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CD-Besprechung

Franz Liszt
Orgelwerke

Franz Liszt<br />Orgelwerke

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 14.11.05

Klassik Heute
Empfehlung

NCA 60144

1 SACD • 64min • 2004

Obgleich Franz Liszt selbst als fähiger Organist gelten muss, sah sich sein Orgelschaffen über lange Zeit dem Vorwurf unorgelmäßigen Setzens, ja unorgelmäßiger Kompositionsweise überhaupt ausgesetzt, was ihn nicht zuletzt schon selbst nachdenklich gemacht zu haben scheint, da sich seine Orgelwerke zum einen im Bereich von „Transkription und Paraphrase“ ansiedeln lassen, über die es ihm aber nach eigenem Bekunden doch nicht gelang, „den gewöhnlichen Geschmack“ bzw. „das große Publikum“ zu erreichen. Und das war ihm ja sein Lebtag nicht wenig wichtig. Für den Interpreten entfaltet Liszt ein nicht immer leicht zu umfahrendes Dickicht aus interpretatorischen und geschmacklichen Schwierigkeiten, die zu orgelbewegteren Zeiten als den heutigen Liszts Orgelwerke als „décadence-Musik“ – Friedrich Nietzsche sehe mir diese terminologische Anleihe nach – verpönten, ja diffamierten. Dazu trug nicht zuletzt die Medientechnik bei, die den Transport von Liszts großer Fantasie nebst Fuge über Ad nos, ad salutarem undam aus technischen Gründen erst mit dem Aufkommen der CD gestattete. Die Favorisierung „barock inspirierter“ Orgelanlagen ohne technische Spielhilfen forderte den Organisten auch bei kürzeren Werken Liszts körperliche Leistungen ab, die an individuelle Grenzen führten. Seit romantische Instrumente und ihre Technik etwas ideologiefreier gesehen werden, damit im neuzeitlichen Denkmalsbegriff auch das Signum der Erhaltenswürdigkeit bekamen, neue Instrumente – ganz im Sinne der Orgelbewegung – sich auch dieser orgelbaulichen Techniken bedienen „dürfen“, hat sich diese Gesamtsituation ein wenig entspannt. Liszt gehört wieder zum anerkannten Teil des organistischen Repertoires. Nichtsdestoweniger bleibt Liszts von Einfall zu Einfall forthastende Setzweise eine Herausforderung für den um einen geschlossenen musikalischen Wurf bemühten Interpreten, der ja immer auch an den (und im Sinne Liszts partiturenlosen) Hörer gebracht werden muss.

Martin Haselböck, Träger eines besonderen Namens und damit nicht ohne Verpflichtung in der Orgelszene Österreichs, nahm im vergangenen Jahr an Friedrich Ladegasts Orgel von 1873 in St. Jakob, Köthen, eine zweite SACD auf, die drei der großen Werke Liszts (B-A-C-H, Weinen-Klagen, Evocation) zwei kleineren (Orpheus und Les Morts) gegebenüberstellt. Haselböck bewältigt die oben skizzierten Probleme kulturphilosophisch und durch sein geradezu stupendes Organistenhandwerk gleichermaßen perfekt, was nicht zuletzt durch eine in jeder Hinsicht angemessene Aufnahmetechnik des auf die Restaurierung wartenden Instrumentes unterstützt wird. Dies sehe man nicht als Nachteil, denn der etwas morbide Charme der Orgel trägt ja seinerseits die beabsichtigten Wirkungen der gespielten Werke mit. Gemessen an den Verhältnissen in Merseburg stellt sich der Köthener Raum deutlich trockener dar, was die Durchsichtigkeit der Faktur noch einmal erhöht, der sich Haselböcks Artikulation, Phrasierung und Agogik konsequent stellt. Haselböck entwickelt die Werke Liszts an Indikatoren entlang, die er grundsätzlich dem Satz selbst entnimmt, wodurch sich wie von selbst ein stringenter, immer überzeugender Fluss durch das jeweilige Werk hindurch ergibt. Selbst flache Einfälle Liszts vermag Haselböck so überzeugend zu adeln. Selbst der Orpheus – für mich immer ein Musterbeispiel prominent schmalziger Orgelliteratur – ändert mit Hilfe Haselböcks sein Aussehen zugunsten eines wahrhaft romantischen, ernst zu nehmenden Anliegens: Nichts zu erklären, sondern allein Eindrücke zu vermitteln, zu malen. In der Oraison: Les Morts gewinnt Haselböck sogar der Windstößigkeit eines romantischen Instrumentes kompositions- und interpretationsstützende Qualitäten ab, womit selbst diese „Spitalmusik“ – der Ausdruck stammt von Liszt selbst, der dies Stück allerdings auch auf seiner Beerdigung gespielt wissen wollte – mitreißende, ja spannende Qualitäten erhält.

In faszinierender Weise identifiziert sich Haselböck so mit Werken Liszts, der Orgel Ladegasts und einem auf seine Weise hilfreichen Raum. Eine adäquate Technik fasst dies im Dienst der Sache zusammen, ohne auf sich spektakulär aufmerksam zu machen. Mehr kann ich von Liszt auf einem Tonträger eigentlich nicht erwarten, wozu dann aber doch einiges zusammenkommen muss und hier überzeugend zusammenkommt.... Nachdem auch der Textteil bedenkenswerte Schlaglichter auf den eigenartigen Orgel-Komponisten Liszt und seine Befindlichkeiten wirft, muss an dieser Produktion wohl die zeitgenössische, tonträgergebundene Interpretation Lisztscher Orgelwerke gemessen werden. Anhören, gerade wenn einem Liszt „nicht so“ behagt.

Thomas Melidor [14.11.2005]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Liszt Präludium und Fuge über B-A-C-H
2 Orpheus S 98 (Sinfonische Dichtung)
3 Les morts - Oraison
4 Variationen über Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen S 179
5 Evocation à la Chapelle Sixtine

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Martin Haselböck Orgel
 
60144;4019272601446

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