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CD-Besprechung

Martin Fröst
Mozart

Martin Fröst<br />Mozart

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 20.12.13

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 1893

1 CD/SACD stereo/surround • 54min • 2010

Vorweg: im Rahmen dessen, was mit der „historisch-informierten Aufführungspraxis“, wie sie gelehrt wird, gebräuchlich ist, habe ich kaum je, ja vielleicht noch nie ein so musikalisches Album gehört wie das hier von Martin Fröst mit drei komplett verschiedenen Besetzungen realisierte. Bezüglich technischer Makellosigkeit, tonlicher Finesse und dezent eingesetzter Breite des Ausdrucks ist die Leistung der Beteiligten, insbesondere des Hauptakteurs, ohnehin schlicht grandios. Kann man einen schöneren, anschmiegsameren, flexibler artikulierten Mozart-Ton haben als Fröst? Wir wissen nicht, wie der alte Stadler, dessen Süße gerühmt wurde und für den diese Werke entstanden, gespielt hat, und wenn jemand es wirklich versteht und verwirklicht, gibt es da auch letztlich nichts zu vermissen. Frösts Spiel ist ideal für Mozart in der Wachheit, Feinnuancierung, absoluten Sauberkeit, dynamischen Kontrolle und permanenten Wendigkeit, und in der Fähigkeit, als Partner unter Partnern im Ensemblespiel aufzugehen, stets zu spüren und zu wissen, wer gerade wie das Wesentlichere zu sagen hat.

Dergestalt legt er mit Antoine Tamestit (Viola) und Leif Ove Andsnes (Klavier) als quasi ebenbürtigen Könnern ein Kegelstatt-Trio vor, das seinesgleichen sucht, gerade auch in der Kunst der individuellen Charakterierung der drei Sätze, wo fast nichts orthodoxen Glaubenssätzen historisierender Nivellierung unterworfen wird, sondern jede dieser Formen in ihrer einmaligen Ausprägung zum Leben erweckt wird. Es entsteht ein zauberhaftes organisches Geflecht, das uns überraschend zeigt, wie authentisch Mozart heute klingen kann, wo fast alle vergessen haben, auch den durchgehenden harmonischen Verlauf zu erspüren und spontan schöpferisch Gestalt werden zu lassen. Und endlich einmal keine Redundanzen des Ausdrucks: weder die altbekannte generelle Dominanz des Klarinettisten noch Myriaden unsinniger Betonungen auf schweren Taktzeiten oder harmonischen Entspannungen.

Ähnliches, wenngleich nicht in solcher Geschlossenheit des Ausdrucks, gelingt auch immer wieder in dem von Robert Levine vorzüglich vollendeten Fragment eines Allegro in B-Dur (KV 516c) für die klassische Klarinettenquintett-Besetzung mit Janine Jansen und Boris Brovtsyn (Violine), Maxim Rysanov (Viola) und Thorleif Thedéen (Cello) – allerdings finden sich hier auch pauschalere Ansätze, und man hätte wohl nicht schlecht daran getan, sich noch intensiver aufeinander einzulassen. Und auch hier hat Fröst alles andere im Sinn, als sich in den Vordergrund zu spielen.

Das berühmte Klarinettenkonzert, zeitlos unübertrefflich in seiner Schönheit, Beweglichkeit und Tiefe, spielt Martin Fröst auf der Bassettklarinette, und die Verlagerung vieler Stimmverläufe in das damit verfügbare tiefe Register ist ein immenser Gewinn, den man so gar nicht mehr missen möchte, ist man erst einmal damit vertraut geworden. So war es gemeint, auch wenn das Original leider verschollen ist! Sekundiert von der exzellenten Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, ist Fröst auch hier, bei aller Exponiertheit seines Figurenwerks, das Gegenteil eines über dem restlichen Geschehen stehenden Solisten, sondern nichts weiter als derjenige Musiker, dem die Hauptaufgabe übertragen ist – die er mit allem Glanz und aller Brillanz einlöst und dabei sein Ohr immer dem Gesamtprofil des Tonsatzes widmet. So wechseln unablässig Vorder-, Mittel- und Hintergrund, wie es sich eigentlich gehört und doch fast nie geschieht. Ganz besonders zu rühmen ist die Feinheit von Frösts Spiel, die unerhörte Zartheit, Anmut und Leichtigkeit, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, und wo es zum rechten Ausdruck einer eher der Trompete verwandten Kraftentfaltung bedarf, wird diese auch ohne Zaudern eingebracht.

Was fehlt, um eine wirklich ideale Aufführung zuwege zu bringen? Wenig, obgleich Entscheidendes. Fröst und seine Mitakteure bewegen sich fern pauschaler Phrasierungsmechanismen, weder werden die Takteinsen primitiv hervorgehoben noch wird überall gleichermaßen stereotyp abgerundet, das ist schon mal eine hervorragende Voraussetzung. Jetzt müsste allerdings das Bewusstsein noch viel mehr auf die harmonischen Spannungsverläufe auch in den übergeordneten, größeren Zügen gerichtet sein, noch mehr Klarheit über das Wechselverhältnis offener und geschlossener Phrasen herrschen, damit sich bezwingender, weitergehender dramaturgischer Zusammenhang einstellt. Die Bereitschaft dazu ist offenkundig da, und lediglich ermangelt es noch der präzisen Klarheit, wie das nun wirklich in jeder Situation zu bewerkstelligen wäre, damit die Energie weit trägt und der sich in vielen kleinen Wellen aufbauende große Bogen einstellen kann.

Der andere Mangel ist Relikt einer falsch verstandenen Lehre. Es sind die verkürzt gespielten Notenwerte, die der wahren Mannigfaltigkeit des Ausdrucks im Wege stehen. Die sind immer wieder angebracht, und dann wieder bedeuten sie eine Verarmung des wahren Reichtums der Partitur, seien es nun – sehr häufig! – die zu früh weggenommenen Abschlusstöne an Phrasenenden oder ganze Abschnitte, die eben nicht staccato zu verstehen sind (ein Beispiel, nicht ohne Reiz, doch entgegen den Intentionen des Komponisten: direkt nach dem ersten Tutti nach Einsatz des ersten Solos im Kopfsatz). Hierauf mehr zu achten, viel flexibler und detailbewusster, der konkreten Situation angepasster zu agieren würde noch ein ganz anderes, viel reicheres und die tatsächlich vorhandenen Gegensätze der Partitur offenbarendes Spektrum enthüllen. Dessen eingedenk, möchte ich diese CD nachdrücklich allen empfehlen, die wissen wollen, wie man Mozart heute – auf der Höhe der Zeit und unter gewissenhafter Beachtung der stilistischen Gegebenheiten – fesselnd und bezaubernd, und ohne unangebrachte Grobheiten, willkürliche Verzärtelungen oder übertrieben entstellende Rubati, aber auch jenseits der weit verbreiteten mechanistischen Betonung des primitiv rhythmischen Beats, zur Aufführung bringen kann.

Christoph Schlüren [20.12.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 W.A. Mozart Konzert A-Dur KV 622 für Klarinette und Orchester 00:26:52
4 Trio Es-Dur KV 498 für Klarinette, Viola und Klavier (Kegelstatt-Trio) 00:18:41
7 Allegro KV 516c KV Anh. 91 für Klarinette und Streichquartett 00:07:10

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Martin Fröst Klarinette, Leitung
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Orchester
Antoine Tamestit Viola
Leif Ove Andsnes Klavier
Janine Jansen Violine
Boris Brovtsyn Violine
Maxim Rysanov Viola
Thorleif Thedéen Violoncello
 
1893;7318599918938

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