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CD-Besprechung

Bachiana

A Solo Cello Fantasy

hänssler CLASSIC HC21007

1 CD • 60min • 2020

25.01.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Beim Titel Bachiana des neuen Soloalbums der Cellistin Ana Topalovic mag man zunächst vielleicht an Villa-Lobos denken, doch tatsächlich ist das Konzept ein anderes: Bach – in Gestalt seiner Solosuite Nr. 1 – fungiert hier vielmehr als Rahmen, in den fünf Stücke zeitgenössischer Komponistinnen eingebettet werden. Am Stück gehört kann man die CD also als eine Art ausgedehnte Interpretation von Bachs erster Cellosuite angereichert durch Musik aus dem 21. Jahrhundert betrachten; gleichzeitig liefert die CD aber auch einen Überblick über Solomusik für Violoncello aus den letzten rund zwei Dekaden.

Szenisch anmutende „Schatten“ mit großer Variabilität in der Tongebung

Das dramatischste und ausladendste Werk, geradezu szenisch anmutend, ist dabei Doina Rotarus (Jg. 1951) Umbre III (2003) für Violoncello und Tonband. Dabei enthält das Tonband die titelgebenden „Schatten“, die das Soloinstrument umgeben – Celloklänge, aber auch allerhand Schlagwerk inklusive fernöstlicher Instrumente. Diese Einspielungen werden vom Solocello aufgegriffen, reflektiert, kommentiert und beantwortet. Hierbei durchläuft die Musik einen Prozess vom hell-euphonischen Beginn mit folkloreartigem, wie improvisiert wirkendem Passagenwerk über eine allmähliche Verdunklung, dramatisch intensiviert durch heftige Tremolo-Gesten und in brutal-wuchtige Paukenschläge mündend, hin zu einem elegischen Abgesang, der den improvisatorischen Gestus des Beginns aufgreift, ehe die Musik per Skordatur in der Tiefe versinkt. All dies wird von Ana Topalovic vorzüglich und mit großer Variabilität in der Tongebung realisiert (man höre, wie sie mit dem Tonband und seinen vielerlei Klängen regelrecht „kommuniziert“!). Kaija Saariahos (Jg. 1952) Sept Papillons (2000) sind (abgesehen von der Bach-Suite) das einzige mehrsätzige Werk auf der CD, eine Folge von Miniaturen, die sich zum Teil aufeinander beziehen (das Schlussstück bietet auf engstem Raum eine Art Resümee). Typisch für Saariaho ist die luzid-ätherische, das Klangliche betonende Grundhaltung, herkömmliche und erweiterte Spieltechniken gehen ineinander über, dabei stärker von tonalen Zentren geprägt als in manchen anderen Werken der Komponistin.

Monologe, Improvisationen und Bezüge zu Bach

Insgesamt traditioneller (und klar tonal) gehalten sind die Werke der Österreicherinnen Johanna Doderer (Jg. 1966), Gabriele Proy (Jg. 1965) und Topalovic selbst. Doderers Für Violoncello 2 kontrastiert zunächst ruckhafte Gesten mit Melodiefragmenten, ehe die letzten zwei Minuten eine Art Perpetuum mobile bilden. Bei Gabriele Proys Solostück Diamant handelt es sich im Grunde genommen eine Art Monolog in c-moll. Die ersten 15 Sekunden präsentieren dabei bereits einen Großteil des Materials, auf dem das Stück aufgebaut ist, wie den Zweitonrhythmus, mit dem das Werk beginnt und endet. Unterbrochen werden die melodischen Linien durch einen bewegteren Mittelteil, faktische eine längere Folge von Arpeggien mit der C-Saite als Fundament. Topalovics Eigenkomposition Reflections ist eine Art Improvisation mit eher knapp gehaltenen Abschnitten, die man mit Einleitung, Elegie, Lied (mit Gesangseinlage) und Tanz umschreiben könnte. Auffällig sind gewisse Parallelen in der Wahl der Mittel aller drei Stücke, so etwa die z.T. recht ausgedehnten (Proy) arpeggierten Abschnitte, die gerade im Kontext dieser CD durchaus an Bachs Vorbild denken lassen, allerdings zuweilen auf die Gefahr einer gewissen Formelhaftigkeit hin.

Bach-Interpretation mit Eigenheiten

Die erste Bach Suite interpretiert Topalovic mit überwiegend schlankem, vibratoarmem (aber nicht -losem) Ton, eine insgesamt gute, aber nicht in allen Belangen überzeugende Lesart. So ergibt sich etwa dadurch, dass Topalovic in den Sätzen 2, 3 und 5 recht verhaltene Tempi wählt, zusammen mit der (flüssiger genommenen) Sarabande eine insgesamt zu einheitlich-gemäßigte Tempogestaltung über alle vier Binnensätze hinweg, speziell, wenn man die Suite dann eben doch einmal am Stück hört. Wie in vielen neueren Interpretationen baut Topalovic immer wieder kleinere Verzierungen ein, speziell in den Wiederholungen; manches davon funktioniert gut (Sarabande), anderes ist Geschmackssache (mir ist es z.B. in der Wiederholung des zweiten Teils der Courante des Guten etwas zu viel), Abstriche ergeben sich allerdings spätestens dort, wo der Fluss der Musik gestört wird. Besonders stark fällt dies im Präludium (1:26) und in der Allemande (1:34) auf, wo das Ornament jeweils faktisch den Takt um etwa eine Sechzehntelnote verlängert, was den Grundpuls der Musik empfindlich stört. Vor einem anderem Hintergrund gelten ähnliche Beobachtungen auch für das Menuett I&II, wenn Topalovic so gut wie jeden Doppelstrich mit einer längeren Fermate versieht; vor der Wiederholung des zweiten Teils des Menuetts II erstreckt sich die Pause auf mehr als einen vollen Takt, aber schon die zusätzliche De-facto-Viertel vor der Wiederholung des ersten Teils des Menuetts I irritiert.

Vorzügliches Porträt zeitgenössischer Cellomusik

Ein kleinerer Kritikpunkt ist das (in toto informative) Beiheft, das stellenweise ziemlich dick aufträgt, wenn etwa Topalovics Bach-Interpretation als „atemberaubend“ gepriesen wird (nebenbei bemerkt könnte man darüber diskutieren, ob dieses Adjektiv bei einem Werk wie der Bach-Suite, das sich sicher nicht über Virtuosität definiert, überhaupt sinnhaft ist). Höhepunkt der CD ist für mich Topalovics sehr suggestive und ausdrucksstarke Lesart von Rotarus Umbre III. Bereits dafür (und allgemeiner als vorzügliches Porträt zeitgenössischer Cellomusik) ist diese Neuerscheinung ausdrücklich zu empfehlen.

Holger Sambale [25.01.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007, Prélude 00:02:32
Johanna Doderer
2Violoncello Solo II (Ana Topalovic gewidmet) 00:04:45
Johann Sebastian Bach
3Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007, Allemande 00:05:16
Doina Rotaru
4Umbre III (+tape) 00:11:29
Johann Sebastian Bach
5Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007, Courante 00:03:12
Gabriele Proy
6Diamant 00:08:29
Johann Sebastian Bach
7Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007, Menuet I + II 00:04:18
Kaija Saariaho
8Sept papillons für Violoncello solo 00:10:21
Johann Sebastian Bach
15Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007, Sarabande 00:03:08
Ana Topalovic
16Reflections (+voice) 00:04:05
Johann Sebastian Bach
17Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007, Gigue 00:01:56

Interpreten der Einspielung

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