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CD-Besprechung

Prokofiev

Piano Sonatas Nos. 6-8

CAvi-music 8553034

1 CD • 76min • 2020

18.01.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Severin von Eckardstein, mit mittlerweile 43 Jahren eigentlich nach wie vor ein Pianist der jüngeren Generation, hat sich während seiner gesamten bisherigen Laufbahn immer wieder für russische Komponisten wie Skrjabin, Glasunow oder Medtner eingesetzt. Mit seiner neuesten Veröffentlichung knüpft er daran an, indem er sich nun mit Sergei Prokofjews Klaviersonaten Nr. 6 bis 8, den sogenannten „Kriegssonaten“, drei Gipfelwerken der sowjetischen Klavierliteratur widmet.

Sorgfältige Disposition von Spannungsbögen, spielerische Virtuosität

Eckardstein legt die großen Spannungsbögen, die diese Sonaten prägen, sorgfältig und kontrolliert an und vermeidet extremes Forcieren. Im Precipitato-Finale der Sonate Nr. 7 etwa wählt er kein exorbitant schnelles Tempo und verzichtet sehr bewusst darauf, diesen Satz als virtuose Quasi-Zugabe zu betrachten, sondern interpretiert ihn mit großer Ernsthaftigkeit und disponiert die hier entfesselten Energien klug, so dass der Kulminationspunkt erst ganz am Ende erreicht wird. Selbst im Fortissimo bleibt sein Ansatz differenziert (u.a. in Anschlag und dynamischen Nuancen), auch in den gewaltigen Entladungen in den Kopfsätzen der Sonaten Nr. 6 und 7. So schlägt sein Klang nie in hart-metallische Regionen um, sondern bleibt im Grundsatz stets warm. Überhaupt bringt Eckardstein die lyrischen, gesanglichen Seiten von Prokofjews Musik exzellent zur Geltung; der langsame Walzer in der Sonate Nr. 6 klingt bei ihm erlesen-kultiviert, dabei durchaus frei gestaltet (etwa im Gebrauch von Rubato); das Più tranquillo in A-Dur kurz vor Schluss derselben Sonate spielt er mit herrlich gedämpftem, matt leuchtendem Ton. Gleichzeitig zeichnen sich seine Interpretationen immer wieder auch durch spielerisch-virtuose Elemente aus, ohne den Effekt zu suchen; man beachte etwa den grotesken Marsch im zweiten Satz der Sonate Nr. 6 oder den Beginn des Finales. Der Kontrast in Tonfall und Anschlag zwischen dem Beginn dieses Finales und dem C-Dur-Thema ab Takt 29 (und dann der Wiederaufnahme des Anfangs ab Takt 85) legt ein eindrucksvolles Zeugnis von der Wandlungsfähigkeit von Eckardsteins Spiel ab.

Interpretationen mit Sinn für Ambivalenzen und Zwischentöne

Die Ambivalenzen, die diesen Sonaten innewohnen, werden von Eckardstein vorzüglich und in feiner, minutiöser Detailarbeit herausgearbeitet. In den Fortissimo-Passagen des Mittelteils des zweiten Satzes der Sonate Nr. 7 (z.B. 10 Takte nach Più largamente) etwa betont er besonders die klagende Mittelstimme und hebt dadurch den Zusammenhang zu den Glockenklängen vor Pianissimo-Hintergrund kurz vor der Wiederaufnahme des Satzanfangs eindrücklich hervor. Seine Lesart der Sonate Nr. 8 zeichnet sich durch Introspektion und Reflexion aus; auch das Finale interpretiert er nicht als Siegeszug, sondern zunächst ähnlich wie die ersten beiden Sätze eher gelöst. Sehr gelungen und charakteristisch für seine Interpretation, wie er in den beiden Ecksätzen die Eintrübungen nach b-moll jeweils kurz vor Schluss als zögerndes Moment begreift, als kurzes Innehalten, vielleicht im Stile einer mahnenden Erinnerung. Im stilisierten Menuett des Mittelsatzes gelingt es Eckardstein vorzüglich, den speziellen Charakter dieses Satzes zwischen romantisch angehauchter Träumerei und Klassizismus einzufangen – Prokofjews Symphonie classique mag ein Extrempunkt in seinem Schaffen sein, aber ähnliche Tendenzen findet man natürlich auch in zahlreichen anderen seiner Werke, und davon zeugt Eckardsteins Lesart dieses Satzes beredt. Den zarten Schluss dieses Satzes spielt er mit größer Delikatesse.

Erstklassige Darbietungen

Im Begleittext liefert Eckardstein selbst durchaus subjektiv-bildhafte Einblicke in seine Sicht auf die Sonaten, eine anregende und aufschlussreiche Lektüre. In der Totalen gibt es sicherlich zahlreiche Einspielungen dieser Sonaten (u.a. die klassischen Interpretationen durch Richter und Gilels), die dem dramatischen Moment, der schieren Klanggewalt, die sich speziell in den Sonaten Nr. 6 und 7 immer wieder Bahn bricht, stärker Rechnung tragen als Eckardstein es tut. Was seine Interpretationen auszeichnet, ist die Souveränität in der Gestaltung von Großzusammenhängen, die kluge, durchdachte Disposition von Spannungsbögen und ihre Vielschichtigkeit, ihr Detailreichtum. Vorzügliche, erstklassige Darbietungen.

Holger Sambale [18.01.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Sergej Prokofjew
1Klaviersonate Nr. 6 A-Dur op. 82 00:26:31
5Klaviersonate Nr. 7 B-Dur op. 83 00:19:17
8Klaviersonate Nr. 8 B-Dur op. 84 00:29:46

Interpreten der Einspielung

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