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CD-Besprechung

OehmsClassics 356

1 CD • 61min • 2004

20.12.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Daß Barockmusik trotz Ihres historischen Reichtums und ihrer offensichtlichen Popularität hinsichtlich der Verkaufszahlen auf nur wenige bekannte Namen wie Bach, Händel und Vivaldi konzentriert ist, ist eines der paradoxen Phänomene unserer marketingorientierten Lebensumgebung. Daß es neben diesen Herren noch weitere Perlen zu entdecken gibt, muß nicht extra aufgezeigt werden, die Alte-Musik- bzw. Barockszene hat sich in den letzten Jahrzehnten so komplett erneuert, so daß man vom vielleicht wesentlichsten Aspekt in der Interpretationsgeschichte des 20. Jahrhunderts sprechen kann. An der Breitenwirkung barocker Musik hat sich freilich kaum etwas geändert, Vivaldis Vier Jahreszeiten oder Bachs Brandenburgische Konzerte oder Händels Messias sind nach wie vor unangefochten die Topseller und haben es sogar in diverse Telefonwarteschleifen oder Wartezimmer geschafft.

Daran wird wohl auch die vorliegende CD des im Jahre 2000 gegründeten Duos Lyriarte nicht viel ändern können. Die Voraussetzungen dazu hätte sie aber, denn nicht nur, daß die vorgestellten Werke allesamt das Zeug zum populären Ohrwurm haben, sie werden vom Ensemble Lyriarte auch mit einer solchen Lebendigkeit und Detailliebe interpretiert, daß die Musik wie ein barocker Springbrunnen aus den Lautsprechern quillt.

Sowohl Francesco Saverio Geminiani (1687-1762) als auch Francesco Maria Veracini (1690-1768) gehören dem italienischen Barock in der Nachfolge Corellis an und haben zur Zeit J.S. Bachs gelebt. Sie waren beide Violinvirtuosen und Meister der Sonate mit Generalbass.

Die Musik konzentriert sich ganz auf die Violine, das Cembalo hat nur begleitende Funktion. Das ausgesprochen klare und räumliche Klangbild postiert die Violine präzise in den Mittelpunkt des virtuellen Hörraums, dahinter befindet sich diskret, aber sehr transparent das Cembalo. Wie fest die aus Moskau stammende Cembalistin Olga Watts dennoch die Zügel in der Hand hält, wird erst klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß sich Rüdiger Lotters Violine frei wie ein Vogel – oder ein Barockengerl – über dem harmonischen Gerüst bewegen kann. Die tänzerisch-rhythmischen Nuancen und die harmonischen Fortschreitungen ähneln Barockgärten mit ihren verschlungen künstlichen und dennoch organisch wirkenden Mäandern.

Während Geminianis Sonaten zumeist der Tradition der viersätzigen Kirchensonate mit ihrer Satzfolge langsam-schnell-langsam-schnell folgen, sind Veracinis Sonaten formal freier gestaltet. Beiden ist ein sehr körperlich empfundenes Gespür für den Klang der Violine eigen, eine Gabe, die Lotter in sehr plastischer Weise in die Gegenwart übersetzt. Sein vibratofreies und somit gefährlich direktes Spiel in alter Stimmung agiert so geschickt mit den dynamischen und agogischen Nuancen, daß der Terminus Klangrede hier neu erfunden werden müsste, gäbe es ihn nicht schon. Beispielhaft sollen aus den insgesamt 25 Sätzen dieser CD der Mittelsatz aus Geminianis op. 4 Nr. 10, das zweite Andante aus op. 4 Nr. 9 sowie das erste Allegro aus op. 1 Nr. 7 und das Grave aus Veracinis op. 1 Nr. 8 besprochen werden: Im Allegro der A-Dur-Sonate gleicht die Musik einem schnell fließenden Bach, in dem die sehr markant gesetzten Violineinsätze glitzern wie im Wasser funkelndes Sonnenlicht. Der kurze Satz besitzt eine wunderbare Lebendigkeit und Heiterkeit. Das Andante der c-Moll-Sonate ist ein Lied ohne Worte. Lotter ist hier ganz bei seinem Instrument, in selbstvergessenes Lauschen der Schönheit der orpheusgleichen Stimme vertieft.

In Veracinis Allegro der A-Dur Sonate zeigt sich die Virtuosität Lotters von ihrer blendenden Seite. Daß er diesem rasanten Satz dennoch Töne der Nachdenklichkeit und der Stille zu entlocken weiß, gehört zu jenem Momenten, welche diese Aufnahme insgesamt so wertvoll macht und sie von einem bloßen Kompendium barocker Virtuosenkunst abhebt Das Grave aus der B-Dur Sonate ist eine kleine Opernszene, voller Schmerz, unerfüllter Sehnsucht und leidender Schönheit. Die Violine wird zur Stimme, getragen von einem Cembalo, welches die Melodie nicht nur begleitet, sondern auch gleichsam tröstet.

Vielleicht soll man diese CD nicht zu sehr preisen, denn wie schnell Barockmusik in das Reich des Kitsches transportiert werden kann, ist häufig zu beobachten. Die hier präsentierten Werke könnten populär werden, vielleicht hat man aber gerade deswegen ein nüchternes, ja karges Cover gewählt. Lotter und Watts sind, beide ganz in Schwarz, vor dem Hintergrund eines Metallgitters zu sehen, ohne Blümchen, Rüschen, Stuck. Es ist, als müßten die Perlen, die hinter dieser Optik auf die Hörer warten, vor allzu mühelosem Zugriff geschützt werden.

Robert Spoula [20.12.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Francesco Geminiani
1Sonate D-Dur op. 4 Nr. 1
2Sonate c-Moll op. 4 Nr. 9
Francesco Maria Veracini
3Sonate A-Dur op. 1 Nr. 7 für Violine und B.c.
4Sonate B-Dur op. 1 Nr. 8
Francesco Geminiani
5Sonate d-Moll op. 4 Nr. 8
6Sonate A-Dur op. 4 Nr. 10

Interpreten der Einspielung

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