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CD-Besprechung

Maurice Ravel

Sämtliche Werke für Klavier solo

Maurice Ravel

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 10.10.14

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SWRmusic 93.318

3 CD • 2h 46min • 2012, 2013

Florian Uhlig behält fleißig, mit weitem literarischen Blick- und Hörwinkel und dies mit guten bis besten Ergebnissen Kurs auf seiner erfolgreichen Hänssler-Wegstrecke. Sie hält ihn momentan noch mitten im faszinierenden Dickicht (und natürlich auch auf den schönen Lichtungen) der Schumannschen Klavierwelten in Atem. Dies hindert den offenbar neugierigen und lernfähigen Interpreten nicht daran, eine (zudem noch erweiterte!) Gesamteinspielung der Klavierwerke Maurice Ravels zu veröffentlichen. Und wie das Gesamtresultat der klar, transparent und dem Anlass entsprechend auch schlank klingenden drei CDs bestätigt, hat er dieses Projekt keinesfalls als ausgewachsenes Nebenbei betrachtet, gleichsam als flankierende Unternehmung zu seiner Einspielung französischer Werke für Klavier und Orchester (Poulenc, Ravel, Debussy, Francaix – Hänssler 93.302).

Uhlig trifft mit dieser Einspielung auf rege Konkurrenz im Bereich der „Gesamtaufnahmen“, ganz gleich, ob deren Dramaturgie dem jeweiligen Stand der philologischen Erkenntnisse entsprach oder den individuellen Auswahlkriterien des Interpreten. Ob sie nämlich mit manchen Kleinigkeiten des Ravel-Repertoires nichts anzufangen wussten oder sie womöglich gar nicht kannten. Nicht auszuschließen ist es auch, dass man in den Zeiten der Langspielplatte mit dem Problem der Spieldauer von zwei Scheiben in Schwierigkeiten geriet. Fest steht jedenfalls: die jetzt so häufig gespielte Klavierfassung von La Valse war für die Pianisten der älteren Generationen kein Thema!

Ich könnte mir vorstellen, dass Florian Uhlig sich mit seiner sachlichen, das heißt: in den rascheren, wenn man will auch dämonisch angehauchten Stücken stets bedachtsamen, eher kühlen Ravel-Handhabe Pianisten wie Robert Casadesus oder Philippe Entremont näher fühlt als etwa der zum Funkeln und Lodern, immer wieder zum Zündeln neigenden Martha Argerich. So wie dies vor allem im Scarbo –Teil ihrer frühen Gaspard de la nuit-Darbietung für die Deutsche Grammophon zu verfolgen und zu bewundern ist. Mit großer Selbstverständlichkeit – sozusagen mit gelassener Leidenschaft – entfaltet Uhlig die Vibrationen, Wellen und Sprühwirkungen der Ondine-Erzählung bis hin zu den hohen satzinternen Gischtparametern. Er lässt sich im dramatischen Sonderfall der dynamischen Kompressionen mitreißen, aber nicht hin- und fortreißen. Desgleichen im Verlauf der nächtlichen Spukirritationen, deren geschüttelten Martellato-Akkordserien beherrscht eingefädelt und im Diskant zum Abschluss gebracht werden – also niemals als virtuose Einzeleffekte ausgespielt wirken oder gar als Versuche, Kollegen auf die hinteren Ränge der Klaviermuskulösität zu verweisen. Und doch verhält sich Uhlig dabei in den Rahmensätzen um eine Spur lebendiger als es dem großen Arturo Benedetti Michelangeli zumute war, wenn er wieder und wieder auf seinen „Gaspard“ zu sprechen und auf fast schon eisige Weise zu singen kam. Was Eisigkeit des Tons, was die Qualitäten fahlen Lichts anbelangt, so dürfte Benedetti Michelangeli noch lange, womöglich bis an Ende aller Tonträgerzeiten unübertroffen bleiben. Die von ihm in den Laut- und Leisestärkegraden schier manisch ausgestufte und klanglich wie mit LED-Tasten ausgeleuchtete „ Galgen“ –Szene erhält bei Uhlig zwar kein versöhnliches Klanggesicht, aber der Hörer bewegt sich mit ihm auf einer düsteren Strecke, die mit jedem Akkord- und Einzeltongewicht auch Spuren von gesundem (Noch-) Dasein verkündet.

Nicht überraschen konnte es mich, dass Uhlig historisierend bewegte oder auch in Andacht verharrende Stücke wie jene der Le tombeau de Couperin –Suite oder auch der vereinzelt edierten Menuette besonders entgegenkommen. Er hantiert elastisch bei der rhythmischen Dosierung der vorliegenden Bewegungsmuster, kümmert sich stets um schlanke, wenn nötig – wie etwa in den flinken Segmenten der „Miroirs“ – sogar stromlinienförmige Ton- und Klanggebung. Ein allzu oft in den Klavierwettbewerben wie im ICE-Verfahren heruntergebolztes und auch im Mittelteil per Superrubato missbrauchtes Stück wie Alborada del gracioso gelingt ihm unter diesen günstigen Voraussetzungen als eine prickelnde, in den brillanten Tonrepetitionen flüssige, eben nicht übermechanisierte Flüchtigkeitsstudie. Ihren „Gracioso“-Mittelteil wage ich allerdings als ein ganz klein wenig zu zackig gedacht und angefasst.

Eröffnet wird der Vortrag mit den Jeux d’eau, deren Liquidität Uhlig nach meinem Geschmack etwas zu bürokratisch einleitet, nämlich recht starr im Ablauf vor allem der ersten Feuchtigkeitsentfaltung. Ähnlich korrekt, tendenziell sogar etwas starr verhält er sich in den melodischen Tanzfiguren der Pavane, wobei man freilich bedenken sollte, dass es sich um ein Stück des stilistischen Rückblicks handelt und nicht – wie etwa bei Gawrilov – um die a-historische Gesangszene eines französischen Bellinis.

Die Einspielung enthält neben allen bisher bekannten Werken ein Menuett in cis-Moll, das im Umfeld der Sonatine entstanden sein soll und nicht ganz vollendet ist. Zudem drei unter dem Titel Parade erst 2008 veröffentliche, lediglich handschriftlich überlieferte Sätze im populären Stil einer Tanzpartitur für die (Pariser?) Oper. Diese 11 unterhaltsamen Minuten nimmt man gerne zur Kenntnis. Von noch größerem Interesse sind – wie ich meine – die drei sinfonischen Fragmente Daphnis et Chloé. Roy Howat – der kundige Begleittexter – verrät zu diesem Themenkomplex im Zusammenhang mit der mehrmals verschobenen Uraufführung der für Diaghilevs „Ballets Russes“ verfassten Partitur: „Flankiert werden die beiden Orchestersuiten, die Ravel aus dem Ballett extrahierte, von drei bezaubernden Solostücken für Klavier. Dies hatte Ravel aus seiner Partitur für die Klavierprobe des gesamten Balletts entnommen und den Klaviersatz geschickt als eigenständige Konzertstücke umgeschrieben.“ Hier nun sind sie zu hören – Merci Monsieur Uhlig!

Gesamtaufnahmen: Casadesus (CBS 77346, später Sony MH2K 63316, bzw. MP2K 46733), J. –Ph. Collard (LP EMI 2 C 167-73025/7), Dacosta (LP Amadeo AVRS 6474 St), Perlemuter (Nimbus Records NIM 5005), Marcelle Meyer (1954 LP EMI CZS 7 67405), Paik (LP Dante PSG 123/4), Nakajima (LP Colosseum SM 610), A. Simon (LP Vox SVBX 5473); Gaspard de la nuit: Benedetti Michelangeli (Great Pianists Philips 456 901-2, Torino 1962 Nuova era 2218), Argerich (DG 2530 540); Pavane pour une infante défunte: Gawrilow (Tschaikowsky-Wettbewerb 1974 – LP Melodia/Eurodisc 87 084 KK,

LP EMI 1 C 063-03259 Q, DG 437 532-2

Peter Cossé [10.10.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 M. Ravel Jeux d'eau 00:04:49
2 Miroirs 00:27:10
7 A la manière de... Chabrier (1913) 00:01:49
8 A la manière de... Borodine (1913) 00:01:24
9 Pavane pour une infante défunte 00:05:36
10 Menuet sur le nom de Haydn (1909) 00:01:41
11 Menuet en ut dièse (nicht ediert, 1904) 00:00:45
12 Sonatine fis-Moll 00:10:40
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Le Tombeau de Couperin (Suite) 00:23:21
7 Prélude a-Moll 00:01:24
8 Daphnis et Chloé (Fragments symphoniques) 00:19:06
11 La valse (Poème choréographique - Bearb. für Klavier) 00:11:13
CD 3
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Gaspard de la nuit 00:21:20
4 Sérénade grotesque (1893) 00:03:21
5 Menuet antique für Klavier (1895) 00:05:56
6 La parade - Suite de ballet (nicht ediert, 1896) 00:11:02
7 Valses nobles et sentimentales 00:14:11

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Florian Uhlig Klavier
 
93.318;4010276026891

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