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CD/SACD stereo-Besprechung

French Trumpet Concertos

Håkan Hardenberger

BIS 2523

1 CD/SACD stereo • 70min • 2021

18.09.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit Håkan Hardenberger widmet sich hier einer der nach wie vor führenden Trompetenvirtuosen – mit besonders schönem Ton! – einer Reihe französischer Trompetenkonzerte, die wir für immer mit dem überragenden Wirken von Maurice André in Verbindung bringen werden: der Klassiker von Henri Tomasi (1944) und die beiden ‚Hits‘ von André Jolivet (1948 und 1954), und außerdem als im Mittelsatz ganz wunderbare Entdeckung die vom Komponisten orchestrierte Fassung der Suite op. 133 von Florent Schmitt (1954/55) sowie die erratisch fluktuierenden Onze Lieder von Betsy Jolas (1977). Begleitet wird Hardenberger bei seinem Heimspiel vom Königlichen Philharmonischen Orchester Stockholm unter der Leitung seines ehemaligen Trompeterkollegen Fabien Gabel, was sich als besonders gute Wahl erweist, da eben auch Gabel alle Winkel dieser Partituren, die in den jazzigen schnellen Sätzen oftmals auch rhythmisch sehr vertrackt sind, in- und auswendig kennt. So exquisit das Programm zusammengestellt ist, wird man doch immer auch das eine oder andere Werk vermissen, wie ich etwa das herrliche Konzert von Marcel Landowski, doch das ist eine subjektive Sache, und die Maximaldauer einer CD setzt die Grenze.

Tomasi erstmals mit Schluss in der Urfassung

Die Reihenfolge der Werkle ist insofern gut gewählt, als sie – bis auf die zwischen Schmitt und Jolivets 2. Konzert dazwischengeschobene Betsy Jolas – in chronologischer Folge aufgebaut ist und die beiden ‚heißen‘ Jolivet-Werke zueinander auf Distanz hält. Und nach Jolivets 2. Konzert kann eigentlich kein Konzert noch ‚eins draufsetzen‘… Henri Tomasis Konzert gehört in seiner brillanten Eigenwilligkeit zu den Lieblingen der Trompeter, völlig zu Recht, und es sei ergänzt, dass er für fast alle Instrumente des Orchesters Solokonzerte geschrieben hat, die mit wenigen Ausnahmen stark unterrepräsentiert sind und die Entdeckung wirklich lohnen. Vor allem die Streicher-Solokonzerte des aparten Korsen (1901-71) sind fast nie zu hören (eine Ausnahme macht soeben die Naxos-Neuaufnahme des Violinkonzerts mit der vorzüglichen Stéphanie Moraly). Besonders fein ist hier das zentrale Andantino-Nocturne mit dem atmosphärischen Ein- und Ausgangs-Dialog von Harfe und Trompete. In den Ecksätzen wäre vorzuziehen, wenn Hardenberger sich genauer (also auch selbstloser) an die agogischen Vorschriften (oder auch das Nichtvorhandensein solcher) des Komponisten hielte, und oft brechen seine Dehnungen und recht plötzlichen Aufbrüche mit dem Fluss – was Gabel, gewiss auch aufgrund seiner körperlichen, atmenden Verbindung zu dieser Musik, mit dem Orchester stets sehr gut aufzufangen versteht. (Dieser Einwand gilt nicht nur bei Tomasi!) Ein besonderer Clou dieser Aufnahme ist, dass uns hier erstmals im Finale der Schluss in der deutlich längeren Urfassung präsentiert wird. Wieder einmal versteht BIS es, uns mit so einer Besonderheit zu überraschen, und dies allein dürfte zumindest für alle Trompeter ein guter Grund sein, die Aufnahme anzuhören. Allerdings muss ich gestehen, dass mir der lakonischere Schluss in der endgültigen Fassung als weit zwingendere Lösung erscheint.

Herrlicher Schmitt, lebendiger Jolivet

Eine ganz herrliche Entdeckung ist die Suite op. 133 von Florent Schmitt (1870-1958) in der orchestrierten Fassung (1954 für Trompete und Klavier, 1955 mit Orchester). Hier bestechen die temperamentvoll kapriziösen Ecksätze mit einer eigentümlichen Mischung aus Jazz-Anleihen und einer noblen Form von heroischer Nostalgie. Höhepunkt des knappen Werkes ist ohne jeden Zweifel der langsame Satz, in welchem Schmitt – Frankreichs bedeutendster Komponist seiner Generation neben Debussy, Dukas, Roussel und Ravel – den ganzen dunklen Glanz seiner mäandernden Melodik, mit zurückhaltenden Mitteln frappierend prachtvollen Instrumentation und geheimnisumwitterten Harmonik entfaltet. Das alleine schon lohnt die Anschaffung der CD.

Die beiden Jolivet-Konzerte, von welchen das zweite zu den wildesten Beiträgen überhaupt zum Genre zählt, erweisen sich wieder einmal als zeitlos charakteristische Virtuosenwerke, die das zur Schau stellen schwindelerregender Technik und brillanter Höhe mit Können und Substanz im Tonsatz glücklich vereinen. Ich werde nicht müde, diese Konzerte zu hören, und empfinde sie längst als Klassiker. Und die eigentümliche Harmonik und synkopierend schwungvoll treibende Rhythmik à la Jazz sorgen dafür, dass es durchgehend interessant und anspruchsvoll bleibt und nicht im entferntesten in eine Poulenc-affine Frivolität umkippt.

Kantable Klangalchimie

Bleiben die etwas kryptisch zusammenhängenden Onze Lieder von Betsy Jolas, einer großen und drastisch unterschätzten Meisterin unaufdringlich avantgardistischen Schaffens aus dem langlebigen Jahrgang 1926, dem auch György Kurtág, Friedrich Cerha und Jón Nordal angehören. Dies ist eine labyrinthische Musik, sich aus kleineren Abschnitten zusammensetzend, welche sich in ihrer kantablen Klangalchimie kontrastierend ergänzen, und als erweiterte Kammermusik mit sicherer Hand für Solist und Ensemble gezimmert. Aufzuführen ist auch dies überaus anspruchsvoll.

Das Klangbild ist wieder einmal herausragend (wie es sich für BIS gehört), zum Greifen präsent und zugleich räumlich ausgezeichnet durchhörbar, und ein gut informierender Booklettext von Jean-Pascal Vachon tut das Übrige, um dieses Album zu einer runden Sache zu machen.

Christoph Schlüren [18.09.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Henri Tomasi
1Konzert für Trompete und Orchester 00:17:45
André Jolivet
4Concertino für Trompete ad libitum, Klavier und Streichorchester 00:10:30
Florent Schmitt
7Suite op. 133 für Trompete und Klavier 00:11:46
Betsy Jolas
10Onze Lieder 00:15:24
André Jolivet
16Konzert für Trompete und Orchester 00:13:20

Interpreten der Einspielung

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