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CD-Besprechung

Naxos 8.557600-01

2 CD • 2h 11min • 2004

09.06.2006

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Haydns Jahreszeiten waren nie so populär gewesen wie sein Schöpfungs-Oratorium, weder im Konzertbetrieb noch auf Schallplatte, und so ist eine neue Studio-Version dieses Stückes stets willkommen. Diese Leipziger Einspielung unter dem dänischen Dirigenten Morten Schuldt-Jensen ist sehr sorgfältig produziert worden, und besticht durch ihre stilistische Geschlossenheit und die Frische ihres Ausdrucks. Wer eine Version auf hohem Niveau jenseits der klassischen Referenzaufnahmen sucht, wird hier gut bedient.

Es wird aber hier auch das Interesse desjenigen befriedigt, der mit Haydns Oratorium schon besser vertraut ist und ein Beispiel für eine zeitgenössische Lesart sucht, die stark von der sogenannten historisierenden Aufführungspraxis inspiriert ist, ohne tatsächlich auch tatsächlich historisches Instrumentarium zu benutzen. Schuldt-Jensen versucht solch eine Spielart, und reflektiert im Beiheft sehr aufgeklärt über die Möglichkeiten, aber auch Grenzen eines solchen vorgestellt „authentischen“ Zugriffs.

Schuldt-Jensens Ansatz versucht also, das Beste zweier Welten: moderner und historisierender Spielpraxis, zu verbinden, und ist somit typisch für den gegenwärtigen Stand des Aufführungsstils der Musik der Wiener Klassik. Gerade weil die Produktion innerhalb der solchermaßen selbstgesetzten Maßstäbe geglückt ist, treten jedoch auch einige der problematischen Entwicklungen dieser Stilistik sehr deutlich hervor. Wir wissen allein aus der Faktur seiner Musik, aber auch aus Zeugnissen, daß Haydn – wie wohl jeder Komponist – eine gewisse Klangfülle schätzte. Hätte er also in jedem Fall gerne gesehen und gehört, daß jeder Ton, auf dem nicht wenigstens ein Legato-Zeichen steht, auf weniger als die Hälfte des notierten Wertes verkürzt wird? Hätte er es goutiert, daß kaum einmal drei Noten hintereinander zu einer Linie verbunden werden, sondern vielmehr jede melodische oder auch nur motivische Einheit, selbst wenn das Notenbild eindeutig auch einmal weittragende Gestalten anzeigt, in ihre kleinsten Bestandteile untergliedert wird?

Schuldt-Jensen spricht im Begleittext davon, daß es im 18. und frühen 19. Jahrhundert noch keine „ewige Melodie ohne ,Löcher’ im Vortrag“ gab. Sein Unwillen, auch einmal eine gewisse Ausbreitung des Volumen zuzulassen, führt denn freilich auch zu einem gewissermaßen löchrigen Klangbild im Bezug auf die Totale von Chor und Orchester. Der Gewandhaus-Kammerchor besteht aus hervorragenden Sängern, singt jedoch mit wenig Kraft und wirkt deshalb ohne Not bisweilen dünn und flattrig. Auch das Orchester neigt, weil jede Phrase möglichst verkürzt und artikulatorisch verhaucht wird, generell zum Verschwinden. Es scheint ein wenig so, als ob Schuldt-Jensen geradezu Furcht vor der Statik eines einmal für wenige Augenblicke unveränderten, gesetzten Tones hätte, und somit das Orchester beständig in die Stille zurückführt.

Dieser Effekt ist am angemessensten in denjenigen Passagen, die Haydn selbst mit dem für ihn so charakteristischen Sinn für das Hintergründige, ja Unheimliche ausgestattet hat, etwa die verhangene Vorstellung der Morgendämmerung zu Beginn des zweiten Teils oder die Stille vor dem Sturm. Diese Passagen werden tatsächlich mit sehr viel Klangfantasie und Bildmacht evoziert. Leider versäumt es Schuldt-Jensen nun aber, in den repräsentativen Chören etwa diese Klangsensibilität durch eine gewisse Prachtentfaltung zu ergänzen.

Die drei Solisten passen bruchlos in das Gesamtbild, weil ihre Stimmen recht einheitlich timbriert sind und sie durchgehend lyrisch, dabei textverständlich, immer aber auch ein wenig glatt und vorsichtig singen. Daß es sich hierbei – im Gegenteil zu den meisten älteren Aufnahmen, etwa von Krauss, Böhm oder Karajan – nicht um charismatische Sängerpersönlichkeiten handelt, muß man in Kauf nehmen. Dies sind eben die Aspekte, die anzeigen, daß stilistische Reinheit auch auf Kosten der Individualität gehen kann.

Dr. Michael B. Weiß [09.06.2006]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
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1Die Jahreszeiten Hob. XXI:3

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