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CD-Besprechung

English Song

Never Such Innocence

Ars Produktion 38 610

1 CD • 61min • 2021

06.08.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Der Titel dieses Albums („Never such innocence“) stammt nicht aus einer der Dichtungen, deren Vertonungen darin zu hören sind, sondern aus dem Gedicht MCMXIV (1914), das der englische Lyriker Philip Larkin 50 Jahre nach dem 1. Weltkrieg schrieb. Die zehn Jahre davor, die Endphase des Fin de siècle, werden in diesem Recital aus englischer Sicht musikalisch aufgearbeitet.

Ralph Vaughan Williams (1872-1958), der schon am Anfang seiner Laufbahn viele Lieder komponierte, griff in dem Zyklus The House of Life (1904) auf sechs Sonette des Malers und Dichters Dante Gabriel Rossetti (1828-82) zurück, dem international anerkannten Haupt der „Präraffaeliten“. Schon Claude Debussy hatte in jungen Jahren einen Text von ihm vertont (La Damoiselle élue). Vaughan Williams zeigt eine besondere Affinität zu diesen Liebesgedichten, deren elaborierte Bildsprache ihn inspirierte, musikalische Entsprechungen zu suchen, was sich vor allem in den oft ornamentalen Klavierparts zeigt. Er wollte damit wohl auch aus der sehr deutsch geprägten, auch von seinem Lehrer Charles Villiers Stanford vertretenen englischen Kompositionsszene ausbrechen und seinen eigenen Stil in der Annäherung an französische Traditionen finden. Sein kurzzeitiger Unterricht bei dem drei Jahre jüngeren Maurice Ravel erfolgte allerdings erst einige Jahre später.

Todesahnungen

George Butterworth (1885-1916), mit Vaughan Williams befreundet, galt als einer der hoffnungsvollsten Komponisten Englands, als er im 1. Weltkrieg erst 31jährig an der Westfront fiel. Er hatte seine akademischen Studien am Royal College of Music durch eigene Forschungen zur englischen Volksmusik ergänzt, die zu der wichtigsten Inspirationsquelle seiner Werke wurde. Besonders seine ersten Orchesterstücke greifen auf gesammeltes Volkslied-Material zurück. Seinen Ruhm begründete der Zyklus Six Songs of a Shropshire Lad (1911) nach Alfred Edward Housmans Gedichtsammlung, die sich damals in England großer Beliebtheit erfreute und mehr als 30 Komponisten zur Vertonung angeregt haben soll. Die Todesahnungen eines jungen Mannes bekamen für den Komponisten selbst eine fast prophetische Bedeutung. Die stärkste Wirkung, textlich und musikalisch, tut das letzte Lied (Is my team ploughing?), in dem sich das lyrische Ich aus dem Grab heraus Gedanken macht, was wohl seine Liebste und sein bester Freund nach seinem Tode tun werden. Sie könnten ihn beruhigen: sie sind miteinander glücklich geworden.

Von Shakespeare inspiriert

Tragisch war auch das Schicksal des mir bis dato nicht bekannten Dichters und Komponisten Ivor Bertie Gurney (1890-1937), der schon seit seiner Jugend unter bipolaren Störungen litt und die letzten 15 Jahre seines Lebens in der Psychiatrie verbrachte. Er hat in dieser Zeit auch zwei Dramen in Shakespeares Manier geschrieben und hielt sich dabei selbst für den großen englischen Dichter. Die Vorliebe für das Elisabethanische Zeitalter kultivierte er schon früher in den Five Elizabethan Songs (1913), von denen zwei auf Texte Shakespeares zurückgehen. Im musikalischen Stil stützt sich Gurney dabei auch auf ältere Quellen wie Quilter und Arne. Schlechthin bezaubernd ist das letzte Lied Spring, in dem das Klavier Kuckucksrufe und andere Naturlaute imitiert.

Der Bariton Benjamin Hewat-Craw und der Pianist Yuhao Guo, schon vorher als Duo hervorgetreten, sind hervorragende Cicerones auf der Reise in die für deutsche Hörer überwiegend kaum bekannten Musiklandschaften. Der Sänger hat dabei eine auffallend helle, tenorale Stimme einzusetzen, die in der Tiefe etwas verblasst, aber er zeigt sich als ausgebuffter Interpret, der die textlichen wie musikalischen Zwischentöne erfasst, und der Pianist gestaltet seine durchweg sehr dankbaren Parts mit Phantasie und poetischem Fingerspitzengefühl.

Ekkehard Pluta [06.08.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ralph Vaughan Williams
1Love-Sight (aus The House of Life) 00:05:43
2Silent Noon 00:04:34
3Love's Minstrels 00:05:50
4Heart's Haven 00:03:58
5Death in Love 00:05:07
6Love's Last Gift 00:05:04
George Butterworth
7Loveliest of trees (1911) 00:03:00
8When I was one-and-twenty (aus A Shropshire Lad) 00:01:49
9Look not in my eyes 00:02:16
10Think no more, lad 00:01:27
11The lads in their hundreds 00:02:28
12Is my team ploughing 00:03:53
Ivor Gurney
13Orpheus 00:02:32
14Tears 00:04:19
15Under the greenwood tree 00:01:47
16Sleep 00:04:02
17Spring 00:03:00

Interpreten der Einspielung

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