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CD-Besprechung

Liszt Piano Works

hänssler CLASSIC 98.625

1 CD • 74min • 2010

24.02.2011

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 5
Klangqualität:
Klangqualität: 6
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 5

Spielt ein Pianist unserer Tage auf einem Bechstein-Flügel, so schwingt immer ein Hauch Nostalgie aus jenen Zeiten mit, als das Musik- und Klaviergeschehen fast ausschließlich in Mitteleuropa stattfand. Vor allem Bechstein setzte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Standards in allen pianotechnischen Dingen und entzückte die führenden Künstler dieser Epoche wie Hans von Bülow, Franz Liszt und Edwin Fischer. In der heutigen Wahrnehmung aber werden die internationalen Klaviergeschicke seit langem von Steinway & Sons dominiert, während die meisten anderen Fabrikate, darunter auch Bechstein, sich gegen diesen Global Player nur bedingt behaupten können. Bechstein zählt zwar wieder zu Deutschlands bedeutendsten Klavierproduzenten, aber der wichtige Schritt auf die großen Bühnen und in die Aufnahmestudios der Rundfunkhäuser scheint der Firma immer noch verwehrt. Dabei ist der Markt für Konzertflügel durchaus im Fluß: gerade die Steinways der letzten Dekade erfüllen nicht mehr ausnahmslos die elitären Ansprüche an Klangkultur und vielseitige Einsetzbarkeit, die ihren hohen Preis rechtfertigen sollten. Im High-End-Bereich konnte sich Fazioli mittlerweile eine durchaus komfortable Nische schaffen, und die preisbewußtere Klientel fühlt sich vor allem bei Yamaha gut aufgehoben. Um gegen dieses Triumvirat zu bestehen, müssen sich die Konkurrenten etwas einfallen lassen.

Zur Dokumentation und Demonstration des firmeneigenen Wohlklangs sind CDs ein naheliegendes Medium. Das dachte sich auch Bechstein und stellte ein Instrument für das Liszt-Album des chinesischen Pianisten Haiou Zhang zur Verfügung. Das Kernstück der Aufnahme ist die h-moll-Sonate, die ihre Uraufführung 1856 durch Hans von Bülow ja auf einem Bechstein-Flügel erfahren hat. Allerdings erweist sich Haiou Zhang mit „seiner“ Liszt-Sonate nicht als der ideale Kandidat, um an die alten Legenden anzuknüpfen: allzu oft setzt er den enormen Energiefluss dieses scheinbar schrankenlosen Werkes durch rein physische Attacke frei, mildert die Härten nicht und übersteuert dadurch den dynamischen Pegel. Die Beherrschung des forte/fortissimo-Bereichs ist sicher eine der schwersten Disziplinen der Klavierkunst, gerade weil jeder Flügel anders auf die persönliche Spielweise reagiert. Ab einer gewissen Stufe der Überdosierung, und Zhang bewegt sich gefährlich oft in diesem Bereich, geht allerdings jedes Instrument in die Knie, und vieles, was groß sein soll, wird einfach roh. Dass der Bechstein dieser Aufnahme gerade im Diskant eine etwas limitierte Farbpalette aufweist, tut noch ein Übriges, um einen obertonarmen Klang zu erzeugen, in dem Liszts mythische Wucht zu hämmernder Exekution verkommt. Auch in den Jeux d'eau á la Villa d'Este und der ersten Franziskus-Legende gelangen die sprudelnden und flirrenden Figurationen von Wasserspielen und Vogelgezwitscher nicht zu klanglicher Freiheit oder naturhafter Selbstverständlichkeit. Womöglich betrachtet Haiou Zhang diese Stücke vorrangig aus der manuellen Perspektive, jedenfalls klingt solches Passagenwerk bei ihm oft nach Arbeit. In dieser Hinsicht gelingt die Zweite Ungarische Rhapsodie besser, denn alle pianistischen Effekte sind (sogar um einige Nuancen zu viel) auf folkloristischen Kolorit berechnet.

Haiou Zhang ist sicher ein Pianist, der die Werke auf der technischen Ebene beherrscht. Dazu verfügt er über Kraft, was im Klavierabend gerade mit diesem Programm ein großes Plus ist. Und man meint auch herauszuhören, dass ihm die Linienführung und die innere Struktur aller Werke durchaus am Herzen liegen. Trotzdem fehlen hier entscheidende Eigenschaften: gelöste Zartheit, singendes Forte ohne Druck sowie die Spontaneität, sich innerhalb des strukturellen Gefüges frei zu bewegen, Musik zu verdichten beziehungsweise sie aufzulösen. Die Zukunft wird zeigen, ob er seinen Weg in die erste Liga der Liszt-Interpreten finden kann.

Henri Ducard [24.02.2011]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Liszt
1Les Funérailles S 173 Nr. 7 (aus: Harmonies poétiques et religieuses) 00:12:01
2Les jeux d'eau à la Villa d'Este S 163:4 (aus: Années de pèlerinage: Troisième année) 00:08:08
3Ungarische Rhapsodie No. 2 minor S 244 00:10:39
4Saint François d'Assise S 175 Nr. 1 (La prédication aux oiseaux, Legende) 00:10:53
5Klaviersonate h-Moll S 178 00:31:56

Interpreten der Einspielung

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