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CD-Besprechung

Brahms & Gernsheim

Piano Quartets
Mariani Klavierquartett

Audax Records ADX11202

1 CD • 80min • 2021

11.11.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Das Mariani Klavierquartett setzt seine Reihe mit den Klavierquartetten von Johannes Brahms und dessen Freund und Zeitgenossen Friedrich Gernsheim fort. Kollege Norbert Florian Schuck war bereits von Vol. 1 mit Brahms op. 25 und Gernsheim op. 20 hellauf begeistert. Diese Begeisterung teile ich für Vol. 2 ausdrücklich, das Brahms‘ lichteres und längeres op. 26 mit Gernsheims pastoralem op. 47 kombiniert.

Brahms auf Schuberts Spuren

Brahms‘ Klavierquartett A-Dur op. 26 beweist mit knapp 50 Minuten Spieldauer den Mut zu schubertschen „himmlischen Längen“. In der Tat handelt es sich um seine ausgedehnteste Kammer-Komposition. Nur das Deutsche Requiem und die 1. Sinfonie benötigen mehr Zeit. Franz Schubert stand mit vielerlei Elementen Pate: Da wäre die stimmungsmäßige Verwandtschaft mit der späten A-Dur Sonate D. 959; die Übernahme der geisterhaften Arpeggien aus Die Stadt (Schwanengesang) ins „Poco Adagio“, das auch einen ungarischen Lassan aufweist, dessen Frisk dann im Finale serviert wird. Andererseits reichen geheime Fäden ins Spätwerk. Dasselbe lyrisch-kantable A-Dur findet man im Lied Wie Melodien zieht es mir, op. 105/1 und in der A-Dur-Violinsonate op. 100. Die Ungarismen tauchen im Klarinettenquintett op. 115 wieder auf. Das Scherzo ist ein wirklicher Scherz, da der Hauptsatz aus lauter Zitaten besteht, die äußerst kunstvoll miteinander verwoben wurden. Den Anfang macht das Fugenthema der Ouvertüre zur Partita Nr. 4 von J. S. Bach, der Zwischensatz zitiert Schuberts B-Dur-Klaviertrio, das 2. Thema Schumanns A-Dur Streichquartett.

Meister raffinierter Modulationen

Das Klavierquartett F-Dur op. 47 von Friedrich Gernsheim (1839-1916) bildet hierzu eine ideale Ergänzung. Musikhistoriker rechnen dieses Wunderkind aus alteingesessener Wormser jüdischer Familie, das sein Debüt mit 11 Jahren als Konzertpianist und Geiger gab – wie auch Heinrich v. Herzogenberg – unter die Brahms-Epigonen. Das ist falsch! Beide Komponisten begannen im Geist Schumanns und kamen zu ähnlichen Problemlösungen. Gernsheim, der auch als Chor- und Orchesterdirigent renommiert war, gehörte zu den frühesten Propagandisten des Deutschen Requiems des Älteren, woraus sich eine lebenslange Freundschaft ergab, bei der es nur natürlich war, – da beide auch einige Jahre gleichzeitig in Wien lebten – dass man musikalische und pianistische Problemstellungen miteinander diskutierte. Denn immerhin hatte Gernsheim in Leipzig bei Ignaz Moscheles (Klavier), Ferdinand David (Violine) und Julius Rietz (Komposition?) studiert.

Sein pastoral-heiteres 3. Klavierquartett entstand 1885. Es wirkt beim ersten Hören eher konservativ. Schaut man jedoch in die Partitur, erkennt man im Kopfsatz seinen gekonnt freien Umgang mit der Sonatenform. So erscheint das zweite Thema in der Exposition in der Mediante D-Dur – das kennt man aus Beethovens Waldstein-Sonate –, in der Reprise jedoch in Des-Dur, was durchaus originell ist. Überhaupt ist er ein Meister blitzschneller Modulationen, die aber nicht der dramatischen Steigerung, sondern einer farblich-schillernden Differenzierung dienen. Das Scherzo scheint etwas Nibelheim-Luft geatmet zu haben. Das Andante cantabile singt sich nobel aus. Höchst originell und phantasievoll das Finale als Zyklus von Charaktervariationen über Strukturelemente des Themas.

Referenzeinspielungen

Selten hört man ein Kammermusikensemble mit solch wunderbarer Feinabstimmung. Diese ist gerade beim Brahms schwer herzustellen, da der Klavierpart oft die Dichte des d-Moll-Konzerts erreicht. Wer ihn so transparent und farbig gestalten kann, ohne die Streicher zuzudecken und ohne an gesanglicher Intensität einzubüßen ist ein Meisterpianist, der aktuell gehypten Tastenheroen lächelnd die Stirn bieten kann. Die drei Streicher Philipp Bohnen (Vl.), Barbara Buntrock (Va., deren Erbauer Antonio Mariani als Namenspatron des Quartetts fungiert) und Peter-Philipp Stemmler (Vc.), Cellist des hinreißenden Armida-Quartetts, vermögen sowohl – wenn führend – solistische Akzente zu setzen, verschmelzen dank perfekter Intonation und immer auf ein Ziel ausgerichteter Phrasierung aber auch wunderbar zu einem großen Streichkörper, wenn es Unisono-Passagen erfordern. Zudem ist ihr schlankes Vibrato immer Verzierung und kein Vortäuschen von „Ausdruck“. Absolute Spitzenklasse!

Für das Booklet hat Audax-Produzent Johannes Pramsohler – selbst ein begnadeter Barock-Geiger – das Ensemble interviewt und so kluge Fragen zu Werk und Wiedergabe gestellt, dass das Gespräch nicht in Marketinggeschwätz versandete. Die Aufnahmetechnik ist vorbildlich.

Fazit: Meine Referenz für beide Quartette. Tolles Booklet! Unbedingt empfohlen!

Thomas Baack [11.11.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johannes Brahms
1Klavierquartett Nr. 2 A-Dur op. 26 00:47:36
Friedrich Gernsheim
5Klavierquartett F-Dur op. 47 00:32:01

Interpreten der Einspielung

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