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CD-Besprechung

Žibuoklė Martinaitytė

Ex Tenebris Lux

Ondine ODE 1403-2

1 CD • 75min • 2021

31.07.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Nachdem die litauische Komponistin Žibuoklė Martinaitytė, Jahrgang 1973, bis vor wenigen Jahren in erster Linie denjenigen ein Begriff war, die sich eben speziell für die Musik des Baltikums interessieren, hat ihr Schaffen in jüngster Zeit auch international zunehmend Beachtung erfahren. So ist die vorliegende Neuerscheinung bereits die zweite Veröffentlichung des Labels Ondine binnen eines guten Jahres, die ganz ihrer Musik gewidmet ist. Enthalten sind diesmal drei Werke für Streichorchester (zwei davon mit Soloparts) aus den Jahren 2019 bis 2021, also gewissermaßen fast direkt vom Schreibtisch kommend eingespielt.

Diatonische Skalen als Fundament

Martinaitytė, die mittlerweile in New York lebt, ist stilistisch deutlich als baltische Komponistin erkennbar, etwa in der Tradition Pärts, Vasks’ oder ihrer Lehrer Kutavičius und Juzeliūnas (jedenfalls dessen Spätwerk). Ihr Ansatz lässt sich exemplarisch anhand des längsten hier vertretenen Werks, Sielunmaisema (finnisch für Seelenlandschaften – dahinter verbirgt sich ein viersätziger Jahreszeiten-Zyklus) für Cello und Streichorchester, erläutern. Martinaitytė schreibt im Wesentlichen diatonisch, meist sogar hauptsächlich auf Basis der weißen Tasten der Klaviatur. Oft sind ihre Stücke auf einem zentralen Akkord aufgebaut, der gleichzeitig als Skala für die Motivik dient (wobei die Musik faktisch im Wesentlichen amelodisch ist). Im Frühling ist dies z.B. der Dominantseptakkord auf D, im Herbst der Akkord a-c-d-e. Der Winter ist besonders karg gehalten und basiert im Wesentlichen auf einem Orgelpunkt auf E und dem Seufzermotiv c-h, während der Sommer von einem C-Dur-Akkord und der Skala g-h-c-d-e (hier also sind Fundamentalakkord und Skala getrennt) beherrscht wird.

Orgelpunkte, ruhige Wanderbewegungen und erweiterte Spieltechniken

Dieses Material bildet in der Regel die Basis für lange Abschnitte (fünf Minuten und mehr) bzw. sogar das gesamte Stück. Die Bässe werden dabei zumeist von lang gehaltenen Orgelpunkten bestimmt, während in anderen Stimmen ruhige Wanderbewegungen einsetzen, die auf der gewählten Skala beruhen, sie umspielen und verfremden. Dabei erzeugt Martinaitytė durch die Verwendung von Pizzicati, Glissandi, Bartók-Pizzicati, Flageolets, Col-legno- und Sul-ponticello-Spiel sowie allerhand erweiterter Spieltechniken ein breites Farbspektrum, das durchaus illustrativ eingesetzt wird, doch bei alledem bleibt das Fundament meistens unverändert bestehen. Die Tempi sind fast immer sehr langsam, und wenngleich die langen Notenwerte im Verlauf gerne auch in kleinere Einheiten unterteilt werden bis hin zum Tremolo, spielt die rhythmische Komponente eigentlich keine besonders prominente Rolle. Eine zwar nicht statische, aber sich in Zeitlupe bewegende Musik also; etwas stärker auf Entwicklung ausgelegt ist insbesondere der Frühling, bei dem am Ende zum Grundakkord ein es hinzugefügt wird, erregte Tremoli suggerieren dabei womöglich eine Art kleines Gewitter. Der Part des Cellos ist nicht im eigentlichen Sinne solistisch und auch nicht sonderlich virtuos angelegt, es ist eher eine Stimme, die immer wieder aus dem Ensemble hervortritt.

Die beiden anderen Werke, Nunc fluens. Nunc stans. für Schlagzeug und Streichorchester sowie Ex Tenebris Lux für Streichorchester bestätigen diese Tendenzen im Wesentlichen, sogar so weit, dass man einigen der oben genannten Reihen bzw. „Fundamentalakkorden“ dort wiederbegegnet. Musik, die meditativ-konzentrierte Stimmungen heraufbeschwört und dabei einen Sog erzeugen will; sicherlich gekonnt gemacht, speziell im einfallsreichen Ausschmücken des Grundmaterials. Nichtsdestotrotz kann ich eine leichte Skepsis am Ende nicht ganz verhehlen: abgesehen davon, dass die Fundamente dieser Musik bewusst simpel bis hin zum Klischee gehalten sind (Dualität Dur-Moll für warme bzw. kalte Jahreszeiten, ganz ähnliche Prinzipien auch in Ex Tenebris Lux, Seufzermotivik, der Septakkord im Frühling kann als Ausdruck von Erwartung gedeutet werden usw.), ist die Machart dieser Musik über die gesamte CD hinweg betrachtet doch ziemlich homogen. Natürlich können all diese sich ähnelnden Grundbausteine als Merkmale eines eigenen Stils betrachtet werden, aber die Vielfalt an musikalischen Situationen bleibt dabei ein wenig auf der Strecke.

Exzellente Interpretationen

Das Litauische Kammerorchester unter der Leitung von Karolis Variakojis spielt die Partituren auf jeden Fall in superber Manier, virtuos, klanglich differenziert und ausdrucksstark. Die Tontechnik ist vorzüglich, und der Begleittext von Frank J. Oteri ausführlich und detailliert in der Schilderung der musikalischen Vorgänge.

Holger Sambale [31.07.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Žibuoklė Martinaitytė
1Nunc fluens. Nunc stans für Schlagzeug und Streichorchester 00:16:05
2Ex Tenebris Lux für Streichorchester 00:24:18
3Sielunmaisema für Violoncello und Streichorchester 00:34:50

Interpreten der Einspielung

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