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Besprechung CD

Sonatas for Cello and Duplex Piano

OehmsClassics OC497

1 CD • 77min • 2021, 2022

20.07.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Noch vor rund 20 Jahren begegnete man dem Namen des Komponisten Emánuel Moór (1863–1931) vielleicht am ehesten dann, wenn man sich ein wenig eingehender mit Pablo Casals beschäftigte, der Moórs Musik außerordentlich schätzte. Tatsächlich besaß Moór, ein Schüler Volkmanns und Bruckners, noch eine ganze Reihe weiterer prominenter Fürsprecher, doch nach seinem Tod geriet seine Musik schnell in Vergessenheit. Erst in diesem Jahrtausend hat Moórs Schaffen auf Tonträger eine gewisse Präsenz erreicht, vor allem seine Musik für Cello (die wiederum nur einen kleinen Teil seines umfangreichen Œuvres darstellt).

Der Komponist als Erfinder

Moórs kompositorisches Werk endet 1918; der Musik blieb er aber weiterhin erhalten, nunmehr als Erfinder. Sein großes Projekt war die Konstruktion eines zweimanualigen Klaviers, des Duplex-Pianos, und wiederum nimmt man mit Erstaunen zur Kenntnis, dass Moór auch hiermit – nach gewissen Startschwierigkeiten – beachtliche Resonanz fand, u.a. bei Firmen wie Steinway oder Bösendorfer. Erneut setzte jedoch Moórs Tod all dem einen Schlussstrich. Wenn sich rund 90 Jahre später der Cellist David Stromberg und der Pianist Florian Uhlig daran machen, nun also auch den Erfinder Emánuel Moór wieder in Erinnerung zu rufen, dann ist offenbar bereits die Suche nach einem heute noch spielbaren Duplex-Piano alles andere als einfach gewesen. In Hamburg sind die Musiker fündig geworden, und so kann man sich auf dem vorliegenden Album einen Eindruck vom Klang dieses Instruments machen, hier zu hören in drei spätromantischen Cellosonaten von (natürlich) Moór selbst (seine Sonate Nr. 1 c-moll op. 22, 1889), Ernst von Dohnányi und Richard Strauss.

Charakteristika und Gestaltungsmöglichkeiten des Duplex-Pianos

Das zweite Manual des Duplex-Pianos ist eine Oktave höher gestimmt als das erste (das der üblichen Klaviertastatur entspricht), und insbesondere ist es möglich, beide Manuale zu koppeln. Dies erzeugt Klangwirkungen, die an vierhändige Klaviermusik denken lassen; ein Vergleich, der natürlich allein schon deshalb nahe liegt, weil Oktavierungen auch in vierhändigen Stücken ein gängiges Prinzip sind. Bemerkenswert ist dabei, dass das Resultat eben nicht nur ein Mehr an Klangfülle, an Volumen darstellt (das natürlich auch, man höre als Beispiel nur etwa einige der dynamischen Höhepunkte des Kopfsatzes der von juvenilem Elan getragenen Strauss-Sonate oder den festlichen Schluss von Dohnányis prächtiger, dicht gearbeiteter Sonate). Die (vom vorzüglich und sehr differenziert aufspielenden Florian Uhlig gezielt eingesetzten!) Oktavierungen sorgen darüber hinaus auch für eine ganz aparte klangliche Delikatesse, die manchmal fast ätherisch erscheint (gewissermaßen quasi campanelli), so etwa im Scherzo der Dohnányi-Sonate oder im Finale der Strauss-Sonate, oder in zahlreichen espressivo- oder dolce-Passagen, die umso eindringlicher gestaltet werden, so etwa die Aufhellung im Mittelteil des langsamen Satzes der Strauss-Sonate. Gleichzeitig zeugt letzteres Beispiel aber auch davon, dass das Duplex-Register vorzüglich dazu geeignet ist, um melodische Linien hervorzuheben und zu konturieren, den entsprechenden Stimmen ein zusätzliches Maß an Präsenz zu verleihen.

Brahms-Nachfolge mit eigenem Profil

Was die (beiden weniger bekannten der) drei Werke selbst anbelangt, ist Moórs Sonate deutlich in der Brahms-Nachfolge anzusiedeln, ein leidenschaftliches, dunkel glühendes Werk, in allen drei Sätzen bestimmt von markanten, einprägsamen Motiven. Brahms hat viele Komponisten inspiriert, und unter diesen sticht Moór als echter Könner und begabter Melodiker hervor. Auch der nach wie vor unterschätzte Dohnányi ist sicherlich erst mal in der Brahms-Nachfolge anzusiedeln (man vergleiche den Beginn seiner Sonate etwa mit demjenigen von Brahms’ Klavierquartett Nr. 1), und doch weist dieses relativ frühe Werk bereits ganz charakteristische Eigenschaften seiner reifen Tonsprache auf, etwa den exquisiten Sinn für das Groteske im zweiten Satz (wie Dohnányi überhaupt eine ganze Reihe großartige Scherzi komponiert hat). Meisterhaft ist die Souveränität, mit der Dohnányi die Themen und Motive der Sonate miteinander verquickt, ohne dass dies irgendwie gewollt klänge. So geht das volksliedhafte, schlichte Variationsthema des Finales einerseits direkt aus der zunächst unscheinbaren Klavierbegleitung am Anfang des langsamen Satzes hervor, andererseits ist es klar mit dem bereits erwähnten Thema verwandt, mit dem die Sonate beginnt.

Strombergs dunkel grundierter, runder Ton

David Strombergs Spiel zeichnet sich durch seinen sonoren, runden, noblen Ton, sein eher dunkles, gedecktes Timbre aus, das sich gerade z.B. in Moórs Sonate sehr gut macht. Es sind die kantablen, auch die melancholisch getönten, eher zurückgenommenen Passagen, die Stromberg von seiner besten Seite zeigen. Manchmal, so etwa im Kopfsatz der Strauss-Sonate, wäre – gerade angesichts der Klangfülle der lautesten Passagen – im Cello ein etwas akzentuierterer Gegenpart vorteilhaft, aber Strombergs Spiel ist auch hier stets mindestens sehr solide. Man kann den Musikern nur dazu gratulieren, durch ihr Engagement ein gänzlich vergessenes Klangerlebnis wieder hörbar gemacht zu haben, und bereits dafür gebührt dieser CD eine entschiedene Empfehlung.

Holger Sambale [20.07.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Emanuel Moór
1Sonate Nr. 1 op. 22 für Violoncello und Klavier 00:24:42
Ernst von Dohnányi
4Sonate B-Dur op. 8 für Violoncello und Klavier 00:26:48
Richard Strauss
8Sonate F-Dur op. 6 für Violoncello und Klavier 00:25:33

Interpreten der Einspielung

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