand zu realisieren, die eine frei eintretenden Gegenstimme markieren und daher vielleicht sogar ein Überlegato erfordern. In der Gewitter-Gigue werden die Triller sinnwidrig zurückgenommen. Am ärgerlichsten jedoch ist das Fehlen jeglicher improvisierter Zutaten bei den Wiederholungen, die man bei Bach im 21. Jahrhundert eigentlich voraussetzen müsste. Dabei könnte Frau Blumina es, wie die wunderbar elegant und poetisch gespielte originale Variante der Oberstimme in der Sarabande von BWV 817 beweist. Auch verfügt sie über das lockere Jeu perlé für den „dreihändigen“ Sonatensatz im Stil Scarlattis BWV 906.

Das Klangbild ist – wie fast durchgehend bei MDG – vorbildlich. Das Booklet erfährt durch die farblich fein austarierten, assoziativen Gemälde der Künstlerin eine eindeutige Aufwertung.

Fazit: Eine solide Aufnahme, die dem notierten Text zu viel Ehrfurcht entgegenbringt. Wer an einer kühl-klaren, pianistisch hochwertigen Aufnahme des nackten Notentextes interessiert ist, möge unbesehen zugreifen. Allerdings ist das kein Bach des 21., sondern eher ein Bach im Bauhaus-Stil der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Thomas Baack [16.10.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Fantasie c-Moll BWV 906 00:04:54
2Partita Nr. 2 c-Moll BWV 826 00:22:10
8Französische Suite Nr. 6 E-Dur BWV 817 00:17:01
16Englische Suite Nr. 6 d-Moll BWV 811 00:27:32

Interpreten der Einspielung

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