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Besprechung CD

Nanette Streicher • Johann Andreas Streicher

Works for Pianoforte
Tobias Koch Pianoforte

cpo 555 483-2

1 CD • 79min • 2021

11.09.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Dreißig Jahre der Geschichte des Hammerklaviers werden auf dieser CD gegenwärtig: Von Johann Andreas Steins Hammerflügel aus dem Jahr 1784 bis zu jenem Fortepiano, das seine Tochter Anna Maria, genannt „Nanette“, 1814 in ihrer Wiener Werkstatt baute, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Johann Andreas Streicher und ihrem Bruder Matthäus Andreas Stein betrieb. Der zeitliche Rahmen zwischen den beiden Instrumenten spiegelt gut die ästhetischen Unterschiede wieder, welche die Entwicklung vom Instrument der Mozart-Zeit zum Fortepiano der frühen Romantik ausmachen; denn hier geht es nicht primär um eine Geschichte des technischem Fortschritts im Klavierbau – beide Instrumente bezeugen die meisterliche Handwerkskunst ihrer Erbauer: Vielmehr zeigt Klangunterschied zwischen ihnen deutlich die Entwicklung vom klassischen Klavierklang der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts zum romantischen Klangideal des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Eine selbstbewusste Tochter

Nannette Streicher bezeichnete sich selbst als „Nannette Streicher, née Stein“ und verwies damit stolz auf ihre Herkunft als Tochter des Augsburger Klavierbauers Johann Andreas Stein (1728-1792). Stein gehörte zu den Pionieren des Fortepiano, der von dem auch in jungen Jahren stets kritischen W. A. Mozart 1777 in einem Brief an seinen Vater gelobt wurde: „Ehe ich noch vom Stein seiner Arbeit etwas gesehen habe, waren mir die Spättischen Claviere die liebsten (Mozart meinte die Tangentenklaviere des Regensburgers Franz Jakob Späth). Nun muß ich aber den Steinischen den Vorzug lassen …“

Ein vielversprechender Ehemann

1794 verheirate Nannette Stein sich mit Johann Andreas Streicher (1761-1833), der schon ein abenteuerliches Leben hinter sich hatte: Als Schulkamerad und Jugenfreund Friedrich Schillers hatte er dessen Opposition gegen den tyrannischen württembergischen Landesherrn geteilt und war gemeinsam mit Schiller von Stuttgart nach Mannheim geflohen. Später trennten sich die Wege der Freunde; Streicher lebte in Stuttgart und seit 1786 in München als Konzertsolist und Klavierlehrer.

Umzug in die große Welt

Nachdem Nannette bereits nach dem Tod ihres Vaters 1792 die väterliche Werkstatt übernommen hatte, verlegte das Ehepaar Streicher noch im Jahr seiner Hochzeit die Werkstatt von der alten Handelsstadt Augsburg in die Metropole Wien. Hier entstanden in den folgenden Jahren unter dem Firmennamen „Nannette Streicher née Stein“ ausgezeichnete Instrumente, wie das hier erklingende Hammerklavier von Nannette aus dem Jahr 1814 eindrucksvoll beweist. Überdies erklingt ein Instrument aus der Werkstatt ihres Vaters von 1784: Beide Fortpiani gehören zum Bestand des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart, sie erklingen gemeinsam in ursprünglich für Klavier vierhändig komponierten Variationen von Johann Andreas Streicher und bilden bei ihrem immerhin respektablen Altersunterschied von 30 Jahren in ihrer jeweils eigenen Klanglichkeit ein perfektes Paar.

Porträt der Klavierbauer als Komponisten

Ein unleugbarer Vorteil dieser CD besteht darin, dass sie fast ausschließlich Kompositionen der Eheleute Streicher vereint. Somit erklingen ausschließlich Werke, die den Instrumenten gewissermaßen „auf die Tasten“ geschrieben sind; einzig am Schluss erkling ein Lied des eher als Dichter denn als Komponist bekannten Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791): Hier ebenso wie in Nannette Streichers Lied Klage über den frühen Tod der Jungfer Ursula Sabina Stage in Augsburg zeichnet sich die Sopranistin Sarah Wegener mit gesanglichen Qualitäten sowie einer hervorragenden Diktion aus.

Musik in einer großen Zeit

Die Qualität der Kompositionen mit denen des Zeitgenossen Beethoven zu vergleichen (mit dem das Ehepaar übrigens ein freundschaftliches Verhältnis verband, und um den es sich in seinen letzten Lebensjahren fürsorglich kümmerte), verbietet sich aus Gründen der Fairness: Wer will die versierten Kompositionen der Streichers an den Werken des Meisters messen, dessen Schaffen für das gesamte nach ihm folgende Jahrhundert Leitlinie blieb – „Ich werde nie eine Symphonie komponieren. Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zumute ist, wenn er immer so einen Riesen (gemeint ist Beethoven) hinter sich marschieren hört“, schrieb Brahms 1870 an einen Freund – 1876 wurde seine erste Sinfonie aus der Taufe gehoben, da war Brahms mit 46 Jahren bereits ein reifer Komponist.

Angesichts dieser gewaltigen Zeitgenossenschaft, die für uns Heutige zusätzlich noch durch das jugendliche Genie Schuberts vermehrt wird, den wir jetzt in seiner Epoche mehr Gewicht zumessen als seine Zeitgenossen es taten, sind die Kompositionen des Ehepaares Streicher mehr Zeugnisse der für den Geschmack einer breiten Zeitgenossenschaft entstandenen Musik als geniale Meisterwerke sub specie aeternitatis. Sie fügt sich indes gut in das Miteinander klassischer und romantischer Prägung ein, das den musikalischen Stil von Komponisten der Beethoven-Zeit kennzeichnet, deren Namen nicht Beethoven oder Schubert sind.

Vorzüglicher Solist

Tobias Koch hat sich bereits verschiedentlich als erstklassischer Solist auf dem Fortpiano erwiesen – er tut es auch hier, indem er die klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten beider Fortepiani in ganzer Breite auslotet. Überdies macht er sich zu einem beredten Anwalt der Kompositionen, denen er ungeteilte interpretatorischen Aufmerksamkeit widmet. Mit der Pianistin Stefania Neonato und der Sopranistin Sarah Wegener hat er sich vorzügliche Mitstreiter für sein Porträt der Klaviermusik des Ehepaares Streicher ausgesucht.

Detmar Huchting [11.09.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Andreas Streicher
1Rondeau au Caprice op. 1 Nr. 1 00:08:49
2La pensée de l'objet chéri 00:07:55
3VII Variations op. 2 (Therese van der Nüll gewidmet) 00:09:45
46 Variationen über die Melodie Blühe, liebes Veilchen (pour le Clavecin a Quadro Mani) 00:08:45
Nannette Streicher
5Klage über den Tod der Jungfer Ursula Sabina Stage in Augsburg (In Musik gesetzt, der sel. Verstorbenen zum Andenken von ihrer gerührten Freundin Nanette Stein) 00:02:34
6Deux Marches für Pianoforte 00:05:06
Andreas Streicher
8Grande Sonate Es-Dur für Pianoforte 00:30:52
Christian Friedrich Daniel Schubart
11Ans Klavier (Lied für Sopran und Pianoforte) 00:04:06

Interpreten der Einspielung

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