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CD-Besprechung

F. Chopin • F. Liszt

Bella musica 1 CD MB312462

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 10.07.15

Bella musica MB312462

1 CD • 80min • 2013, 2014

Wer mit etwas geübtem, mit den Vorlieben der konzertierenden Virtuosen einigermaßen vertrauten Blick sein Auge auf Manfred Reuthes Chopin-Liszt-Programm wirft, der wird zwischen den wohlbekannten Stücken der Werkfolge überrascht auf Franz Liszts Eglogue stoßen. Ich musste prompt an einen Klavierabend von Arturo Benedetti Michelangeli denken, den dieser 1972 in Stuttgart gegeben hat. Dort entschied er sich für den herben, fast schon rätselhaften „Hirtengesang“ aus den Schweizer Passagen der Années de Pèlerinage. Es ist – soweit ich das überblicke – das einzige Solostück von Liszt, das aus der einsamen Sicht des italienischen Extrempianisten bisher an die Öffentlichkeit gelangt ist!

Mit fünf Walzern und der „brillanten“ Polonaise von Chopin, mit der Des-Dur-Consolation und der erwähnten Pastoralminiatur zielt Manfred Reuthe über die drei Petrarca-Sonaten dramaturgisch spannungsreich auf die kapitale h-Moll-Sonate, deren kantablen, rhetorischen und rein technischen Aufgabenstellungen der Berliner Pianist sich mit praktikablen, im Allgemeinen unauffälligen Gestaltungsvorschlägen gewachsen zeigt. Es gehört ja heute längst nicht mehr Mut dazu, das in seinen Satz- und Bedeutungsabläufen intern – und raffiniert! – verklammerte Werk zu Gehör zu bringen. Denn die spieltechnisch-mechanischen Voraussetzungen der international tätigen, leider nicht selten auch tätlichen Interpreten sind inzwischen auf einem Niveau, das es erlaubt, diese Sonate, aber auch Ravels Gaspard oder Balakirews Islamey ohne spürbare Ermüdungen, sozusagen einem klavieristischen Reinheitsgebot entsprechend nach Hause zu spielen. Mut indes ist meiner Meinung nach angebracht, wenn man sich im Fall der h-Moll-Sonate bewusst wird, dass es sich bei diesem noch bis weit in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts selten gespielten Werks mittlerweile um eines der am häufigsten auf Tonträgern vertretenen Kapitel der klassisch-romantischen Literatur handelt. Wenn ich mich in meinen Archiven umsehe, dann beläuft sich die Zahl aller auf Langspielplatten und CD erschienenen Darbietungen auf nicht weniger als rund 200 Versionen (die früheren Raubkopien inklusive). Dies gilt es zu bedenken, wenn man sich wie Manfred Reuthe dem h-Moll-Sonatenwettbewerb aussetzt. Oder man verdrängt es und schließt sich der schwer widerlegbaren Argumentation an, ein jeder seiner Generation hätte doch das Recht, ja die Verpflichtung, die bedeutenden Stücke der großen Komponisten in Angriff zu nehmen, sie zu deuten und im aufführungspraktischen Ernstfall auch einer Zuhörerschaft zur Diskussion zu stellen.

Von Sviatoslav Richter ist die Auffassung überliefert, jede Darstellung der h-Moll-Sonate, die weniger als 30 Minuten in Anspruch nähme, wäre dem Sinngehalt des Werkes unangemessen. Manfred Reuthe widerlegt diese Behauptung auf ganz eigentümliche Weise. Seine etwa 27 Minuten dauernde Einspielung hat nichts gemein mit rasenden, schier blindwütigen Konzertattentaten, wie sie mir mehrfach von Boris Berezovsky und Khatia Buniatishvili in Erinnerung sind. Dies liegt daran, dass Reuthe die Oktaven- und Doppeloktaven, aber auch das glitzernde Passagenwerk der rascheren Teile mit verhältnismäßig verhaltenem Tempo angeht und unter diesen Umständen wohl auch an seine Grenzen gelangt. Die lyrischen, rezitativischen und sinnend überleitenden Wegstrecken indes – wie etwa der gebremste Vorgang vor dem Fugato – geraten unter Reuthes Händen flüssiger als im Allgemeinen bei den Interpreten von Arrau bis Zimmerman. Es ist, als ob er hier die verlorene Zeit der betont virtuosen Episoden auf noble Art wieder gutmacht.

Die Schwachstelle dieser im Verlauf der Chopin-Walzer in Ansätzen sinnlichen, auf körnige Weise geschmeidigen Publikation ist der hier zum Einsatz kommende Bösendorfer (Modell 225). Natürlich ist es nicht der 290er Imperial, aber dieses Exemplar macht sich besonders glanzarm im Diskant, rauh im Fortissimo bemerkbar. Die wertvollen, die unvergänglichen Klänge kommen sozusagen „billig“ tönend über die imaginäre Rampe. In der Firmenwerbung bekennt der Hersteller: „Selbstverständlich verlangt dieser Flügel nicht zwingend eine Bühne, sondern klingt auch bei Ihnen zu Hause wunderbar.“ Den Beweis muss Manfred Reuhte leider unter seinen Bedingungen schuldig bleiben, wobei zu seiner Entlastung anzufügen wäre: auch die Aufnahmetechnik entspricht nicht dem heute üblichen Standard.

Peter Cossé [10.07.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Chopin Walzer h-Moll op. 69 Nr. 2 00:03:34
2 Walzer As-Dur op. 69 Nr. 1 00:03:30
3 Walzer cis-Moll op. 64 Nr. 2 00:01:49
4 Walzer Des-Dur op. 64 Nr. 1 (Minutenwalzer, 1846/1847) 00:01:49
5 Grande Valse A-Dur op. 42 00:04:00
6 Andante spianato et Grande Polonaise brillante Es-Dur op. 22 00:14:07
8 F. Liszt Consolation Nr. 3 Des-Dur S 172/3 00:03:30
9 Eglogue S 160:7 00:03:06
10 Sonetto del Petrarca Nr. 47 S 161:4 (aus: Années de pèlerinage duexième année – Italie, 1837/1849) 00:05:04
11 Sonetto del Petrarca Nr. 104 S 161:5 (aus: Années de Pèlerinage deuxième annee) 00:05:20
12 Sonetto del Petrarca Nr. 123 S 161:6 (aus: Années de pèlerinage Deuxìeme année – Italie) 00:05:55
13 Klaviersonate h-Moll S 178 00:26:16

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Manfred Reuthe Klavier
 
MB312462;4014513031365

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