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CD-Besprechung

E. Lalò

BIS 1 CD/SACD stereo/surround 1890

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 26.07.12

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BIS 1890

1 CD/SACD stereo/surround • 72min • 2011

Es gibt Komponisten, deren Gegenwart im heutigen Repertoire auf der Beliebtheit eines, höchsten auf zwei, drei Werken beruht, zuweilen handelt sich sogar um kleine Stücke. Ich denke an den unsäglich seichten Klavierhit Das Gebet einer Jungfrau (op. 4) von Thekla Bardarzewska (1838 – 1862). Des schier unglaublichen Erfolges wegen legte die Polin etwas später noch nach: das Erhörte Gebet einer nach wie vor einer Jungfräulichen befriedigte den Appetit Tausender meist ebenso jungfräulicher Klaviertöchter (und -söhne!) aus der etwas gehobeneren Gesellschaft. Um es kurz zu machen: auch der französische Komponist Édouardo Lalo gehörte als Künstler und Bürger zu dieser mit ihrem Schicksal weitgehend zufriedenen Gesellschaft. Es war seine bald schneidige, bald larmoyante Symphonie espagnole, die sich bald nach ihrem Erscheinen der Gunst bedeutenden Geiger erfreute. Ob das breite Publikum in gleichem Maße von dieser ethnisch angehauchten, geographisch kaum lokalisierbaren Musik im akustischen Ansichtskartenformat gleichermaßen angetan war, blieb für mich – angesichts vieler an Ideen und Konturen reicherer Stücke etwa von Pablo di Sarasate – bis heute im Unklaren.

Nun heben mit der vorliegenden CD zwei namhafte Instrumentalisten zum zweiten Mal den Vorhang von Lalos Nachlass ein wenig höher. Ein lobenswertes Unterfangen, denn anhand solchen Materials könnte sich die Gesamteinschätzung dieses seinerzeit unerschütterlich konservativ operierenden Nebenmeisters korrigieren lassen. Ich kann leider keine Entwarnung geben! Es dürfte sich in Sachen Lalo nach „Lektüre“ der beiden Konzertprojekte für Violine, bzw. Klavier und Orchester nichts an der Spitzenposition der genannten spanischen Konzertsinfonie ändern. Am wenigsten kann ich mit dem zum Teil aus verlegerischen, also marktstrategischen Gründen als „russisch“ bezeichneten Violinkonzert anfangen. Die vier Sätze wabern in allenfalls vornehmer Unscheinbarkeit vor sich hin. Um das Jahr 1879 herum – dem Erscheinungsdatum – wurde die Musikwelt wahrlich mit Wichtigerem bereichert. Die in den Sätzen zwei und vier versprochenen „Chants russe“ werden zwar in ihrer Herkunft benannt, sie wirken aber aus Lalos Perspektive extrem wie in indirekter Rede zitiert. Es lohnt sich mithin, die zwei gleichsam entkeimten „Hochzeitslieder“ aus Nikolai Rimsky-Korsakows Sammlung 100 russische Volkslieder (op. 24) im „Original“ zu hören (was angesichts der Katalogsituation nicht leicht sein dürfte…).

Der schwache Eindruck, den dieses ursprünglich als „Suite“ entworfene Stück hinterlässt, ist aber auch auf das sonderbar saftarme Spiel des Solisten Jean-Jacques Kantorow und der kaum weniger fleischlos, gefährlich beiläufig wirkenden Sinfonietta aus Tapiola zurückzuführen. Kantorow habe ich in den letzten Jahren vornehmlich als Dirigent erlebt – u.a. in Nantes als er den Orchesterpart von Tschaikowskys Violinkonzert recht anschaulich für die frappierenden Ideen der Geigerin Patricia Kopatchinskaya organiserte. Hier nun mischt sich sein Ton unangenehm dünn, wie mutlos in die sinfonische Umgebung. Es ist, als habe man längstens die Fruchtlosigkeit des ganzen Vorhabens erkannt. Das hier Gesagte und Angemahnte gilt auch für die drei Salonkonzertstücke, von denen die von Gabriel Pierné orchestrierte Guitare noch am ehesten jene drei Minuten Aufmerksamkeit verdient, die zur Wiedergabe unumgänglich sind.

Als etwas konkreter in den Detailerfindungen und im Gesamtkonzept habe ich das dreisätzige Klavierkonzert aus dem Jahr 1888 empfunden. Dies gilt auch für den in Ansätzen brillanten Solopart. Als Solist wurde Pierre-Alain Volondat beauftragt, der 1983 höchst dekoriert den Brüsseler „Concours Reine Elisabeth“ beendete, leider jedoch zu jenen inzwischen zahlreichen Siegern gehört, die sich international nicht entscheidend durchsetzen konnten. Auch bei dieser Gelegenheit fehlt es seinem Spiel an echter Autorität, an Glanz und Glitzer. Aber immerhin reicht es aus, um am Ende dieser CD die Gerätelade halbwegs versöhnt zu öffnen, um diese Publikation wohl für immer beiseite zu legen.

Wer sich dennoch mit weiteren Nebenwerken Lalos befassen möchte, dem sei Kantorows BIS-Einspielung des Violinkonzerts op. 20 und einer Norwegischen Fantasie – nun zwar auch unter der Leitung Kees Bakels’, aber dafür mit einem „Granada City Orchestra“! Das ist umso einleuchtender, weil die CD auch die Symphonie espagnole enthält.

Vergleichseinspielungen: Klavierkonzert: Frugoni – Gielen (Turnabout 34423), Doss – Kuntzsch (Candide CE 3102), Gross Athinäos (Signum X 66-00).

Peter Cossé † [26.07.2012]

ClavierTage Göttingen

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 E. Lalò Concerto russe op. 29 00:29:04
5 Romance-Sérénade 00:05:47
6 Fantaisie-Ballet 00:09:00
7 Guitare op. 28 – Allegro non troppo 00:03:04
8 Klavierkonzert 00:23:38

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Jean-Jacques Kantorow Violine
Pierre-Alain Volondat Klavier
Tapiola Sinfonietta Orchester
Kees Bakels Dirigent
 
1890;7318599918907

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