Anzeige

Teilen auf Facebook RSS-Feed Klassik Heute
Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

CD-Besprechung

Sony Classical SK87316

1 CD • 59min • 2002

09.10.2003

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 4
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 1

Torso ist ein Auftragswerk der Bregenzer Festspiele, im Jahr 2000 von Georg Friedrich Haas komponiert. Es handelt sich dabei um ein quasi „intertextuelles“ Stück, das die unvollendete 14. Klaviersonate C-Dur D 840 von Schubert zur Grundlage hat. Haas interpretiert und verfremdet hier mit den Ausdrucksmitteln des großen, modernen Orchesters ein Fragment, um, wie er ausführt, „das Wahrnehmen der Grenzen des Möglichen anderen Menschen als sinnlich-expressives Erleben zu vermitteln“. Auf mich wirkt das kompositorische Ergebnis allerdings ausgesprochen beliebig. Das mag auch mit der Faktur der sogenannten Reliquiensonate zu tun haben, deren erste Sätze ja vollständig erhalten sind – im Prinzip übrigens auch der dritte: Schubert hat im Manuskript lediglich eine Wiederholung im zweiten Teil vor dem Trio nicht ausnotiert, stattdessen „etcetc“ und dann das Trio hingeschrieben. Das Finale bricht allerdings gegen Ende der Durchführung ab.

Haas hat Schuberts erhaltenes Material für heutiges Orchester transkribiert und zur Verdeutlichung der Fragmenthaftigkeit in den Lücken des dritten und vierten Satzes einige wenige Klänge hinzu erfunden – beispielsweise ein Zitat aus Mussorgskys Bilder einer Ausstellung, ironischerweise daraus den Abschnitt Mit den Toten in der Sprache der Toten. Im Grunde genommen handelt es sich also nicht um einen kompositorischen Diskurs mit dem Material, wie ihn beispielsweise Luciano Berio in vielen seiner Arbeiten ausgeführt hat (als naheliegendes Beispiel wäre hier Rendering über Schuberts letzten Entwurf einer D-Dur-Sinfonie von 1828 zu nennen), sondern „nur“ um eine Bearbeitung; Haas gibt übrigens im Booklet auch selbst zu, daß ihm für den Torso „das unerreichbare Ideal Mussorgsky/Ravel vorschwebte“. Sein Ergebnis ist letzlich Geschmackssache. Ich persönlich stimme dem Schubert-Kenner und -Könner Paul Badura-Skoda inhaltlich zu, der über das Fragment schrieb: „Diese Sonate (...) scheint geradezu nach dem Orchester (...) zu ,schreien‘, ist aber doch so eminent pianistisch, daß sie besser unbearbeitet bleiben sollte. (...) Das erträumte Paradies kann durch keine noch so schöne, greifbare Wirklichkeit ersetzt werden.“ Unterm Strich wird beim Hörer Schuberts Grenzgang in der Sonate bei dieser Bearbeitung meines Erachtens eben nicht sinnlich erlebbarer; es bleibt der Eindruck einer fantasievollen Instrumentierung eines romantischen Klavierwerks mit verfremdenden Elementen, die überdies in ihrer nachkompositorischen Substanz ausgesprochen dürftig ist. Dagegen sei hier allen Pianisten und Schubert-Freunden noch einmal nachdrücklich die von Paul Badura-Skoda schon 1967 vorgelegte, leider immer noch kaum bekannte, kongeniale Vervollständigung der Sonate in Erinnerung gerufen, die der Pianist 1994 auch hinreißend-verrückt eingespielt hat (Gesamtaufnahme aller 20 Sonaten auf historischen Instrumenten: Arcana A 909, mit ausführlichem Booklet von Badura-Skoda).

Neugierig macht die CD auch durch die torsohafte Einspielung des Finalefragments zu Bruckners Neunter. Leider beutet jedoch Dirigent und Initiator Peter Hirsch die wissenschaftliche Dokumentationspartitur, die John Phillips 1999 im Musikwissenschaftlichen Verlag Wien vorlegte, in der Art einer Improvisationshalde für sich aus. Hirsch hat etliche Takte weggelassen (vgl. Takte 89-90, 101-110, 239-254, 271-278, 343-349, 462-478, 527-578 der Partitur), insgesamt also auf 138 der hier mitgeteilten 578 Takte ganz verzichtet, die immerhin Phillips als wohl bester Kenner der Quellen für hinreichend gesichert hält. Außerdem hat er die 38 Takte zwischen Takt 227 und 254 durch eine Eigenbearbeitung von nur 12 Takten ersetzt. (Eine ausführliche Beschreibung dieser Abweichungen habe ich im Mitteilungsblatt ,Studien und Berichte‘ Nr. 60 der Internationalen Bruckner-Gesellschaft, Juni 2003, vorgelegt; Kontakt: Dr. Andrea Harrandt, ABIL, Postgasse 7-9/2/1. Stock, A-1010 Wien).

Neben zahlreichen Eigenmächtigkeiten und dem Verzicht auf erhebliche Mengen autographen Originalmaterials ist besonders fragwürdig, daß Hirsch die ausschließlich zur Dokumentation gedachte Partitur ohne die von Phillips ausdrücklich als obligat betrachteten verbalen Erläuterungen eingespielt hat. Der unbefangene Hörer muß nun zwangsläufig glauben, diese Bearbeitung von Hirsch sei ,das Finale der Neunten‘. Anknüpfend an die Torso-Faszination des 18. Jahrhunderts entsteht überdies die konkrete Gefahr eines neuen Mythos: Nur die Verselbständigung des Finale-Torsos in verklärter Gestalt würde sicherstellen, daß die Neunte in der liebgewordenen, dreisätzigen Form weiterleben darf... Es spricht ebenfalls nicht für den Dirigenten, daß er im Finale-Fragment offenkundige Druckfehler im Material nicht gehört und korrigiert hat (z.B. Tr. 5, 5’39, wo die Posaunen ein falsches ,d‘ in einen E-Sextakkord hineinhalten, während die Wiederholung, 6’23, ohne Fehler im Material, auch korrekt erklingt).

Zahlreiche Kühnheiten des Originals arbeitet Hirsch gar nicht erst aus der Musik heraus; im Gegenteil: er hat in seinen bearbeitenden Eingriffen sogar eigene Dissonanzen Bruckners abgeschwächt, ähnlich wie Ferdinand Löwe 1903 in seinem bearbeitenden Erstdruck der Neunten. Im Ergebnis ist die Produktion unter Peter Hirsch eine der krassesten Respektlosigkeiten, die Bruckners Finalsatz bisher auszuhalten hatte. Die psychologisierend-selbstverliebten Booklettexte machen mein Ärgernis über derlei Elfenbeintürmereien komplett; insbesondere der Text von Hirsch liefert dem Leser ein unzureichendes und verstellendes Bild vom Finale-Fragment und dessen Problematik. Vom Klang und Orchesterspiel her bietet die Einspielung solide Rundfunkproduktions-Qualität,wirkt jedoch reichlich lustlos und pauschal. Wer sich mit dem Finale näher befassen möchte, sei umso dringender verwiesen auf die vorzügliche Neueinspielung der Neunten und der 'Dokumentation des Finale-Fragments' mit den Wiener Philharmonikern unter Nikolaus Harnoncourt, die soeben auf CD erschienen ist (RCA-BMG 82876 54332 2).

Benjamin-G. Cohrs

4, 7, 0

[NOTABENE: MIT DER HARNONCOURT-REZENSION VERLINKEN?

UND BITTE UNBEDINGT IM HEADER DIE INFO

"BRUCKNER/HIRSCH" SO LASSEN! DANKE!]

Dr. Benjamin G. Cohrs [09.10.2003]

Anzeige

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Schubert
1Nach der unvollendeten Klaviersonate C-Dur D 840 für großes Orchester (1999/2000)
Anton Bruckner
2Unvollendetes Finale der Sinfonie Nr. 9 (Dokumentation des Fragments; vorgelegt von John A. Phillips; Revision: Peter Hirsch)

Interpreten der Einspielung

Vorherige ⬌ nächste Rezension

09.10.2003
»zur Besprechung«

 / Naxos
" / Naxos"

08.10.2003
»zur Besprechung«

Mauricio Kagel - Piano Works / cpo
"Mauricio Kagel - Piano Works / cpo"

Das könnte Sie auch interessieren

04.10.2016
»zur Besprechung«

Emil Nikolaus von Resnicek, Konzertstück für violine & Orchester • Goldpirol • Till Eulenspiegel / cpo
"Emil Nikolaus von Resnicek, Konzertstück für violine & Orchester • Goldpirol • Till Eulenspiegel / cpo"

17.05.2016
»zur Besprechung«

Tchaikovsky & Grieg, Piano Concertos / Pentatone classics
"Tchaikovsky & Grieg, Piano Concertos / Pentatone classics"

03.06.2013
»zur Besprechung«

 / cpo
" / cpo"

24.08.2011
»zur Besprechung«

Around the World / BIS
"Around the World / BIS"

Anzeige

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Anzeige