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CD-Besprechung

Sinfonias from the Enlightenment

Sinfonias from the Enlightenment

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 13.08.08

Challenge Classics CC72193

2 CD • 1h 33min • 2007

„Brückentiere“ haben es in sich. Ob der in der Umgebung von Eichstätt mehrfach gefundene Archaeopteryx nun noch Dinosaurier-Reptil oder schon Vogel war, interessiert weniger als die Faszination, die von einer solchen fabeltierartigen Versteinerung ausgeht. Das Scharnier zwischen barocker Instrumentalmusik und den Errungenschaften der später so bezeichneten „Wiener Klassik“ bilden sinfonische Kompositionen, die lexikalisch oftmals unter dem Begriff „Vorklassik“ zusammengefasst werden, sich also in etwa auf die Zeit vom Tod Johann Sebastian Bachs 1750 bzw. Georg Friedrich Händels 1759 bis zum Hervortreten eigenständiger Stilmerkmale Haydns und Mozarts erstrecken.

Ein repräsentatives Panoptikum solcher meist dreisätziger Sinfonien (mit dem Tempogrundmuster schnell-langsam-schnell) zusammenzutragen, wäre allein schon lobenswert. Doch das junge österreichische Kammerorchester moderntimes_1800 mit Sitz in Tirol hat es dabei nicht bewenden lassen: Die Musiker um den Geiger Ilia Korol und die Oboistin Julia Moretti warten mit nicht weniger als vier Weltersteinspielungen einschlägiger Werke von Hasse, Graun und C. P. E. Bach auf. Dass auf „authentischen Instrumenten“ gespielt wird, ist nicht zu überhören; ebenso wenig die Tatsache, dass es sich bei den Interpreten offenbar um eine Künstlergeneration handelt, für die es von der historischen Aufführungspraxis zur Musik des 20. Jahrhunderts nur ein kleiner Schritt zu sein scheint.

Und tatsächlich verwirklicht sich bei den eingespielten sieben Sinfonien das, was im Booklet als Credo des Ensembles formuliert wird: „moderntimes_1800 bedient sich des Instrumentariums und der Spielweisen der jeweiligen Entstehungszeit eines Werkes, in der Überzeugung, dass die Musiksprache einer Epoche mit ihren eigenen Klangmitteln am lebendigsten zum Ausdruck gebracht werden kann.“ Gewiss, mancher unerfahrene Hörer könnte bemängeln, dass die Violinen allzu „tot“, d. h. vibratoarm klingen. Violin-Tremolos wirken dann weniger homogen, sondern wie ein ungeschlachter, aufrührerischer Klangteppich. Aber dies hat seine Richtigkeit, denn auch darin deutet sich die Modernität an, die eine geschichtliche Umbruchsituation wie der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnende Erkenntnisprozess der Aufklärung ausgelöst hat.

Auf der vorliegenden Doppel-CD ermöglicht moderntimes_1800 quasi einen Schnelldurchlauf durch die Genese der Gattung Sinfonie, der qualitativ nicht hochwertiger sein könnte. Ist Johann Adolf Hasses D-Dur-Sinfonie noch ganz in der barocken Fest-Tradition verwurzelt (sie bildete 1760 den Ouvertüren-Auftakt des Festspiels Alcide al Bivio zur Hochzeit des späteren Kaisers Joseph II.), so kommt Wilhelm Friedmann Bachs Sinfonie in der gleichen Tonart (aus der Kantate Dies ist der Tag) am avantgardistischsten daher, stellt einen wesentlichen Vorläufer der Musiksprache dar, die später von den Wiener Klassikern vervollkommnet wurde.

In Anbetracht der beiden Werke auf CD 2, Haydns Sinfonie Nr. 39 g-Moll und Mozarts Sinfonie Nr. 29 A-Dur, die der 18-jährige in Salzburg komponierte, besteht ohnehin die Gefahr, alles vorher Gehörte verblassen zu sehen. Dies liegt keineswegs daran, dass moderntimes_1800 die Sinfonien von Hasse, Graun, Carl Philipp Emannuel und Wilhelm Friedemann Bach weniger engagiert gespielt hätte. Haydns Rhythmik ist einfach brisanter, sein – nun viersätziges Formmodell mit einem Tanzsatz an dritter Stelle – überzeugt viel mehr, seine Disponierung von Zeit durch Klang und nicht durch einen außergewöhnlichen Themenreichtum hat etwas unwiderstehlich Meditatives an sich. moderntimes_1800 erweist sich hier als eines der besten gegenwärtigen Haydn-Orchester. Ein solch druckvolles, virtuos-freudig-selbstverständliches Spiel sucht seinesgleichen.

Auch bei Mozart werden schnelle Tempi bis zur Spielbarkeitsgrenze ausgereizt. Das erwachsen gewordene Wunderkind wird als das interpretiert, was es war: kein süßlicher Produzent von Klassik-Schlagern, sondern ein zutiefst dramatischer Komponist, der seine Hörer unter einer brillanten Klangoberfläche immer wieder an existentielle Abgründe heranzuführen weiß. Mit einem derartigen musikalisch-metaphysischen Impetus, wie ihn die Musiker unter Leitung von Konzertmeister Ilia Korol realisieren, müsste man klassische Sinfonien öfter gespielt erleben.

Früh behauptete Mozart seinen Rang als der Komponist seiner Zeit mit dem größten Raffinement. Seine sinfonischen „Strategien“ werden durch moderntimes_1800 so ausgebreitet, dass man verstehen kann, welches Maß an Überwältigung einst von ihnen ausging und – leider auch – Ablehnung beim damaligen Publikum erzeugte. Wir Heutigen können ja nur noch vor Bewunderung knien. moderntimes_1800 macht uns dieses wieder bewusst, nein, zwingt uns dazu.

Richard Eckstein [13.08.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J.A. Hasse Sinfonia D-Dur 00:07:56
4 J.G. Graun Sinfonia Es-Dur 00:07:05
7 C.Ph.E. Bach Sinfonia B-Dur Wq deest 00:11:19
10 W.Fr. Bach Sinfonie D-Dur Falck 64 00:09:59
13 C.Ph.E. Bach Sinfonia E-Dur Wq 183/2 (H 664) 00:09:13
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Haydn Sinfonie Nr. 39 g-Moll Hob. I:39 (Il mare turbito) 00:18:13
5 W.A. Mozart Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201 00:29:21

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
moderntimes_1800 Orchester
 
CC72193;0608917219326

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