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CD-Besprechung

Emil Nikolaus von Reznicek

Five String Quartets

cpo 555 002-2

2 CD • 1h 59min • 2015, 2016, 2017, 2018

18.05.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Vor einiger Zeit war er für die Musikwelt nur der Schöpfer der geistreich musikantischen Donna Diana-Ouvertüre, die sogar Karajan dirigierte. Heute wissen wir viel mehr über ihn. Freilich: So spannend und spektakulär Emil Nikolaus von Reznicek als Orchesterkomponist (sowohl von großformatiger Programmusik als auch von Symphonien) ist, hat man ihn bisher doch noch nicht als Kammermusikschaffenden entdeckt. Und anders als seine prominenteren orchestralen Kontrahenten Strauss und Mahler hat er hier viel mehr zu bieten, als zu vermuten war. Dies quasi exklusiv in der Gattung des Streichquartetts, von der Studienzeit bis in die späten Jahre, und erstaunlicherweise gelingt es ihm hier, essenziell zu einer Gattung beizutragen, die sowohl nur ganz am Rande vom Klangeffekt lebt als auch von den größten Meistern mit substanziellen Beiträgen überhäuft wurde. Reznicek war nicht nur ein grandioser Klangzauberer des großen Orchesters, sondern auch ein originärer Quartettkomponist, der erst jetzt entdeckt wird.

Fortschrittlicher Traditionalist

Natürlich ist Reznicek, hierin eng dem vier Jahre später geborenen Strauss verwandt, ein organisch aus der Tradition Entwickelnder, der fest auf dem gewachsenen Boden der Tonalität steht. Insofern bewegt er sich Anfang der 1930er Jahre nicht auf der Höhe des ‚Fortschritts‘, was ihn mit so vielen jüngeren Meistern wie Suk, Pfitzner, Stenhammar, Glasunov, Zemlinsky, Glière, Franz Schmidt, Respighi, Weigl, Braunfels, Bax, Korngold, Vladigerov, Raphael, Schwarz-Schilling, Rózsa, Höller oder Barber verbindet, um nur einige zu nennen, die auch Quartette schrieben. Also, liebe Hörer, keine Verwandtschaften mit Debussy und Ravel, Janácek, Schönberg, Foulds, Bartók, Webern, Berg, Milhaud, Hindemith oder Krenek erwarten! Aber über diese ästhetische Hürde sind zum Glück die meisten heute hinweg, und die damit verbundene Enge der Möglichkeiten mutet heute doch ebenso antiquiert an wie die einseitigen ‚Fortschrittler‘ alle vermeintlich ‚Rückständigen‘ empfanden. Heute können wir die verschiedenen Richtungen und Haltungen parallel betrachten und unser Augenmerk auf das konzentrieren, worauf es eigentlich ankommt: ungeachtet der äußerlich stilistischen Merkmale die musikalische Substanz zu erkennen, also: Liegt hier eine echte Eigenart vor? Gibt es in der Dynamik des Formverlaufs eigene, kühne, vielleicht neue Lösungsansätze? Wie werden traditionelle Elemente umgewandelt, anverwandelt? Und, wenn die Harmonik sich auf der Basis der Tradition entwickelt, ist dann nicht vielleicht woanders ganz Neues verwirklicht, wie beispielsweise so offenkundig bei Enescu oder Kaminski? In all dem war Reznicek, wie so manche anderen, ein fortschrittlicher Traditionalist, der sich bis zuletzt erneuerte und die Musiker durchaus mit beträchtlichen Problemen der Realisation konfrontiert, die gerade auch aufgrund seines Nonkonformismus entstehen.

Das verfeinert Musikantische als Grundelement

Schon in seinem 1881 komponierten 1. Quartett zeigt sich Reznicek nicht nur als geschickter, sondern auch als eigenwilliger, und schon ist sein neben der feinziselierenden Kunstfertigkeit des Satzes hervorstechender Zug unverkennbar: das ursprünglich Musikantische, der zu weiten Teilen aus überlieferten Tanzcharakteren hervorgehende, schwungvolle und dabei stets von Subtilitäten gezeichnete Zug. Reznicek hat in seinem natürlichen Humor und feinzeichnenden Übermut auch, wie Strauss, den „Mut zum Gewöhnlichen“, wie es Celibidache so treffend charakterisiert. Doch damit erschöpft es sich keineswegs, das Erhabene hat seinen Platz, freilich stets doch noch in einer gewissen Nähe zur Ironie, die allerdings weit verhaltener zutage tritt als etwa bei Mahler, wie er das 1919 in seiner 4. Symphonie ja auch so wunderbar mit dem ‚Trauermarsch auf den Tod eines Komödianten‘ bewiesen hat. Auch diesen Charakter finden wir, ebenso wie das mitreißende ‚Presto à la Hongroise‘, bereits in seinem 1. Quartett. Das groß angelegte 2. Quartett von 1906 ist in diesem Zyklus leider, für mich unverständlicherweise, ausgelassen worden, ebenso wie die drei Quartettsätze von 1920, die nicht in das 3. Quartett von 1921 eingingen, welches als Rezniceks bekanntestes Kammermusikwerk natürlich enthalten ist. In diesem Quartett ist es eine besondere Herausforderung, im 6/4-Alla-breve-Takt gehaltenen Kopfsatz den Gegensatz von scheinbar auf drei Schläge sich artikulierender Melodik und auf zwei Schläge pulsierendem Metrum deutlich spürbar als Spannungselement herauszubringen, wodurch auch der diesem Satz eigentümliche Schwung entsteht (vergleichbar dem Kopfsatz von Schumanns Rheinischer Symphonie). Dies gelingt dem Minguet Quartett nicht, und spätestens hier zeigt sich auch im langsamen Satz eine Ungeduld, die dem erforderlichen Auskosten der Phrasen nicht zugute kommt. In allen wirklich langsamen Sätzen ist das Spiel nicht nur zu flüchtig, es kommt auch kein klares Grundtempo zum Ausdruck, auf welches sich die in der Folge auftretenden Tempomodifikationen beziehen könnten. Zum Glück, muss man sagen, hat Reznicek in den Quartetten Nr. 3 und 4 durch Metronomisierung gröberen Irrtümern Einhalt zu gebieten versucht.

Rhythmisches und Harmonisches

Reznicek liebt die ternäre Bewegungsform ganz besonders, also sowohl das mehr oder weniger offensichtlich Walzernde (hier muss man unbedingt eine Art Walzercharakter vernehmen können) als auch triolische Rhythmen. Die Tempoveränderungen innerhalb der Sätze sind meistens (nicht immer!) sehr fein zu halten, ein allzu weites Abkommen von der Grundbewegung wirkt eher plump und die Form zersetzend. Auch dies wird hier nur teilweise erfüllt.

Die Quartette Nr. 3-6 sind durchweg bedeutende Werke. Kein einziger Satz ist von minderem Wert oder irgendwie weniger liebevoll gearbeitet. Der hier ein bisschen lau gespielte 3. Satz des 4. Quartetts beispielsweise zeugt von einer überschäumenden Freude am klassizistisch Gediegenen, geradezu höfisch Schreitenden, innerhalb dessen wir dann mit gehörigen Schelmereien rechnen dürfen, in einer von Haydn ererbten Scherzhaftigkeit. Der im 5/4-Metrum gehaltene Kopfsatz des 5. Quartetts überrascht mit einer Sperrigkeit, die nur durch absolute rhythmische Strenge (was nicht mechanische Gleichförmigkeit heißt) in Verbindung mit weitschauender Phrasierung überwunden werden kann. Die Mittelsätze dieses Quartetts hat Reznicek in sein 6. und letztes Quartett überführt, wodurch das 5. hier nur zweisätzig ist (die Quartette Nr. 2 und 5 sind erst in jüngerer Zeit im Erstdruck erschienen). Im 1932 vollendeten 6. Quartett präsentiert sich Reznicek in höchster künstlerischer Reife. Leider kann ich in dieser Aufnahme weder die zarte nächtliche Verhaltenheit des Notturno (Molto adagio) erkennen noch die stürmische Verve des darauffolgenden Allegro con fuoco. Auch im großartig gebauten Variations-Finale sehe ich die extremen Temporelationen nicht verwirklicht. Reznicek ist nicht nur ein prägnanter Melodiker, sondern auch ein ausgesprochen feinsinniger Harmoniker.

Zweifellos ist das Minguet Quartett bezüglich seines Potentials ein vorzügliches Ensemble, das sich vor allem da vorzüglich zurecht finden kann, wo es um feinnervig verästelte Strukturen geht. Ein geschlossener, wirklich kraftvoll erdiger und zugleich wohl balancierter Forte- und Fortissimo-Klang gehört weniger zu den Stärken. Und mehr Mut zu echtem Adagio wäre sehr zu wünschen, doch muss man dann auch genau wissen, wie die Harmonik mit ihren Modulationen zu artikulieren, wie das alles sinnfällig und eben weder stereotyp noch vordergründig konventionell zu phrasieren sei. Vielleicht hätte man zunächst besser 2-3 Quartette mit mehr Augenmerk auf die spezifischen Qualitäten aufnehmen und mit dem Projekt als Ganzem etwas mehr Geduld haben sollen.

Christoph Schlüren [18.05.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Emil Nikolaus Reznicek
1Streichquartett Nr. 1 c-Moll 00:18:37
4Streichquartett Nr. 5 e-Moll 00:16:29
6Streichquartett Nr. 6 B-Dur 00:32:33
CD/SACD 2
1Streichquartett Nr. 3 cis-Moll 00:26:21
5Streichquartett Nr. 4 d-Moll 00:24:43

Interpreten der Einspielung

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