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CD-Besprechung

Warner Classics 2564 64316-2

1 CD • 78min • 2006

12.03.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 6
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Daniel Barenboim hat sich Zeit gelassen für die Beschäftigung mit dem Œuvre Gustav Mahlers. In früheren Jahren irritierte ihn vieles in Mahlers Musik, wie er in einem Interview mit Jan Brachmann im Februar dieses Jahres verriet: „Diese ständigen Zitate, diese Künstlichkeit, diese Nachahmung einer Banda“, auch die Deutung von Mahlers Musik aus seiner neurotischen Persönlichkeitsstruktur heraus. Doch Anfang der 90er Jahre, als er Chef des Chicago Symphony Orchestra – eines Orchesters mit beachtlicher Mahler-Tradition – wurde, begann er sich eingehender mit dem Komponisten zu beschäftigen. Dabei machte er die erstaunliche Entdeckung, dass er, wenn er die Partitur vor sich hatte, so viel mehr sehen konnte als er gehört hatte. „Mahlers Behandlung der Instrumente basiert auf einem Prinzip, das nicht genug respektiert wird. Sehr oft spielen verschiedene Instrumente die gleichen Töne. Aber die einen fangen laut an und werden leiser, die anderen fangen leise an und werden lauter… Vielfach wird Mahler so gespielt, dass man die Lautstärkegegensätze ausgleicht, aber dadurch beraubt man die Melodien ihrer Verkleidung oder ändert ihr Gesicht.“

Mit der Berliner Staatskapelle, deren Chef er seit 15 Jahren ist, nahm Barenboim Mahlers Sinfonien Nr. 7 und Nr. 9 auf und ging auf eine Tournee durch verschiedene europäische Länder. Anfang April gibt die Staatskapelle unter Barenboims und Pierre Boulez’ Leitung einen Mahler Zyklus in der Berliner Philharmonie.

Natürlich ist man auf die Früchte der Barenboimschen Beschäftigung mit Mahler neugierig. Löst der Dirigent die eigenen Ansprüche ein, und gibt es entscheidende Unterschiede zu anderen Mahler-Interpreten? Leider fällt die Antwort eher zu Ungunsten Barenboims aus. Das betrifft weniger den musikalisch-technischen Teil: Die Staatskapelle hat mit und durch Daniel Barenboim hörbar gewonnen – an Profil, Perfektion, Klang, solistischer Brillanz, und sie ist in die höheren Ränge der Orchesterliga aufgerückt. Das zeigten schon die Einspielungen der Sinfonien Beethovens und Schumanns – um nur diese exemplarisch zu nennen.

Diesem Zuwachs stehen indes im Fall von Mahlers Neunter entscheidende interpretatorische Defizite gegenüber. Barenboim interpretiert Mahler gleichsam aus dem Geist von Richard Strauss, als große sinfonische Dichtung, die mit großem Atem, weiten Bögen und Kraft durchmessen wird. Doch das funktioniert am wenigstens bei der Neunten, dieser Sinfonie des Abschieds. Die orchestrale Inszenierung ist opulent, technisch und klanglich auf höchstem Niveau, auch in den Soli (vgl. Finale); es gibt die typischen großen Steigerungen und Zurücknahmen, es gibt Spannung und Entspannung, aber eben auch große Gesten und Leerlauf. Beim Hören stellt sich keine Ergriffenheit, gar Rührung ein. Wo bleiben die Affekte, wo bleiben die katastrophischen Momente, wo die resignativen? Auch der typische Wechsel von Schreiten und Innehalten und die Spannung dazwischen werden nur unzureichend realisiert.

Einige Beispiele mögen genügen: Das Hauptthema des ersten Satzes kommt nicht sich zaghaft vorwärts tastend, sondern eher nüchtern. Der Ländler des zweiten Satzes hat eben nicht das täppische, das ihm eignet. Die Rondo-Burleske, kraftvoll, heftig bewegt, teils hektisch – aber nichts vom „Tanz am Abgrund“. Einzig im Finale, das aber ohne Geheimnisse, ja nüchtern anhebt, wird die Inszenierung intimer, schürft Barenboim stärker in der Tiefe. Die den Atem raubende Spannung fehlt aber auch hier. Wer Mahlers Neunte exemplarisch hören will, der hält sich besser immer noch an die Interpretation eines Barbirolli oder Abbado (beide mit den Berliner Philharmonikern). Am Ende weiß man nicht recht, ob man auf weitere Mahler-Exkursionen von Daniel Barenboim gespannt sein soll.

Peter Heissler [12.03.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Gustav Mahler
1Sinfonie Nr. 9 D-Dur

Interpreten der Einspielung

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