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CD-Besprechung

Harnoncourt - Haydn

Warner Classics 2564 63061-2

5 CD • 5h 26min • 1986, 1987, 1988, 1990, 1992

13.07.2006

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Warner Classics ist derzeit dabei, den umfangreichen Katalog mit Aufnahmen zu sichten und zusammenzufassen, den Nikolaus Harnoncourt im Lauf der langjährigen Zusammenarbeit für die Teldec erarbeitet hat. Unter den nun in platzsparender Aufmachung wieder aufgelegten Sammlungen befindet sich auch diejenige der zwölf sogenannten Londoner Sinfonien Joseph Haydns, die Harnoncourt zwischen 1987 und 1992 mit dem Royal Concertgebouw Orchestra einspielte, und denen hier noch als Bonus die frühere Sinfonie Nr. 68 B-Dur beigegeben ist. Die zum Teil also fast 20 Jahre alten Aufnahmen wurden seinerzeit recht positiv besprochen, ja waren teilweise sogar Referenzaufnahmen.

Die Wiederauflage ist eine willkommene Gelegenheit, die Einspielungen aus der Distanz neu zu beurteilen. Zunächst muß deren historischer Rang festgehalten werden: Harnoncourts Haydn-Sichtungen der 1980er und 1990er Jahre gehörten damals zu den frühen namhaften Bestrebungen, das zum Teil wiederentdeckte, zum Teil auch frei erfundene historisch informierte Musizieren mit einem konventionellen Orchester zu verwirklichen. Bis auf wenige Ausnahmen – etwa die betont rohe Trompete im langsamen Satz der Militärsinfonie G-Dur Nr. 100 – spielte das Amsterdamer Orchester also kultiviert und auf modernen Instrumenten, versuchte jedoch, Harnoncourts Konzept der „Klangrede“ im Rahmen der Tradition zu verwirklichen.

In technischer Hinsicht überzeugen die Aufnahmen auch heute noch, und zwar sowohl, erstens, hinsichtlich der akustischen Qualität – den Tontechnikern war ein präsentes und natürliches Klangbild gelungen. Aber auch in orchestertechnischer Hinsicht macht etwa die sorgfältige Balance Freude; man höre, wie genau dosiert etwa im berühmten „Uhren“-Satz der Sinfonie Nr. 101 sich Streicher und Holzbläser mischen. Harnoncourt muß das Orchester damals in den Proben sehr genau ausbalanciert haben, was übrigens für seine Aufnahmen ganz allgemein gilt, aber zum Zeitpunkt der Aufnahmesitzungen keineswegs eine Selbstverständlichkeit der Haydn-Interpretation war.

Schließlich ist auch die Vermittlung zwischen den technischen Aspekten wie Phrasierung, Tempo, Klangfarbe usw. mit dem ästhetischen Konzept von Harnoncourts Klangrede gelungen. Es wurde bereits seinerzeit gelobt, daß Harnoncourt die spezifische Tradition der Orchester, mit denen er arbeitete, respektierte, und von den aufdringlichen artikulatorischen Manierismen, welche einigen von Harnoncourts originalklänglerischen Kollegen unterliefen, Abstand nahm. Die Phrasierungen sind natürlich geraten und glücklicherweise weit entfernt von dem oft karikaturenhaft übertriebenen „schwer – leicht“ mancher Nachahmer der vermeintlich historischen Rhetorik; gleichzeitig finden sich in dieser Beziehung einige echten Juwelen wie etwa das unendlich fein definierte Trio des Scherzos der c-Moll-Sinfonie Nr. 95. Zudem hatte Harnoncourt Mut zu gemäßigten Tempi, die er auch zu erfüllen vermochte: Die Menuette werden nicht unversehens zu Scherzi hochgeheizt, und im Final-Vivace der Sinfonie Nr. 101 macht es ein wunderbares langsames Tempo möglich, die fein komponierten Strukturen mühelos zu verfolgen.

Dennoch zeigt sich ein kleiner Wehmutstropfen an dem ansonsten auch aus der Rückschau sehr erfreulichen Gesamtbild, und das ist Harnoncourts Tendenz zum sterilen Musizieren. Zwar schätzen sehr viele der heutigen Hörer fettarmes, schlankes Spiel, aber was ist mit dünnem, ja, wässrigem Spiel? Besonders in sinfonischen Situationen, in denen Haydn seine sprichwörtlich diskrete Haltung aufgibt und Affekte oder einen Hang zur Prachtentfaltung auslebt, bleibt der Ausdruck zu blaß. Man vergleiche etwa die Versionen, die Adam Fischer fast gleichzeitig mit dem Austro-Hungarian Haydn Orchestra eingespielt hat: Fischers Versionen sind weit von Harnoncourts Perfektion entfernt, aber der Kopfsatz der c-Moll-Sinfonie Nr. 95 läßt auch dunkle Töne hören, der Hauptsatz der Sinfonie Nr. 94 auch einmal ein jubelndes, helles Tutti, während Harnoncourt immer etwas im Neutralen verbleibt – wohlgemerkt bei gleichzeitig konkurrenzlos raffinierterer Artikulation. Ähnliches gilt für die Adagio-Einleitung zur Sinfonie Nr. 104: Bei Fischer geht ein geradezu tragisch zu nennender Riß zwischen das laute Signal und die zweifelnden Moll-Passagen, während bei Harnoncourt, der sich mehr um technische Belange kümmert, eine gewisse Indifferenz zu hören ist. Gerade diese werden jedoch viele Musikhörer auch als Nüchternheit empfinden und um so mehr Gefallen an dieser sicherlich im Großen und Ganzen sehr hochwertigen Sammlung finden.

Dr. Michael B. Weiß [13.07.2006]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joseph Haydn
1Sinfonie Nr. 68 B-Dur Hob. 1:68
2Symphony No. 93 D major Hob. I:93 (London)
3Sinfonie Nr. 94 G-Dur Hob. I:94 (Mit dem Paukenschlag)
4Sinfonie Nr. 95 c-Moll Hob. I:95
5Sinfonie Nr. 96 D-Dur Hob. I:96 (Le Miracle)
6Symphony No. 97 C major Hob. I.97 (London)
7Sinfonie No. 98 B flat major Hob. I:98 (Londoner)
8Symphony No. 99 E flat major Hob. I:99 (London)
9Symphony No. 100 G major Hob. I:100 (Military)
10Sinfonie Nr. 101 D-Dur Hob. I:101 (Die Uhr)
11Sinfonie Nr. 102 B-Dur Hob. I:102
12Sinfonie No. 103 E flat major Hob. I:103 (Drumm Roll)
13Symphony No. 104 D major Hob. I:104 (Bagpipe)

Interpreten der Einspielung

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