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CD-Besprechung

H. Dutilleux

BIS 1 CD 1651

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 05.02.16

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BIS 1651

1 CD • 74min • 2015

Der „parenthetische Wohlfahrtsverband“ hätte seine helle Freude an der deutschen Fassung des Einführungstextes, die, wie ich (selbst ein großer Freund grammatikalischer Schachtelhalme) unumwunden gestehe, ganz so aussieht, als sei sie (um die saloppe Redensart zu benutzen) mit dem Klammerbeutel gepudert worden. Einfacher gesagt: Es scheint, dass man versucht hat, die französisch völlig unproblematischen Konstruktionen möglichst authentisch ins Deutsche zu übernehmen – mit dem Resultat, dass mehr als ein oder zwei geradezu lebensbedrohliche Wortschlangen die Lektüre zu einem mittleren Abenteuer machen.

Zum besseren Verständnis wird man sich also die englische Übersetzung oder das französische Original vornehmen müssen, worin freilich auch unterlassen wurde, der kompletten Musik zu dem Ballett Le Loup (1953) eine Art Inhaltsangabe zur Seite zu stellen: Die fantasievolle, ganz offenkundig nach einem „Libretto“ mit viel Elan und Sinn für Farben komponierte Partitur lebt aus ihren raffinierten Drehungen und Wendungen, ihren dramatischen Verdichtungen und ihren Schmeicheleien – weshalb es schön gewesen wäre zu erfahren, wer da denn wohl wen warum woher und wohin scheucht, fängt, umarmt und kost.

Doch ich nörgle und vergesse darüber beinahe, dass wir musikalischerseits mit dieser Produktion eine sehr gelungene Gabe zum einhundertsten Geburtstag von Henri Dutilleux vor uns haben (dem wiederum lediglich zu sagen wäre, dass er die drei Jahre bis zu dem Zentenarium auch noch hätte durchhalten dürfen). Im Verhältnis zu den beiden Symphonien, den Konzerten für Violine und für Violoncello, dem ganz und gar faszinierenden Streichquartett Ainsi la nuit und anderen großen Kreationen, in denen der skrupulöse Komponist uns immer wieder demonstrierte, dass selbst avancierte Musik auch wirkliche Musik bleiben kann – im Verhältnis also zu diesem „bekannten” Dutilleux hören wir hier einige weitaus weniger geläufige Stücke, deren Auffassung und Wiedergabe kaum etwas zu wünschen übrig lässt. Wenn überhaupt, so scheint mir die sehr angenehme Stimme des Baritons Vincent le Texier in den drei Sonetten nach Jean Cassou gelegentlich an die Grenzen der sperrigen, vielleicht ein wenig gewalttätigen Melodielinien zu stoßen. Dafür vermittelt er glänzend die 1941-43 entstandenen Quatre Mélodies: Das Changieren zwischen dem „Blick in die Unendlichkeit” (Nr. 1) und den schwerelosen Kapriolen nächtlicher Feentänze (Nr. 2), der Trauer um eine Freundin (Nr. 3) und dem schrulligen Nachruf auf einen Harlekin (Nr. 4) singt le Texier mit feinsten Nuancen und jenem gallischen Empfinden, dem selbst der galligste Melancholiker erliegen muss.

Ausdrücklich zu loben ist gleichermaßen die „Ondes Martenotistin” Valérie Hartmann-Claverie, die ihr ätherisches Gerät in zwei Kompositionen ganz fabelhaft zum Einsatz bringt: in der prickelnden Musik zu Henri Decoins inzwischen siebzig Jahre altem Kriminalfilm La Fille du Diable (“Der Weg zur Hölle”) sowie in den ganz besonders faszinierenden Drei symphonischen Stücken, die Dutilleux aus seiner Musik zu einem Schauspiel nach Emily Brontës Wuthering Heights zusammengestellt hat. Die Wellen des Herrn Martenot wogen auf der Sturmhöhe bisweilen mit der expressiven Kraft menschlicher Vokalisen unheilvoll über das grandios eingesetzte Orchester hinweg, während sie sich beispielsweise im Finale der Filmmusik-Suite (der Walzer allein ist schon ein Juwel) ganz delikat darauf beschränkt, ihren geisterhaften Faden in die ravel-orientierte Steigerung einzuschießen.

Dieses „elektrische” Detail entspricht der Gesamtleistung, die mir diese Veröffentlichung, ungeachtet der eingangs angedeuteten Wunderlichkeiten, außerordentlich erfreulich und bei diversen Hörgängen immer sympathischer gemacht hat – von den kessen, deutlich von Igor Strawinsky inspirierten Trompetensprüngen des „Wolfes” bis zum melancholischen, kammermusikalisch subtilen Ende der Brontë-Musik, worin sich nicht nur die Ondes, sondern auch die vorzüglichen Solisten an der Tuba, der Oboe und der Flöte anrührend ins dezente Rampenlicht spielen.

Rasmus van Rijn [05.02.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 H. Dutilleux Le Loup (Ballettmusik) 00:29:18
4 Éloignez-vous (aus: Trois Sonnets de Jean Cassou) 00:03:42
5 Il n'y avait que des troncs déchirés (aus: Trois Sonnets de Jean Cassou) 00:02:03
6 J'ai rêvé que je vous portais entre mes bras (aus: Trois Sonnets de Jean Cassou) 00:03:56
7 La Fille du Diable 00:11:00
13 Regards sur l'infini 00:03:47
14 Féerie au clair de lune 00:03:06
15 Pour une amie perdue 00:01:50
16 Funérailles de Fangtasio 00:02:15
17 Dans la lande (Tableau symphonique d'après Les Hauts de Hurlevent) 00:02:53
18 La marche du destin (Tableau symphonique d'après Les Hauts de Hurlevent) 00:04:20
19 Épilogue (Mort de Cathy, Tableau symphonique d'après Les Hauts de Hurlevent) 00:04:12

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Vincent Le Texier Bariton
Orchestre National des Pays de la Loire Orchester
Pascal Rophé Dirigent
 
1651;7318599916514

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