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CD-Besprechung

Johannes Brahms

Songs of Destiny
Works for Choir and Orchestra

Ondine ODE 1301-2

1 CD • 58min • 2017

09.01.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Wenn Eric Ericson, der Gott der Chordirigenten, einen Chor gründet, kann dieser nur göttlich gut sein: Der Eric Ericson Chamber Choir ist nicht nur gut, nicht nur sehr gut, sondern einfach perfekt. Zwar ist er schon 1945 gegründet worden, aber auch unter dem jetzigen Chefdirigenten Fredrik Malmberg singt er noch phänomenal gut. Gerade gut genug für eine CD mit wichtigen Chorwerken von Johannes Brahms. Der Titel „Song of Destiny“ passt für zwei Drittel der CD, in denen es um Schicksalsschwere und Tod geht, weniger für das letzte Drittel mit den von Brahms selber ausgewählten und orchestrierten Liebeslieder-Walzern, in denen es um Liebe geht – aber auch die Liebe ist ja Schicksal.

Wo soll man bei diesem Chor zu schwärmen beginnen? Was soll man als erstes bewundern? Zunächst die genaue Artikulation auch im Deutschen, die genaue Aussprache, die perfekte Konsonanten-Absprache und dann auch die stimmhaft-dramatische Konsonanten-Ansprache, so etwa das anteilnehmend-stimmhafte „w“ im „da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle“ in der Nänie op. 82: Da quellen die Tränen selbst aus den Buchstaben. Weiter ist zu rühmen die absolute Homogenität der Stimmgruppen, der schlackenlos-gerade Sopranklang so ganz ohne Vibrations-Unwucht oder das gespannte Singen „auf Zug“ im Anfang der Nänie, in der weitgespannten 6/4-Rhythmus-Melodie der Zeile „Auch das Schöne muss sterben“ mit der sinngebenden Betonung des Wortes „Schöne“ samt Heraushebung des Anfangskonsonanten. Die Tenöre singen schlank und erreichen mühelos die Höhen. Das einzig Kritikmögliche ist eine Folge dieser Perfektion: An manchen besonders schicksalhaften Stellen vermisse ich ein Quäntchen Unperfektion, ein Quäntchen Emotionsüberschuss, bei dem man die Chorperfektion vergisst. So im zweiten Teil des Schicksalsliedes op. 54: Hatten die Chorsänger im ersten Teil noch herrlich aufgeblüht bei den Zeilen „Blühet ewig/Ihnen der Geist“ und sich gesangslinienhaft in den Himmel bzw. den Olymp emporgeschwungen und hatten die Sänger noch rhythmisch perfekt die Klippen nachgelautmalt – so bleibt die Verzweiflung an diesem menschlichen Schicksal der existentiellen Unstetheit zwar musikalisch perfekt, aber existentiell eben nicht ganz mit letzter Hingabe gesungen, die Verzweiflung dürfte da ruhig mal ein bisschen schreiend unperfekt sein.

Aber dies mag Mäkelei auf höchstem Niveau sein. Diese CD überzeugt auch durch den perfekten Zusammenklang mit dem Gävle Symphonie Orchestra. Das hat den typischen Brahms-Klang drauf, der Tonmeister betont die Basstiefen und damit den tiefdunklen Brahms’schen Orchesterklang, die Mikrofone scheinen direkt neben den zupfenden Bässen zu stehen oder neben der ätherischen Harfe, die in der Nänie den Orpheus-Mythos heraushebt. Jaime Martin, der Chefdirigent des Gävle Symphony Orchestra, dirigiert einen Brahms, der nie stehenbleibt, der immer dynamisch nach vorne drängt und Entwicklungen deutlich nachzeichnet. Herrlich zum Beispiel ist der Unisono-Chor-Beginn in der Nänie bei dem thematischen Umschlag, der mit „Aber“ beginnt, herrlich ist die großartige Steigerung, „wenn Gottes Posaun wird angehn“, im Begräbnisgesang op. 13, in dem Brahms für sein späteres Deutsches Requiem noch geübt hat. Ungemein farben- und charakterreich ist die Bläserbegleitung, vom Orchester liebevoll bis schneidend gespielt.

Eigentlich hätte thematisch noch die Alt-Rhapsodie op. 53 mit Strophen aus Goethes „Harzreise im Winter“ dazu gepasst, doch am Ende stehen die Liebeslieder-Walzer aus op.52 und op. 65. Und die sind ein einziger Hörgenuss: Wieder scheint das Mikrofon direkt neben den Zupfbässen zu stehen, die vergnügt den Walzerrhythmus markieren, auf denen der Chor sich in den Walzerrhythmen wiegt und bei denen man sich als Zuhörer ebenso animiert wiegt. Diese Walzer zeigen, dass Brahms als Walzerkomponist sich nicht hinter seinem bewunderten Konkurrenten Strauss verstecken müsste, und sie zeigen auch, dass Brahms nicht immer so tiefbetrübt und miesepetrig war, wie er sich gerne gab.

Rainer W. Janka [09.01.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johannes Brahms
1Schicksalslied op. 54 für Orchester und gemischten Chor 00:15:06
2Gesang der Parzen op. 89 für Orchester und gemischten Chor 00:11:01
3Nänie op. 82 für Chor und Orchester 00:11:58
4Begräbnisgesang op. 13 für Chor und Blasinstrumente 00:06:15
5Rede, Mädchen, allzu liebes op. 52 Nr. 1 (aus: Liebeslieder op. 52) 00:01:03
6Am Gesteine rauscht die Flut op. 52 Nr. 2 00:00:45
7Wie des Abends schöne Röte op. 52 Nr. 4 00:00:45
8Ein kleiner, hübscher Vogel op. 52 Nr. 6 00:02:27
9Die grüne Hopfenranke op. 52 Nr. 5 00:01:30
10Nagen am Herzen fühl ich op. 65 Nr. 9 00:01:34
11Nein, es ist nicht auszukommen op. 52 Nr. 11 00:00:57
12Wenn so lind dein Auge mir op. 52 Nr. 8 00:01:27
13Am Donaustrande op. 52 Nr. 9 00:02:07

Interpreten der Einspielung

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